zieht diese sonst immer so glatte Stirne in so krause Falten ? was hat es denn gegeben , das Euer Gnaden verdrießt ? Ach Andreas Andreas ! seufzte sie : das hättest Du an mir nicht thun sollen ! hättest Du Richards niedre Herkunft mir nicht verhehlt , wie hätte ich jemals ! - nein dergleichen thut nie gut ; Du weißt ich behaupte , es geht wider die Natur . Seltsames Geschlecht ! den will ich sehen der Dir alles recht machen kann ! rief herzlich lachend der Fürst . Gute Eudoxia , hast Du denn jemals um Richards Herkommen mich befragt ? hast Du wirklich gemeint , ein englischer Herzog oder Lord würde uns seinen Sohn für unsre Kinder herschicken ? So albern bin ich nicht , daß ich einen jungen Lord zum Gesellschafter für unsre Kinder fordern sollte : erwiederte sie , ziemlich gereizt ; aber ein Handwerksbursch ? - der Abstand ist zu ungeheuer ! ich wollte ich hätte den unglücklichen Richard nie gesehen ! ich möchte über ihn weinen . Helena , in ihrer Fensterecke mit ihrer Stickerei beschäftigt , hatte bis dahin auf das Gespräch ihrer Eltern nicht sonderlich geachtet . Jetzt ward sie aufmerksam ; die Nadel entfiel ihrer Hand ; sie hob sie nicht wieder auf , sondern näherte sich vorsichtig dem sie verdeckenden Vorhange , der von dem hohen Fensterbogen herabschwebte . Aber gute theure Eudoxia , wie kannst Du mit so barmherzigen Gesinnungen Dich quälen wollen , die hier gar nicht am rechten Orte angebracht sind ! erwiederte der Fürst , und faßte liebkosend seiner Gemahlin nur schwach widerstrebende Hand . Wie würde Richard über Dein unverdientes Mitleid sich verwundern , dessen Veranlassung ihm ganz unerklärlich scheinen müßte ! Er ist ja nichts weniger als unglücklich oder bedauernswerth , fuhr der Fürst fort ; zwar ist er kein Prinz , aber eben so wenig ein Handwerksbursche zu nennen . Richards Vater ist ein Mitglied jener höchst achtungswerthen Klasse von Bürgern , welcher Großbritannien seinen Reichthum und dadurch seine Größe verdankt . So viel ich durch Herrn Groß erfahren , ist er Besitzer einer Fabrik in einem englischen Mittelstädtchen ; hat viele Kinder , bei nicht sehr bedeutendem Vermögen ; und entschloß sich deshalb , einen seiner jüngern Söhne im Auslande zu versorgen . Was liegt denn darin so Entsetzliches ? Gewiß wird er noch obendrein in kurzer Zeit sehr reich werden , wenn er es nicht schon geworden ist . Denn diese Probe seiner Fabrikate ist ein Beweis , daß er durch Erfindungsgeist und Industrie sich vor vielen andern auszeichnet , und sich auf dem rechten Wege befindet , sein Glück zu machen . Was liegt daran ? klagte Eudoxia ; und wenn er Millionen erwürbe , das ändert nichts . Die Geburt entscheidet ; ein geborner Leibeigner bleibt es ewig . Aber es giebt keine Leibeigenen in jenem Lande , wo selbst der an der Küste von Guinea für baares Geld erkaufte Neger ein Freier wird , sobald er den Fuß auf englischen Boden setzt : erwiederte etwas ungeduldig der Fürst . Das alles habe auch ich in Büchern gelesen , antwortete Eudoxia im nämlichen Tone ; aber wenn dem auch so ist - wenn das gemeine Volk , Arbeitsleute , Diener , Handwerker , und jene Manufakturisten , die sich nur dadurch von diesen letzteren unterscheiden , daß sie das Handwerk mehr ins Große treiben , wenn das alles auch dort nicht leibeigen genannt wird , es gehört doch zu einer Klasse - genug , es ist ebenso von uns verschieden , als das armselige Haidekraut von der Rose , die doch auch alle beide zum Pflanzenreiche gezählt werden . Deine Klagen werden wirklich poetisch : rief der Fürst gutmüthig spottend . Wie bedauernswürdig ist der arme Richard ! fuhr Eudoxia fort ; warum mußte er von der Natur für ein weit höheres Loos ausgestattet werden , als das ist , wozu sie ihn bestimmte ! Ich meinte er sei wenigstens der Sohn eines Kaufmanns , wie Herr Groß in Petersburg und Andre , die zuweilen Zutritt zu uns haben , weil sie gewissermaßen den Übergang zu den niedrigen Volksklassen bilden , zu denen sie nur halb gezählt werden können . Ich habe gehört , daß der jüngere Bruder eines Lords sich in England oft dem Kaufmannsstande widmen muß , weil nur der älteste Erbe der Familiengüter und des mit diesen verbundenen Adels werden kann . Ich habe das oft gehört und gelesen , und konnte , nach Richards vortheilhaftem Äußern zu urtheilen , nur denken , daß er Abkömmling eines solchen edeln Stammes sei ; und nun muß ich heute erfahren , daß er im niedrigsten Stande , aus unedlem Blute - - Halt , halt , rief lachend der Fürst : machst Du doch aus lauter Liebe und reinem Mitleid den armen Jungen vollends zum Paria . Dann setzte er zu ihr sich hin , und gab , ernster werdend , sich alle ersinnliche Mühe , ihre Ideen über diesen Punkt zu berichtigen . Seine Reden und Gründe glitten an dem unbeugsamen Glauben der Fürstin ganz wirkungslos ab ; desto größern Eindruck aber machten sie auf Helenen , die bis dahin mit gespannter Aufmerksamkeit dem Gespräche ihrer Eltern zugehört hatte . Sie fing schon an sich mit ihrer Mutter über Richards , ihr freilich ganz unverständliches Unglück , recht von Herzen zu betrüben , und die Thränen traten ihr darüber in die Augen ; aber die Worte ihres Vaters , dem sie gewöhnt war unbedingt zu vertrauen , ermuthigten und trösteten sie wieder . Sie kehrte leichteren Herzens zu ihrem Stickrahmen zurück , als das Gespräch Familienangelegenheiten sich zuwandte , die sie wenig interessirten ; doch als sie im Verlaufe desselben ihren eignen Namen nennen hörte , mußte sie wider Willen abermals darauf achten . Wahr ist es , hörte sie die Mutter sagen , Helenen kann man beinahe ganz erwachsen nennen ; das ist so gekommen , ohne daß ich es recht gewahr worden bin