wie man sie sonst nur tiefer in Böhmen hinein anzutreffen pflegt . Die Füße waren ihm in Kissen verpackt , und es schien , daß er am Podagra heftige Schmerzen zu leiden hatte . Er hielt ein Amulet zwischen den Händen , wahrscheinlich eine sehr kostbare Reliquie , die er unaufhörlich zum Munde führte und inbrünstig küßte . Meine Begrüßung erwiederte er kaum , obwohl er sich über mein Eintreten zu wundern schien . Dann schlug er einige Male ein Kreuz gegen mich , und blickte wieder starr vor sich hin , ohne im Mindesten auf mich zu achten , und küßte seinen in Gold gefaßten Reliquienknochen . Ich glaubte nie ein steiferes und unempfindlicheres Götzenbild auf böhmischen Heerstraßen gesehen zu haben . Ein Schauer wandelte mich an , und es kam mir vor , als sei ich , ein Kind der Zeit , vor den alten Saturnus getreten , um von ihm verschlungen zu werden . Denn Saturnus verschlingt noch immer seine Kinder , und seine liberalsten wie seine legitimsten Söhne schluckt er doch am Ende alle in den großen Magen hinunter . Nur die Justemilieus sind ihm bislang noch mitten in der Kehle stecken geblieben . Ich sagte endlich zu diesem böhmischen Saturn , ich sei ein friedfertiger Stubengelehrter aus Berlin , und wollte mir die Ehre geben , einen Collegen in ihm kennen zu lernen . Er sah mich groß an , rückte ein wenig an seinem Sammetkäppchen , wies dann auf seine eingewickelten Füße und küßte wieder den Reliquienknochen . Er schien sich mit dieser Geberde entschuldigen zu wollen , daß er seines Podagras wegen nicht aufstehen und mich bewillkommnen könne . Dies war doch schon eine Annäherung . Ich fragte , ob er vielleicht zufällig die Analecta Monasterii Ossecensis von dem unsterblichen Schoettgenius , die in Dresden 1750 in Quarto herausgekommen , besitze ? Ich sei eben in diesem Kloster gewesen , und wünschte jetzt alle Klöster dieser Zeit aus ihren Quellen zu studiren . Er schüttelte abwehrend und etwas murmelnd sein Haupt . So besitzen Sie vielleicht das werthvolle und seltene Buch von Czerwenka : Splendor et gloria domus Waldsteinianae , das ebenfalls in Quarto zu Prag 1673 erschienen ist ? Ich bin eben in Dur gewesen , und wünschte jetzt alle Aristokratieen dieser Zeit aus ihren Quellen zu studiren . Er schüttelte abermals sein graues , von Alter , Sorgen und Amtsverrichtungen gebeugtes Haupt . So besitzen Sie vielleicht ein frisches Glas Milch , mein Herr , in Ihrem Haushalt , um einem dankbaren Reisenden , den die Sonnenhitze ganz außer sich gebracht hat , damit zu bewirthen ? Da schlug er dreimal mit der Faust auf den neben ihm stehenden Tisch , daß Alles krachte und sogar die Fensterscheiben erzitterten . Ich begriff nicht , wodurch ich seinen Zorn so erregt haben konnte . Es war dies aber nur ein , wie es schien , in seinem Staatshaushalt gewöhnliches Signal gewesen , das die Stelle einer Klingel ersetzte . Denn bald auf dieses Zeichen trat die ziemlich hübsche Magd ins Zimmer , um die Befehle des alten Schulregenten zu gewärtigen . Ein Glas Milch für den Herrn ! brummte er ihr zu , in einem Ton und mit einer Stimme , die nicht gern gaben . Ich ließ mich aber dadurch nicht irre machen , setzte mich in der ihm gegenüber befindlichen Ecke des Zimmers nieder , und nahm von der lächelnden Magd die dargereichte Erquickung mit Dank und Lob an . Ich schlürfte die vortreffliche Milch und schwieg . Eine tiefe Stille herrschte rings um uns her . Es ist recht schön in Dux ! hörte ich es dann auf Einmal murmeln . Ich sah mich erschrocken um . Wirklich , der Alte hatte es zu mir gesagt . Oho , am Ende schwatzt er doch gern , und hat Lust , sich in ein ehrsames Gespräch mit mir einzulassen . In Dux ist es recht schön ! antwortete ich , und sah freundlich zu ihm hinüber . Er sah wieder freundlicher , als sonst , zu mir herüber . Dann trat von neuem eine Pause ein . Endlich schien er das Schweigen nicht länger mehr aushalten zu können . Es sind viele Merkwürdigkeiten in Dux ! sagte er . Dabei küßte er seinen Reliquienknochen . Es ist sehr merkwürdig in Dux ! entgegnete ich . Haben Sie denn auch auf dem zweiten Schloßhofe das Bassin gesehen , welches der erlauchte und hochberühmte Albrecht von Waldstein , Herzog zu Friedland , aus eroberten schwedischen Kanonen hatte gießen lassen ? fragte er , zu meinem Erstaunen , weiter . Wahrhaftig , der Mann konnte reden . Er spricht jetzt ordentlich in zusammenhängenden Sätzen , fängt überhaupt an , liebenswürdig zu werden , und beschämt mich , daß ich ihn so sehr verkannt hatte . Ach , mein Herr , sagte ich , auf dem Schlosse Dux ist es mir ganz sonderbar gegangen . Statt an den großen Herzog von Friedland zu denken , statt manche andere historische Merkwürdigkeiten mit Andacht zu betrachten , statt in den schönen englischen Park lustwandelnd mit meinen Gefühlen spazieren zu gehen , dachte ich nur immer - stellen Sie sich vor ! - ich konnte meine Gedanken gar nicht davon abbringen - - ich dachte immer nur - Nun , ins Henkers Namen , woran dachten Sie denn ? fuhr der heftige Alte heraus . Ich dachte an - - Casanova ! sagte ich kleinlaut . Casanova ? fragte er verwundert , und war wieder gleichgültig geworden . Ich kenne ihn nicht . Wie ? rief ich lebhaft aus , und sah ernst zu ihm hinüber , Sie kennen den berühmten Jean Jacques Casanova de Seingalt nicht ! War er ein guter Katholik ? fragte er . Ja , mittelbar . Sein Katholicismus war der Weltgenuß ; eine großartige Leidenschaft für das Leben war seine Religion und seine alleinseeligmachende Kirche , und wurde ihm dazu . Religiös in Weltliebe , weise im Leichtsinn , philosophisch in der