die Hand da drin zurückstoßen könne , - da drin in der tiefen Dunkelheit des engen Kastens , da drin , wo man nicht atmen konnte , wo man so furchtbar allein war ... Die Kleine schrie laut auf vor Entsetzen . Aller Augen richteten sich verwundert auf das Fenster , aber Felicitas sah nur die großen , grauen , deren Blick sie vorhin so tief erschreckt hatte . Er blickte strafend herüber ; sie verließ das Fenster und flüchtete sich hinter den großen , dunklen Vorhang , der das Zimmer in zwei Hälften teilte . Dort kauerte sie sich nieder und blickte furchtsam nach der Thür , wo er gewiß eintreten und sie scheltend hinausführen würde . In ihrem Verstecke sah sie nicht , wie draußen die Träger den Sarg auf die Schultern nahmen , wie der Onkel sein Haus verließ für immer . Sie sah nicht den langen , schwarzen , unheimlichen Zug , der dem Verstorbenen folgte , wie der letzte Schatten auf dem nun vollendeten Lebenswege ... Dort an der Ecke hob ein Luftzug alle die prächtigen weißen Atlasbänder , die am Sarge niederhingen - sie flatterten hoch auf ; war es der letzte Gruß des Geschiedenen für das verlassene Kind , das eine zärtlich besorgte Mutter dem trüben Sumpfe der väterlichen Laufbahn entrissen hatte , um es unwissentlich an einen öden , unwirtbaren Strand zu werfen ? 7 Das Stimmengemurmel in der Flur war plötzlich verstummt - und es folgte tiefe Stille . Felicitas hörte , wie die Hausthür geschlossen wurde ; aber sie wußte nicht , daß damit das Drama in der Hausflur zu Ende sei . Noch wagte sie sich nicht aus ihrem Winkel hervor . Sie saß auf dem kleinen , gepolsterten Lehnstuhle , den der Onkel ihr am letzten Weihnachtsabend geschenkt , und das Köpfchen ruhte auf ihren beiden Händen , die sich auf dem Tische kreuzten . Ihr Herz klopfte nicht mehr so ängstlich , aber hinter der kleinen , gesenkten Stirn hämmerte es , und die Gedanken reihten sich in fieberhafter Schnelligkeit aneinander . Sie dachte auch an die kleine , alte Dame , deren Bouquet draußen auf den Steinfliesen lag und wahrscheinlich von den unachtsamen Leuten zertreten wurde ... Das war also die » alte Mamsell « gewesen , jene Einsame hoch droben unter dem Dache des Hinterhauses , der stete Zankapfel zwischen der Köchin und Heinrich ! Nach Friederikes Aussage hatte die alte Mamsell Furchtbares auf dem Gewissen - sie sollte schuld sein an ihres Vaters Tode . Die haarsträubende Geschichte hatte der kleinen Felicitas stets Furcht und Entsetzen eingeflößt ; aber jetzt war das vorbei ... Die kleine Dame mit dem guten Gesichte und den Augen voll sanfter Thränen eine Vatermörderin ! Da hatte Heinrich sicher recht , wenn er beharrlich den dicken Kopf schüttelte und ebenso konsequent den geistreichen Satz aufstellte , das müsse anders zusammenhängen ! Vor Jahren hatte die alte Mamsell auch hier unten im Vorderhause gewohnt , aber , wie sich die alte Köchin mit immer neu aufloderndem Zorne ausdrückte - sie war nicht davon abzubringen gewesen , Sonntagnachmittags unheilige Lieder und lustige Weisen zu spielen . Die » Madame « hatte ihr Himmel und Hölle vorgestellt , aber das war alles umsonst gewesen , bis kein Mensch im Hause den Greuel mehr mit anhören konnte - da hatte Herr Hellwig seiner Frau den Willen gethan , und die alte Mamsell hatte hinauf gemußt unters Dach ... Dort wäre sie unschädlich , meinte Friederike stets , und man mußte ihr recht geben , denn man hörte nie auch nur einen Laut des verpönten Klavierspiels im Hause ... Der Onkel mußte jedenfalls sehr böse auf die alte Mamsell gewesen sein , denn er hatte nie von ihr gesprochen ; und doch war sie seines Vaters Schwester und sah ihm so ähnlich ... Eine heiße Sehnsucht erfaßte die kleine Felicitas bei dem Gedanken an diese Aehnlichkeit - sie wollte hinauf in die Dachwohnung , aber da stand ja der finstere Johannes - das Kind schüttelte sich vor Angst - und die alte Mamsell steckte jahraus , jahrein hinter Riegeln und Schlössern . Am Ende eines langen abgelegenen Korridors , dicht an der Treppe , die aus den unteren Stockwerken herauf führte , war eine Thür . Nathanael hatte einmal , als sie da droben spielten , leise zu ihr gesagt : » Du , da droben wohnt sie ! « dann hatte er , mit beiden Fäusten auf die Thür schlagend , laut geschrieen : » Alte Dachhexe , komm herunter ! « und war in schleuniger Flucht die Treppe hinabgelaufen . Wie hatte da das Herz der kleinen Felicitas vor Angst und Schrecken geklopft ! denn sie war keinen Augenblick im Zweifel gewesen , es müsse ein schreckliches Weib mit einem großen Messer in der Hand hervorstürzen und sie bei den Haaren fassen ... Es fing an , leise zu dämmern . Drüben am Rathause huschte der letzte goldene Schein der Herbstsonne um das Giebelkreuz , und auf der großen Wanduhr drin im Zimmer schlug es langsam und rasselnd fünf - sie hatte genau so eintönig und langsam jene drei Schläge herabgerasselt , nach welchen ihr ehemaliger Besitzer , der sie lange Jahre hindurch pünktlich und mit liebevoller Vorsicht bedient , hinausgetragen worden war . Bis dahin war es ziemlich still im ganzen Hause geblieben ; aber jetzt wurde die Thür des Wohnzimmers plötzlich geöffnet , und harte , feste Schritte schollen durch die Flur . Felicitas zog ängstlich den Vorhang an sich heran , denn Frau Hellwig näherte sich dem Zimmer des Onkels . Das erschien dem Kinde wunderbar neu ; es war nie vorgekommen , daß die große Frau bei Lebzeiten ihres Mannes je diese Schwelle betreten hatte ... Sie kam ungewöhnlich rasch herein , schob leise den Nachtriegel vor und blieb dann einen Augenblick mitten im Zimmer stehen . Es war ein Ausdruck unsäglichen Triumphes , mit welchem diese Frau ihre Blicke langsam durch den so lange streng gemiedenen Raum