sonderbaren Effect machen soll , daß Jemand im Momente höchster Aufregung sich plötzlich in der Rede unterbricht , ruhig ein paar Minuten wartet , bis die Einleitungstacte vorüber sind , und dann in demselben Affecte zu singen anfängt . Du hast Recht , fiel Joseph ein , erst lehre aber unsere Sänger so deutlich singen , daß man sie verstehen kann ! denn in hundert Fällen sind es die eingeschalteten Reden allein , aus denen man einigermaßen entnimmt , weßhalb die Leute auf der Bühne sich eigentlich ereifern . Dabei werden diese Zwischengespräche auch so unverzeihlich leicht behandelt , daß man sie nur mit Widerwillen hört , fügte Hughes hinzu . Ich muß dabei an einen der ersten Tenoristen Deutschlands denken , den ich einst in einer Residenz Ihres Vaterlandes hörte , und der , als er den Fra Diavolo in ganz erträglichem Deutsch gesungen hatte , beim Sprechen in ein so reines Schwäbisch verfiel , daß es den possenhaftesten Eindruck machte . Mich dünkt , wandte die Pfarrerin ein , als sei in der That bei der Musik das Wort die Nebensache , da Instrumentalmusik und namentlich die Töne der Orgel denselben Eindruck auf das Gefühl zu machen vermögen , als der Gesang . Das möchte ich nicht behaupten , meinte Joseph , mich langweilt jedes Instrumentalconcert , und zu einer Kirchenmusik zu gehen , würde mich keine Macht der Welt bewegen . Weil Du ein Verstandesmensch bist , rief Jenny aus , immer bereit , die Ansicht der Pfarrerin zu theilen und Joseph zu widersprechen , weil Du die Empfindung Anderer nicht kennst . Oh ! Deine Empfindungen und Gefühle z.B. kenne ich am Ende doch , warf Joseph neckend hin , aber mit einem Blick und einem Tone , der ihr das Blut zu Kopfe trieb . Einen Augenblick schwieg sie bestürzt , dann nahm sie sich zusammen , und sagte zu Hughes : Glauben Sie nicht auch , daß die Musik der Worte entbehren könne ? Insofern bestimmt , als man gewiß sang , ehe man daran dachte , den Gesang mit der Sprache zu verbinden . Mir scheint es aber , als ob Musik und Dichtung so nahe zu einander gehören , daß man kaum sagen darf , die Dichtung könne der Musik , oder diese der Dichtung entbehren . So vollkommen jede Kunst für sich allein zu bestehen und zu entzücken vermag , so gibt es doch gar viele Fälle , in denen erst beide zusammen , sich ergänzend , zu dem vollendeten Ganzen werden , das uns begeistert . Ich will doch lieber den Tasso ohne Musik hören , als den Figaro ohne Worte , lachte Joseph . Was das nur wieder für ein Streit ist , sagte Eduard , der bis dahin mit seiner Mutter gesprochen und an der Unterhaltung nicht Theil genommen hatte . Wie oft hast Du , Joseph , mit großem Vergnügen der Aufführung der Ouverture gerade des Figaro zweimal hintereinander zugehört . Merken Sie es sich aber , lieber Hughes , daß meine Schwester und mein Vetter es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheinen , einander zu widersprechen , wenn es irgend angeht . Jenny fürchtet , wir könnten sonst Mangel an Unterhaltung haben , und der Stoff würde ihr fehlen , unterbrach ihn Joseph , übrigens bin ich in der That nicht sehr empfänglich für Musik , obgleich ich sie recht gern habe . Du brauchst Dich dessen nicht zu rühmen , flüsterte Jenny dem Cousin ins Ohr , als in dem Augenblick die Introduction zum zweiten Acte begann : Who is not moved with rapture on sweet sounds , is fit for treason , stratagem and spoil , let him not be trusted . - Joseph war verletzt . Er verließ die Loge , die Uebrigen rückten leise die Stühle zurecht , um von dem Gesange der Sängerin nichts zu verlieren , und mit reinem , schönem Tone stimmte sie das » heilige Quelle meiner Triebe « an . Jenny bog sich einen Moment über die Brüstung der Loge hinaus , um sich nach ihren Bekannten umzusehen , und ihr erster Blick fiel auf Reinhard , dessen Augen sehnsüchtig an ihr hingen . Seit der letzten Stunde , seit einigen Tagen hatte sie ihn nicht gesehen , der es schwer genug über sich gewonnen hatte , sie zu meiden . Sie mußte wenigstens von ihm hören , von ihm sprechen , darum hatte seine Mutter die Einladung zum Theater erhalten . Als Madame Meier und Jenny vor der Thüre der Pfarrerin vorfuhren , hatte Jenny das Herz vor Freude bei dem Gedanken gebebt , nun werde Reinhard , wie er pflegte , die Mutter hinunter geleiten - aber er kam nicht . - Nur das Dienstmädchen leuchtete vor , und der Meiersche Diener half der Matrone in den Wagen . Auf die Frage von Madame Meier , ob Herr Reinhard heute das Theater nicht auch besuche , hatte seine Mutter erwidert , ihr Sohn sei von dringenden Arbeiten so sehr in Anspruch genommen , daß er durchaus zu Hause bleiben müsse , und ihre Bitte , sich heute einmal Ruhe zu gönnen und den Figaro zu hören , habe er entschieden abgelehnt . Damit war Jenny jede Hoffnung für den heutigen Abend genommen worden ; sie hatte sich aber schwer genug in den Gedanken gefunden , und konnte nun kaum einen Schrei freudiger Ueberraschung zurückhalten , als sie den Geliebten plötzlich vor sich sah , als das Bewußtsein in ihr auftauchte , er , der so unverwandt zu ihr emporblickte , könne nur ihretwegen gekommen sein . Und so war es in der That . Er hatte zu arbeiten versucht , aber das Bild der Geliebten war zwischen ihn und die Arbeit getreten . Er sah sie in glänzender Toilette , die sie liebte und in der sie so schön war . Er sah , wie das bleiche , feine Köpfchen , von langen dunkeln Locken beschattet , alle Blicke auf sich zog . -