hat , welche nicht in Krodebeck unter dem Bauernpöbel verkommen soll ? Sieh auf , Kind , und schäme dich nicht , mein feines Lärvchen . Komm im Lauf des Tages zu mir , nachdem du dich gewaschen hast . Bringe deine Schulbücher mit , wir wollen ein kleines Examen anstellen und sehen , ob die Stirn hält , was sie verspricht . Bist du willig , so sollst du bei mir bleiben als Chambrière ; - ja , ich will dich erziehen , Kleine , und dein Glück zu machen suchen . Eine Kammerfrau der guten alten Zeit sollst du werden ; ach , auch das Geschlecht ist vergangen mit allem übrigen Guten und Schönen ! O mon Dieu , ich will mir ein Verdienst daraus machen , der Welt eine wirkliche Kammerjungfer zu bilden . Bonjour , Marion , weine nicht länger , mein Miezchen , und vergiß nicht , im Sonntagskostüm zu erscheinen . « Mit graziösem Kopfneigen schritt die Enkelin so hoher Ahnen weiter und ließ den Barbier Dietrich Häußler in dem ungeheuersten Erstaunen an der Seite seiner Tochter zurück . Er blickte der Dame nach und sah auf seine Tochter ; er sah lange und von den verschiedensten Standpunkten aus auf seine Tochter , rieb sich die Augen und die Stirn , blickte wie zweifelnd nach seinem Hause hin und blickte von neuem auf seine Tochter . Auch er hob jetzt ihr Kinn empor , wenn auch nicht mit den zartesten Fingerspitzen , und endlich trat er drei Schritte weit zurück , schlug mit der geballten rechten Hand in die offene linke und rief : » Alle Donner - ob sie recht hat ! Dreimal hat sie recht ! Und ich bin ein Esel , ein Rindvieh , ein elendiger Tropft ! Fünfzigmal hat sie recht , die hochnäsige Gans , und nun , marsch mit dir ins Haus , du nichtsnutziges Balg - nein , wollte ich sagen , geh rein , mein Herzchen , mein Püppchen , und sag der Alten , ich käm sogleich nach ; aber vorerst müßte ich mich noch ein wenig erholen von allen Alterationen und angenehmen Überraschungen ! « Marie ging , wie ihr befohlen war ; der Barbier aber lief dreimal um das Dorf und kam ganz kühl und ruhig heim , half selbst mit merkwürdig milder Hingebung an der Toilette der Tochter und schickte sie am Nachmittag mit dem schönsten Gruß auf den Lauenhof zum Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin . Von dieser Unglücksstunde an aber kam eine große Veränderung in das Haus Häußler . Der Vater Dietrich wurde immer höflicher und immer zärtlicher gegen sein Kind und stieg durch tiefe Unterwürfigkeit allmählich auch immer höher in der Achtung , Gunst und Neigung der Gerichtsherrin von Valcroissant . Ober ein Jahr blieb und studierte Marie Häußler in Adelaides Zucht und Schule , und nicht ein einziges Mal während dieser Zeit gab der Vater Häußler nach der gewohnten Art dem Dorfe Stoff zum Skandal oder Zorn . Es wurde merkwürdig still in seinem Hause ; auch Dietrich studierte , und zwar die sonderlichsten Dinge ; sein unglückseliges Weib quälte er schlimmer als je , doch ebenfalls auf eine andere Weise , ganz ohne alles fernere öffentliche Aufsehen und Ärgernis . Was der Lauenhof über das Verhältnis denken mochte , welches sich zwischen dem Fräulein Adelaide und dem Hause Häußler angesponnen hatte , wie der Ritter von Glaubigern auch den Kopf schütteln mochte ; es hatte niemand das Recht , sich zu verwundern , als am zehnten September des Jahres achtzehnhundertachtunddreißig plötzlich das Geschrei im Dorf erging , der Barbier sei über Nacht verschwunden und habe seine Tochter , die schöne Marie , mit sich genommen , und niemand wisse , wo er geblieben sei , seine Frau am allerwenigsten . Betäubt und verstört erschien die Frau auf dem Lauenhofe und verlangte hustend und heulend ihr Kind und ihren Mann von Adelaide von Saint-Trouin . Das Fräulein jedoch war durchaus nicht in der Stimmung , sich auf dergleichen Zumutungen einzulassen ; es lag in Krämpfen auf seinem Sofa , winselnd über sein allzu gutes Herz und die Undankbarkeit der Welt , trotzdem daß es bereits all seine Schiebladen , Kasten und Kisten genau durchgesehen hatte und sich der Überzeugung hingehen konnte , Marie Häußler habe den Dienst verlassen , ohne sich an andern Köstlichkeiten als eben dem guten Herzen ihrer Gönnerin zu vergreifen . Ohne den Chevalier und die gnädige Frau würde das arme Weib des Krodebecker Barbiers nicht den geringsten Trost vom Lauenhofe heimgebracht haben ; so aber nahm sie wenigstens die Versicherung mit , man werde nach Kräften für sie sorgen , und was der Chevalier und die gnädige Frau versprachen , das hielten sie auch . Sie brauchten jedoch nicht lange für die Verlassene Sorge zu tragen , denn sie starb an der Schwindsucht und wurde begraben und vergessen . Auch der Meister Dietrich und die schöne Marie wurden vergessen ; wenn auch nicht so bald . Diejenigen , welche das Unglück haben , in die Mäuler der Leute zu geraten , mögen sich damit trösten , daß die Leute sehr beschäftigt sind und ungemein viel mit sich selber zu schaffen haben und daß der größte Skandal in Dorf und Stadt in demselben Augenblick beiseite gelegt wird , in welchem das Schicksal jeden einzelnen stillvergnügten Schwätzer an den Schultern faßt und ihn selber zurechtschüttelt . Man vernahm , daß der Meister Häußler mit seiner Tochter zuerst sich nach Berlin gewendet habe , und natürlich erkundigte jeder , der aus Krodebeck nach der Reichshauptstadt kam , sich nach den beiden Ortsangehörigen . Es gelangten freilich nur wenige Krodebecker nach Berlin , und diesen imponierte die große Stadt so sehr , diese verloren in dem ungewohnten Gewirr und Getümmel so vollständig ihre schlaue ländliche Unbefangenheit , daß ihre Aussagen vor Gericht kaum einigen Wert gehabt haben würden . Die Nachrichten , welche sie heimbrachten , waren so unbestimmt und schwankend und widersprachen einander häufig derartig ,