die Untersuchung des Zimmers vorgenommen , mit Recht geschlossen , daß Alice statt der Worte sich der Zeichensprache bedient habe , die , wie sie wohl wußte , dem Pater verloren gehen mußte , da der Vorhang des Alkovens sehr dicht war . Was waren das nun für Zeichen gewesen ? Eines freilich hatte er bemerkt , die Stunde , auf die der Zeiger der Uhr gerichtet war . Es konnte Zufall sein , es ist wahr : aber der Pater wollte sicher gehen : sein Entschluß war gefaßt . Als die beiden Männer , von denen Jeder den Anfang eines Gesprächs vom Andern erwartete , weil Jeder sich zu verrathen fürchtete , wenn er den Andern auszuforschen versuchen wollte , waren schweigend bis zur Ferdinandsbrücke gekommen , wo sie sich trennten . Der Pater schritt über die Brücke fort nach seinem Gasthofe zu , Fürst Lichninsky begab sich nach seiner Wohnung , welche im Schottenviertel lag . Auf der Brücke blieb der Pater stehen und sah sich nach Salvador um . Er hatte ihn , in seine Gedanken vertieft , gänzlich vergessen . - Er wird dem Fürsten gefolgt sein - murmelte er vor sich hin . Salvador war in der That dem Fürsten gefolgt , aber nicht , wie der Pater vermuthete , um in seine Dienste zu treten , sondern um seine Wohnung auszukundschaften . Er merkte sich genau Straße und Nummer des Hauses und eilte dann mit schnellen Schritten durch das Schottenthor über das Glacis , die Alsengasse hinab bis zu deren letzter Querstraße . Hier bog er ein und schritt durch den Thorweg eines kleinen unansehnlichen Hauses über den Hof nach dem Seitengebäude . Auf seinen Ruf zeigte sich ein Licht am Gibelfenster des zweiten Stocks , das nach dem Garten hinaussah . Bald darauf hörte man den leisen Tritt eines weiblichen Fußes die Treppe hinabkommen . Die Thüre wurde aufgeschlossen . - Bist Du ' s , Salvador , mein Sohn - fragte eine Stimme in spanischer Sprache . - Ja , Mutter . Die Thüre öffnete sich . Es war Ines , die verlassene Geliebte des Fürsten . V Es war eine kleine ärmliche Wohnung , die Ines und Salvador inne hatten , denn sie bestand nur aus einer Stube mit wurmstichigen Möbeln , und einer Kammer , die nichts enthielt , als einen Strohsack und einen daneben stehenden hölzernen Schemel . Hier wohnte oder vielmehr schlief Salvador , denn wenn ihn sein rastloses Temperament nicht auf der Straße umhertrieb , so saß er wohl Abends zuweilen neben seiner Mutter auf dem altmodischen Sopha , dem Prachtstück des Zimmers und erzählte ihr von den blühenden Mandelwäldern in den schönen Thälern Kataloniens . Dann pflegte der schwere Trübsinn , der wie eine düstre Wolke auf ihrer edlen Stirn gelagert war , einer sanfteren Stimmung zu weichen und das Eis stolzer Gleichgültigkeit , welche den majestätischen Zügen ihres bleichen Gesichts tief eingegraben war , in einige warme Thränen der Wehmuth zu schmelzen . Das waren des Knaben glücklichste Stunden - denn mit dem zartfühlenden Instinkt halb barbarischer Naturen vermied er jeden Versuch des Trostes , der Ines nur beleidigt und gereizt , aber nicht beruhigt hätte , während für sie , die von der Zukunft nichts erwartete , als den einstigen Triumph der Rache über den , der ihres Lebens Keim für immer vergiftet , die Erinnerung an die schöne Vergangenheit noch die einzige Quelle milderer Gefühle war . Ines Charakter war aus zwei - scheinbar widersprechenden und doch bei höheren Naturen so oft zusammenkommenden - Elementen gebildet : aus ruhiger , nie ihres Zieles vergessender Consequenz im Handeln und maßloser Leidenschaftlichkeit im Empfinden . Die Einheit dieser beiden Elemente prägte sich auch in ihrem ganzen Wesen aus . Ihre stolze schlanke Gestalt - Ines zählte erst 32 Jahre - war in Bewegung und Ruhe der vollkommenste Ausdruck eines festen , thatkräftigen aber zugleich sich selbst beherrschenden Geistes : wenn sie einherschritt , oder sich mit irgend Etwas - mochte es auch das Unbedeutendste sein - beschäftigte , stets lag auf jeder ihrer Bewegungen das Gepräge einer ihres eigenen Werthes und ihrer Macht bewußten , königlichen Seele . Regte aber irgend eine Erinnerung , ein vergilbtes Blättchen aus den Zeiten ihres Glücks oder auch nur ein Gedanke an jene für sie unvergeßliche Zeit ihre Empfindung an , so gab augenblicklich der düstere glutgetränkte Glanz , welcher aus ihren großen schwarzen Augen strahlte und das Zittern ihrer feingeschnittenen Lippen Zeugniß von den tiefern Wogen der Leidenschaft in ihrem stolzen Herzen . Ines Gefühle und Gedanken bewegten sich wie der Magnet nur stets nach einer und derselben Richtung . Das ehemalige Glück ihrer Liebe und der Verrath ihrer Liebe : das waren die beiden Pole ihrer Empfindung . War ihre Liebe gewaltig und Titanen gleich gewesen , so war es jetzt ihr Haß und das Bedürfniß der Rache . Aber sie verschloß beide Gefühle , die Erinnerung an ihre Liebe und die Hoffnung auf Rache tief in ihrer Brust . Selbst mit Salvador hatte sie nur einmal davon gesprochen ; es war an seinem 15. Geburtstage , als sie ihn in ihr ganzes Leiden einweihte . Salvador hatte mit zerrissenem Herzen zugehört , aber ohne auch nur durch einen Laut zu verrathen , was in jenen Augenblicken in ihm vorging : aber als sie geendet , war er zu ihren Füßen gekniet , und hatte ihr mit fester Stimme den Schwur geleistet , sie zu rächen . Da hatte Ines die rothseidene Schärpe hervorgeholt und sie dem Knaben um den Leib gewunden , und einen Dolch aus dem Busen gezogen und ihn in die Schärpe gesteckt . - Salvador hatte sie verstanden - und es war weiterhin keine Rede mehr darüber zwischen ihm und seiner Mutter , aber das natürliche , unbefangene Verhältniß zwischen ihnen war seitdem verändert worden . Nicht als wenn die Liebe und Verehrung , welche Salvador für seine Mutter empfunden , an Tiefe und Innigkeit verloren ; im Gegentheil , er gelangte nun