daselbst traten wir unsre Rückreise an , und langten Mitte Oktobers mühselig und niedergeschlagen in Engelau an , wo ich mein Reisetagebuch für Paul mit den Worten schloß : » Bis jezt habe ich die Welt und die Genüsse einer Reise ganz unter meiner Erwartung gefunden . Ueberrascht hat mich nichts als das Hochamt in Würzburg und daß Sedlaczech betete ; alles Andre hatte ich mir schöner vorgestellt . « - - - - Bald darauf kam Paul mit seinem Vater und der Allerseelentag beschloß mein fünfzehntes Jahr und mein allzukurzes Mädchenleben : es war ebenso unvollkommen und überreizt wie meine Kindheit gewesen . Nun war ich Frau ! - Warme schlichte Pflege des Gefühls und ein bestimmter Wirkungskreis in häuslichen Pflichten und in einer geregelten Thätigkeit , ist die naturgemäße , folglich die gesundeste Atmosphäre für die Entwickelung des Weibes . - Statt mich in sein Haus zu führen , setzte Paul mich in seinen Reisewagen ! - Er war vier und ein halbes Jahr mit geringen Unterbrechungen in London gewesen , und so ermüdet und abgespannt durch die kolossalen Proportionen und die Riesenbewegungen im englischen Leben , denen das deutsche Spießbürgerthum nun einmal nicht gewachsen ist , daß er sich nach der Zwanglosigkeit des Reiselebens sehnte , und sich überdas ein Fest daraus machte mich in alle Herrlichkeiten , Freuden und Schönheiten der Welt einzuweihen . Er verzog mich wie nur je ein verliebter Ehemann seine Frau verzogen und sie zu seiner Puppe und zu seinem Kleinod gemacht hat . Paul war ein ganz liebenswürdiger Mensch von edler Gesinnung , von gebildetem Verstande , von tadellosen Sitten , höchst angenehm in der äußern Erscheinung ; er hatte nur einen Fehler - und dieser Fehler wäre vielleicht neben einer andern Frau gar nicht zum Vorschein gekommen : es war seine grenzenlose Schwäche für mich . Er liebte in mir Alles was das Menschenherz rührt : Erinnerungen an seine frühere Jugend , an seine erste Liebe , an seine ersten Schmerzen - ein Kind das sich ihm angeschmiegt hatte , ein Mädchen das für ihn aus der Kindheit erwachte - - und endlich ein reizend schönes Weib . Ich war unwiderstehlich für ihn ! - Ach wie viel tausendmal mißbrauchte ich diese Allgewalt .... nicht grade zum Bösen , denn ich war nicht verderbt - aber aus Laune , aus kindischem Uebermuth , zuweilen sogar um zu versuchen wie weit meine Macht reiche . Ich erbat und erschmeichelte , erweinte und erscherzte Alles was mir durch den Sinn flog . Das soll nicht heißen als hätte ich Verkehrtes oder Unsinniges begehrt , sondern eben nur daß mein unbedingter Wille die Axe unsrer Existenz wurde . Als ich es dahin gebracht hatte - absichtslos , immer ungenügsamer werdend , Schritt vor Schritt bis zur äußersten Grenze vordringend ! - da empfand ich Mitleid mit Paul , und dies Mitleid wuchs bis zur Mißachtung , um nicht Verachtung zu sagen . Ein Mann , und unfähig ein Nein ! gegen mich zu behaupten , wenngleich Vernunft und Recht bei dem Nein waren - ich fand das unmännlich , folglich weibisch , folglich erbärmlich , folglich konnte ich Paul nicht wie ein höheres Wesen verehren : so lautete meine unerbittliche Logik . Da ich nicht im Gefühl , sondern nur in Ideen und Phantasien lebte , welche stets einen übertriebenen Maßstab an Menschen und Dinge legen , während nur das Gefühl ihn rectificirt , so war ich ohne Schonung und ohne Zartheit , und suchte nicht den Punkt zu vermeiden oder zu umgehen , der mir Pauls Schwäche im grellsten Licht zeigte . Es ist unmöglich die intimen Verhältnisse der Ehe in ihrem ununterbrochenen Zusammenhang und Contact in Worte zu bringen die nicht plump und nicht übertrieben klingen . Es finden Nüancen statt für die man Wahrnehmungen doch keine Beschreibungen hat und Erkenntnisse die mit äußerlich unfaßbaren Uebergängen in die Seele schlüpfen - und dann wieder Anomalien , die jeder Erklärung widerstehen , und den Character als ein planlos zusammengewürfeltes Modell von einem Menschen erscheinen lassen . Ich kann nur im Allgemeinen sagen , daß ich mich benahm als habe ich es darauf abgesehen mein Leben muthwillig zu verderben . Ich trieb Alles bis auf die äußerste Spitze , und da Nichts sich dort halten kann , so erlebte ich eine Enttäuschung , einen Sturz von der Höhe nach dem andern , und fand mich zwischen Ruinen sobald ich zur Besinnung kam . Wie einst Don Quixote auf Abenteuer aus der Epoche der Paladine - so zog ich in die Welt um großen Menschen zu begegnen , und um im Leben der Völker , in den Leistungen der Individuen , in den Bildern der Natur die absolute Vollkommenheit und Schönheit zu finden , deren Ideal ich in meinem Kopf herumtrug . Ich suchte Charactere , Zustände , Kunstschöpfungen , Seelen , die zugleich vollkommen abgerundet wie Perlen und brillant facettirt wie Diamanten wären . Ich suchte Stoff zu ununterbrochener Bewunderung - und fand ihn nur ausnahmsweise ; Genüsse die permanente Befriedigung bieten mögten - und fand sie nur in einzelnen Momenten . Pausen der Leerheit , der Dürre , der Kälte traten bei mir ein , und zwar schon in den Flitterwochen und während unsers Aufenthaltes in Paris - von denen ich früher keine Vorstellung gehabt hatte . Ganz natürlich ! ich lebte jezt in einer solchen Aufregung , daß sie mit Abspannung abwechseln mußte , während in meinem friedlichen Engelau kein Rausch und folglich keine Ernüchterung eintreten konnte . Von den vierundzwanzig Stunden eines Tages verbrachte ich zwanzig in fieberhaftem Wachen und vier in fieberhaftem Schlaf . Alle Sehenswürdigkeiten von Paris , alle Schätze seiner überreichen und verschiedenartigen Museen wollte ich gründlich kennen , beurtheilen , verstehen lernen . Sachverständige mußten mich begleiten , mir historische oder technische Erklärungen geben , mein ungeübtes Auge auf Fehler oder Schönheiten aufmerksam machen . Mit derselben Gründlichkeit wurden die Magazine der Modistinnen , der Juweliere , der Schneiderinnen , der Schuh- und Handschuhmacher heimgesucht .