Fensterthür , die aus dem Gemache in den Garten und zunächst auf einen großen , von hohen Bäumen umgebenen Rasenplatz führte , in dessen Mitte eine Flora aus Sandstein schon seit anderthalb Jahrhunderten steinerne Blumen aus ihrem Horne schüttete , war weit geöffnet . In dem Zimmer , welches nach Norden lag , war es schon dämmerig ; draußen aber lag noch der Abendschein warm auf dem Rasen und den prächtigen Buchen und Eichen , und die Gestalten der beiden Damen , die an einem Tische saßen , den man in die Thür geschoben hatte , zeichneten sich scharf auf dem hellen Hintergrunde ab . Ein größerer Gegensatz war nicht leicht denkbar . Die Baronin von Grenwitz war kaum vierzig Jahre alt , aber die Strenge ihrer männlich festen Züge , die großen , kalten grauen Augen , die sie so forschend und so lange auf den Sprecher richtete , die Gemessenheit ihrer Bewegungen , ihre hohe , weit über das gewöhnliche Frauenmaaß hinausreichende Gestalt , vorzüglich aber ihre eigenthümliche Art sich zu kleiden , ließen sie manchmal fast um zehn Jahre älter erscheinen . Sei es übergroße Einfachheit , sei es , wie Andere wollten , eine an Geiz grenzende Sparsamkeit , sie bevorzugte Stoffe , die sich , wie das Hochzeitskleid der würdigen Pfarrerin von Wakefield , mehr durch Dauerbarkeit , als durch irgend glänzende Eigenschaften empfahlen , und sie liebte einen Schnitt der Kleidung , von dem man deshalb nicht behaupten konnte , er sei nicht mehr modisch , weil er es eigentlich niemals gewesen war . Wie die Erscheinung für den ersten Augenblick auf Jeden den Eindruck der Würde machte , so bemerkte auch der aufmerksame Beobachter an ihrer , in jedem Momente musterhaften Haltung , und vor Allem an dem stets ruhigen , gleichmäßigen Ton ihrer etwas tiefen , wohllautenden Stimme und ihrer immer gewählten Sprache , die jeden vulgären Ausdruck sorgfältig vermied , daß sie sich dieses Eindrucks wohl bewußt war und ihn auf jede Weise zu erhalten suchte . Ob die Dame , welche sich bei der Baronin befand , sich durch die stattliche Erscheinung derselben imponiren ließ , oder es für passend hielt , wenigstens den Anschein davon anzunehmen , mochte zweifelhaft sein ; so viel schien sicher , daß sie sich in diesem Moment einer Haltung befleißigte , die nicht mit dem Ausdruck ihres Gesichts , ja nicht einmal mit ihrem Anzuge übereinstimmte . Sie trägt ein Reitgewand von dunkelgrünem Sammet , das hinreichend in die Höhe gesteckt ist , um sie nicht beim Gehen zu hindern und ihre schmalen Füße , die in eleganten Stiefelchen stecken , zu verhüllen . Das enganschließende Gewand hebt die schönen Formen des jugendlich-vollen Körpers vortheilhaft hervor , und der kleine runde Hut , der nebst Handschuhen und Reitpeitsche auf einem kleinen Tische in ihrer Nähe liegt , muß diesem wohlgebildeten Kopfe mit den üppigen , braunen Haaren , die , einfach in der Mitte gescheitelt , in reichen Wellen über Stirn und Ohren fallen und hinten zu einem Kranze aufgebunden sind , vortrefflich stehen . Sie sitzt der streng wirthschaftlichen und musterhaft fleißigen Baronin , die an einem Stück Leinwand , das möglicherweise eine Serviette ist , eifrig näht , gegenüber und scheint mit dem Sticken eines Namenszuges in einer schon gesäumten Serviette beschäftigt . Dies nimmt sich nun freilich bei ihrem Anzuge wunderlich genug aus , auch scheint diese Arbeit der Dame nicht eben zuzusagen , wenigstens hebt sie , als jetzt die Baronin aufsteht , um im Hintergrunde des Zimmers etwas zu suchen , schnell den Kopf in die Höhe und zeigt ein hübsches Gesicht mit kindlich-weichen Zügen und großen braunen , in feuchtem Schimmer glänzenden Augen , und dies Gesicht hat jetzt genau den Ausdruck eines übermüthigen Schulmädchens , dessen strenge Lehrerin auf einen Augenblick den Rücken wendet . Was sagten Sie , liebe Anna-Maria ? fragte die Dame , indem sie sich , als die Baronin sich umwandte , wieder über ihre Arbeit beugte . Ich fragte Sie , liebe Melitta , ob Sie noch genug rothes Garn hätten ? Melitta machte eine Miene , als ob sie sagen wollte , mehr als zu viel ; sie begnügte sich indeß zu sagen : ich denke , es wird reichen . Die Baronin hatte sich auf ihren Platz gesetzt und nahm die für einen Augenblick abgebrochene Conversation wieder auf . So scheint doch wenig Hoffnung auf eine vollkommene Genesung ? sagte sie . Wenig oder keine , antwortete Melitta ; besonders in der jüngsten Zeit , wo die Anfälle von Tobsucht gänzlich aufgehört haben . Doctor Birkenhain schreibt mir , daß nur ein Wunder Carlo vom Blödsinn retten könnte ; das heißt wohl so viel , als : er ist unrettbar verloren . Es ist ein hartes Loos , das der Allmächtige über Sie verhängt hat , meine arme Melitta , sagte die Baronin . Melitta antwortete nicht . Es war in diesen selben Räumen , fuhr die Baronin , die nicht anzunehmen schien , daß das angeschlagene Thema Melitta irgendwie peinlich sein könne , ruhig fort , daß ich Berkow zum letzten Mal gesehen habe . Ich gestehe , daß ich schon an jenem Abend , als er den so ärgerlichen Streit mit Ihrem Vetter Barnewitz anfing - Baron Oldenburg suchte vergeblich , die wirklich fatale Scene abzukürzen - mich eines leisen Verdachtes nicht erwehren konnte . Melitta von Berkow schienen diese Proben von dem vortrefflichen Gedächtniß der Baronin nicht eben zu entzücken ; sie wurde unruhig und warf , augenscheinlich ohne recht zu wissen , was sie sagte , die Frage hin : Haben Sie nichts von Oldenburg gehört ? Der Baron ist seit acht Tagen zurück . O ! rief Melitta mit einem Ausdruck , der Frau von Grenwitz von ihrer Arbeit aufsehen machte . Was haben Sie , Melitta ? Ich bin so ungeschickt , sagte diese und preßte ein Tröpfchen Blut aus dem Daumen der linken Hand ; also Oldenburg ist zurück ; was bringt ihn