Stadtrat Hagebucher , ein Mann von körperlichem und geistigem Gewicht , der drei Töchter in seinem Ehestande erzeugt hatte und im Gänsemarsch mit denselben gen Bumsdorf zog : heiterer als im vorigen Jahre , wo noch seine Selige stets den Zug anführte und er ihn nur beschloß . Es kamen zwei jüngere Vettern , welche jedoch auch bereits Haare auf ihrer Beamtenlaufbahn gelassen hatten und welche , obgleich der Staat ihnen ihren Gehalt quartaliter mit einem gewissen Hohn , mit zweifelloser Ironie auszahlte , sich den idealsten wie den materiellsten Mächten , den Schwärmern für die Republik Deutschland wie der reichsten Bankiers- oder Fabrikantentochter gewachsen glaubten . Eine solche wohlhabende Fabrikantentochter und Kusine , Fräulein Leonore Sackermann , langte aus entgegengesetzter Weltgegend unter den Fittichen ihrer einen sehr guten Kartoffelspiritus produzierenden Eltern vor dem Hause des Steuerinspektors an . Hoch zu Roß kam der Wegebauinspektor Wassertreter , ein dreiundsechzig Jahre alter , verächtlicher Junggesell , welcher sich von Amts und Wetters wegen dem Trunke ergeben hatte und es besser hätte haben können , wie die Base , Fräulein Klementine Mauser , die ebenfalls allein , aber zu Fuße anlangte , zur unbehaglichen Zeit der Äquinoktialstürme ihrem jungfräulichen Kopfkissen ärgerlich anvertraute . Wer kam noch ? Schließen wir die Liste , nachdem wir sie kaum begonnen haben ! Es versammelte sich so ziemlich der ganze Vetter Michel , und Herr Leonhard Hagebucher trat in den geweihten Kreis und bot ihm , wenn nicht den bekannten deutschen » guten Abend « , so doch das arabische Selam aleikum , das Heil sei mit euch , worauf die Tante Schnödler erwiderte : » Wir danken dir , Herr Neffe , und freuen uns , dich anständig und christlich in Rock , Hose und Weste wieder unter uns zu haben . Du bist einst zwar ohne Abschied weggegangen , aber hier sind wir , wie es sich geziemen will , und heißen dich in verwandtschaftlicher Kompanie willkommen in Nippenburg und sind uns vermuten , daß du nun wohl endlich genug von der Vagabondage und Unreellität und sonstigen Phantasterei haben wirst . Sag ' n Wort , Schnödler . « » So ist es , Minette « , sprach der Onkel Schnödler , und mehr wurde nicht von ihm verlangt , würde im Gegenteil sehr übel aufgenommen worden sein ; Leonhard aber fühlte sich lebhaft an jene Audienzen erinnert , welche ihm vor kurzem noch Madam Kulla Gulla , die Schwiegermutter seines Besitzers im Tumurkielande , so häufig erteilte und welche stets damit endigten , daß ihm fünfundzwanzig auf die Fußsohlen zudiktiert wurden . Es war ein großer Tag ! Wenn auch die jungen Kusinen , gleich den Kindern von Bumsdorf , noch immer mit einer aus Schrecken und Mitleiden gemischten Verwunderung auf den Vetter blickten , so hatte doch die ältere Verwandtschaft jegliche mysteriöse Scheu gründlich abgeworfen und zog ihren autochthonen Lebensanschauungen und Gefühlen alle Schleusen . Das germanische Spießbürgertum fühlte sich dieser fabelhaften , zerfahrenen , aus Rand und Band gekommenen , dieser entgleisten , entwurzelten , quer über den Weg geworfenen Existenz gegenüber in seiner ganzen Staats- und Kommunalsteuer zahlenden , Kirchstuhl gemietet habenden , von der Polizei bewachten und von sämtlichen fürstlichen Behörden überwachten , gloriosen Sicherheit und sprach sich demgemäß aus , und der Papa Hagebucher wäre der letzte gewesen , welcher für seinen Afrikaner das Wort ergriffen hätte . Es war ja der Tag des Papa Hagebucher . Er hatte diese Versammlung berufen , um sich von ihr in seinen innersten Anschauungen recht geben zu lassen . Er mochte den Verlust des Sohnes noch so sehr bedauert , ja betrauert haben : die plötzliche und so gänzlich anormale Rückkehr mußte ihm naturgemäß doch noch fataler werden . Die frohe Überraschung ging allmählich in eine mürrische , grübelnde Verstimmung über ; - berechnen ließ sich hier nichts mehr , denn sämtliche Ziffern waren ausgelöscht , nur ein Fazit stand zuletzt klar da : » Der Bursche lief fort , weil er einsah , daß man ihn hier nicht gebrauchen könne ; man hat ihn auch dort nicht gebrauchen können , er ist heimgekommen , und ich habe ihn wieder auf dem Halse ! « Klar war die Rechnung , doch nicht tröstlich , und es war jedenfalls wünschenswert , daß die liebe Freundschaft und Verwandtschaft ihre Unterschriften oder drei Kreuze zu dem Wahrspruch hergebe . Man hatte sich denn doch zu rechtfertigen vor der Welt , und das konnte nicht besser bewerkstelligt werden , als wenn man sie von Anfang an mitverantwortlich machte . Es war auch keine Kleinigkeit , wenn man sich hinter der grünen Gardine des Ehebetts auf das Urteil der Tante Schnödler , die Meinung des Bruder Stadtrats oder des Vetter Sackermanns berufen konnte - man trug die Verantwortlichkeit jedenfalls nicht gern allein . Es war ein sehr großer Tag , und Lina Hagebucher hielt zuletzt ganz ängstlich die Faust ihres Bruders , denn sie konnte viel schärfer als die Mutter für ihn fühlen und beobachtete mit Zittern , wie seine Stirn von Augenblick zu Augenblick dunkler wurde und es immer grimmiger aus seinen Augen wetterleuchtete . Jeder hatte seinen Rat zu geben und gab ihn gern und ausführlich . Es war gar nicht so schwer , sich anständig durchs Leben zu bringen , wenn nur der gute Wille dazu vorhanden war ; verschiedene Wege führten noch aus der Nichtsnutzigkeit hinüber in die wünschenswerteste Respektabilität , und ein jeder stellte sich mit Vergnügen als Wegweiser auf den Kreuzweg , vorzüglich die Tante Schnödler , welche sich räusperte und sprach : » Es ist nicht genug , daß der Mensch den Schneider kommen und sich ein neu Habit anmessen lasse ; es gehört noch mehr dazu , um wieder ein anständiger großherzoglicher Staatsbürger und Untertan zu werden . Da könnte jeder Lumpazi kommen , der sein alt zerlumpt Wams am Grabenrand zum öffentlichen Ekel abgetan und das gestohlene neue angezogen hat ! Der Mensch und wilde Indianer muß auch geistlich nach dem Balbierer schicken und keine Gesichter schneiden