der Kaufmann . Sie wieder , Frau Baronin ! Sie sind es jetzt fünfmal gewesen ! Ich schwöre Ihnen , daß ich keine Rücksicht mehr kenne ! Eine Dame Ihres Standes ! Schämen Sie sich ! Aber ich schone Sie nicht mehr , mögen Sie auf ewig gebrandmarkt sein ! Nicht fünf Minuten noch , so werden Sie vor dem Richter stehen ! Einen Kaufmann systematisch zu bestehlen , wie Sie es jetzt schon seit Jahren thun ! Pfui der Schande ! Inzwischen hört man eine weibliche Stimme Beschwörungen und Betheuerungen ausrufen , die von Thränen erstickt werden ... Lassen Sie ! Ich habe kein Mitleid mehr ! ruft der Kaufmann . Seit Monaten beobachte ich Sie ! Seit Monaten bemerk ' ich , daß jedesmal nach Ihrem Besuch im Magazin ein Packet Spitzen , eine Lage gestickter Taschentücher oder Seidenzeuge oder Foulards fehlen . Ich habe die Discretion gehabt , den Verdacht meiner Leute von Ihnen abzuwenden ! Nur allein ich habe mit Ihnen verkehren wollen , so oft Sie das Magazin betraten ! Heute endlich seh ' ich die rasche Handbewegung , als Sie eben einen Ihrer maskirten Käufe abschließen ! Ich folge Ihnen , Sie verlassen den Laden , ich begleite Sie und am Wagen entdeck ' ich , was Sie inzwischen unter Ihrem Mantel verbargen ! Pfui der Schände ! Aber ich kenne keine Schonung mehr ! Lucinde hörte , daß der ungeduldige Kaufmann sich näherte , um zu sehen , ob nicht endlich der requirirte Stadtamtmann kam . Jetzt aber auch vernahm sie plötzlich ein heftiges Fallen und die herzzerreißende Klage einer Schluchzenden : Auf meinen Knieen beschwör ' ich Sie , Herr Guthmann ! Ich werde alles erstatten ! Machen Sie mich nicht unglücklich ! Es währte der Auftritt noch eine Weile fort , bis sich die Vorwürfe und Drohungen milderten , das laute Schluchzen der Dame sich legte , zuletzt alles still wurde ... Es wurde sogar so still , so unheimlich still , daß es Lucinden vor Schreck kalt überrieselte . Sie konnte nicht ganz den Vorgängen mehr folgen und dachte sich irgendeine Gewaltthat . Leise , athemlos , unsicher auftretend zieht sie sich an die Thür , klinkt sie wieder leise auf und schleicht sich durch die Zimmer nach vorn auf den Vorplatz zurück , wo der galonirte Bediente wartet . Eine so anziehende Erscheinung wie Lucinde brauchte hier nicht zweimal zu fragen , um den Namen seiner Herrschaft zu erfahren . Der Diener nannte eine der ersten Damen der Stadt . Nicht lange dann währte es , so kam der Kaufmann mit der Herrschaft des Bedienten aus seinem Bureau zurück . Es war eine schlanke , magere , noch junge Dame , die Lucinde schon oft im Theater gesehen hatte , eine Frau , noch von Jugendreiz und Anmuth überstrahlt . Sie lächelte verlegen ... Auch der Kaufmann lächelte ... Sie schienen etwas verabredet zu haben , etwas besprochen , was vielleicht nicht ganz erledigt war . Die Dame zögert ... Der Kaufmann beruhigt sie mit einem süßen Bitte ! Bitte ! ... Dann steigt die Dame die Stufen nieder . Lucinde wird jetzt kurz und barsch befragt , was sie wolle ? Der Kaufmann kennt sie doch sonst , sah sie oft , war immer sehr artig gegen sie ... in diesem Augenblicke ist er wie abwesend . Als Lucinde in stotternder Unsicherheit die Meldung macht , daß der Stadtamtmann nicht zugegen gewesen wäre , daß sie aber vom Amte jemand mitgebracht hätte , der unten warte , entschuldigte sich Herr Guthmann mit sich findender Artigkeit wegen » vergeblicher Bemühung « . Mit einem auszurichtenden Gruße an ihre Herrschaft und dem Auftrag , einen stattgehabten » Irrthum « anzudeuten , steigt Lucinde die Treppe nieder . Unten rollt eben die prächtige Carrosse ab . Den mitgebrachten Gensdarmen muß Lucinde gehen heißen . Diese Scene veranlaßte in ihr Aufregungen , die sie kaum beherrschen konnte . So hatte ihr noch nie das Herz geschlagen , so war ihr noch nie das Blut durch die Adern gerollt ! Sie verschloß das Erlebte in sich . Nicht Schonung oder vielleicht eine angeborene Discretion war es , was sie zu dieser Verschwiegenheit bestimmte . Entweder fürchtete sie , zu verrathen , daß sie schon trotz ihrer Jugend eine solche Scene verstanden hatte , oder man darf glauben , daß sie einen Genuß darin fand , ein so wunderbares Erlebniß ganz allein für sich zu besitzen , ganz allein für sich zu genießen und überhaupt Dinge zu kennen , die die Nacht mit Grauen bedeckt . 5. In jedem Leben ist der Augenblick entscheidend , wo uns die Dinge anfangen objectiv zu werden . Unsere Kraft fängt von dem Augenblick an , wo wir etwas wissen , was endlich einmal feststeht , endlich einmal fixirt ist wie der Schmetterling unter der Nadel , nicht mehr auffliegen , nicht mehr wieder lebendig werden , uns widerlegen , irren , wieder zu Anfängern machen und in alle Weiten treiben kann . Die Leute nannten Lucinden allmählich stolz . Ihr Stolz bestand darin , daß sie sich selber emporhob , es versuchte mit ihrer mangelhaften Bildung ihrer immer reichern Erfahrung gleichzukommen . Sie wußte so vieles mehr und besser als viele andere , und da sie doch an formeller Bildung zurückstand , auch zu träge und zu unstet war , vielerlei noch zu lernen und nachzuholen - ihre Herrschaft würde ihr dazu , wenn sie ' s begehrt hätte , die Mittel geboten haben - , so trug sie geistig den Kopf mit Bewußtsein ihrer Lücken hoch und erfand sich allerlei Ersatzmittel und Beschönigungen für das , was ihr fehlte . In diesen Erfindungen war sie so glücklich , daß man sie bald das poetische » Hessenmädchen « nannte und sie bewunderte . Sie war naiv mit Bewußtsein . Sie konnte den Blick so senken , wie die Andacht selbst . Sie konnte ihn aber auch wieder aufschlagen , wie jene Medusen , die gerade darum so