Holm geht heut oder morgen nach Odessa ab . « Die Tante blickte jezt mit unbeschreiblicher Wehmuth auf das arme Mädchen hin , das in wilder Angst sie anstarrte , dann das Gesicht verhüllend , » er ist fort ! er ist fort ! auf ewig fort ! « in herzzerschneidenden Klagetönen wimmerte . » Holm ist nicht fort , « sprach jezt die Tante , nachdem sie mühsam ihre gewohnte heitre Fassung wieder errungen hatte , » ich habe ihn kurz vor deiner Ohnmacht heut Vormittags gesehen , als er bei Müllern sich nach deinem Befinden erkundigte . Der gute Alte hat mich nachher lange von ihm unterhalten , von seinen lobenswerthen Eigenschaften , von seinen Aussichten in die Zukunft . Odessa ward dabei gar nicht erwähnt und Müller hätte nicht davon geschwiegen , wenn die ganze Reise nicht ein Mährchen wäre . Wer wird auch in dieser Jahreszeit , bei einbrechendem Winter nur daran denken so etwas zu unternehmen ! « Vicktorine richtete sich im Bette auf , sie sah der Tante lange und forschend ins Gesicht , dann ergriff sie ihre Hände und drückte sie fest an ihr hörbar klopfendes Herz , an ihre heissen Augen , sie bewegte die zitternden Lippen , aber , von ihrem Gefühl überwältigt , vermochte sie es nicht , nur einen Laut hervor zu bringen . » Du liebes Ebenbild meiner Schwester , « sprach die Tante sehr bewegt , » du sollst mich immer nicht nur mild und theilnehmend , sondern auch wahr finden . Armes , armes , Kind ! Beruhige dich für jezt , ich will es auch . Wir wollen Kräfte sammeln , denn wir werden beide sie brauchen . « » Ich weis es Tante , « erwiederte ihr die jezt zwar minder heftige , aber doch noch immer sehr aufgeregte Vicktorine , » ich weis es . Auch was Ihnen selbst vielleicht noch unbekannt blieb , ist mir es nicht mehr , denn ich weis , warum man Sie , gerade Sie zu mir gerufen hat . Ich kenne Sie nur wenig , liebe Tante , doch weit ich mehr , als ich es sagen kann , mich hingezogen fühle , Sie gleich einer zweiten Mutter zu ehren und zu lieben , so wage ich es , Sie , bittend , zu warnen . Unternehmen Sie es nicht , zu versuchen , was man von Ihnen fordern wird , denn , ich sage es Ihnen im voraus , Sie und mein Vater können zwar das Herz mir brechen , aber nie mich verleiten , der treuen , alles opfernden Liebe unwürdig zu lohnen . Wollen Sie mir nicht glauben , meine Bitte nicht erfüllen , nun wohlan , dann versuchen Sie Ihre Ueberredungskünste , die ganze wunderbare Macht , die Ihnen gegeben ward über die Gemüther Anderer zu herrschen . Mich sollen Sie standhaft finden , nie sollen Sie mich verleiten , die Stimme zu ersticken , die in mir laut über Recht und Unrecht entscheidet . Die Tante erwiederte der noch immer unnatürlich Aufgeregten nur wenig , und in den mildesten Ausdrücken , und so gelang es ihr endlich , sie nach und nach einigermassen zu besänftigen . Was ihr indessen Vicktorine an diesem Abend und in den nächst folgenden Tagen nur stückweise , oft von Gefühlsergiessungen der Erzählerin , zuweilen von Gegenbemerkungen der Tante unterbrochen , mittheilen konnte , findet der Leser im folgenden Abschnitt in zusammenhängender Form . Raimund Holm war der Sohn eines Mannes dem wohl anzusehen war , daß während eines nicht sehr langen Lebens die Welt ihm oft und vielfach wehe gethan haben mochte . Mehr noch als sein früh ergrautes Haar und seine augenscheinlich , durch langen und herben Gram verdüsterten Züge , bezeigte dies die tiefe Abgeschiedenheit , welche er mit einer Art Aengstlichkeit aufsuchte , und die Scheu , mit der er alles floh , was nur von ferne dahin abzwecken konnte , ihn aus seiner Verborgenheit ans Licht zu ziehen . Der Vielerfahrne kannte das Leben zu gut , um nicht zu wissen , daß man in einer grossen volkreichen Stadt weit unbemerkter und einsamer nach eigenem Plane sein Dasein hinbringen kann , als in einem kleinen Orte , oder selbst auf dem Lande . Denn in Städtchen und Dörfern zieht jeder neue Ankömmling die Aufmerksamkeit der Nachbarn auf sich , und jeder gilt für einen bemerkenswerthen Sonderling , der nicht genau so leben mag , wie alle Uebrige um ihn her . Raimunds Vater wählte deshalb lieber eine grosse berühmte Handelsstadt zu seinem Wohnorte , wo er einige zwanzig Jahre hindurch bis an seinen Tod , ein von aller Gesellschaft , fast von aller Bekanntschaft abgesondertes Leben führte , gleich weit entfernt von Dürftigkeit und Ueberfluß . Seine feinern Sitten und Lebensgewohnheiten , eine gewisse Eleganz in seinem Aeussern , - die niemand , auch in der tiefsten Einsamkeit ablegen kann , der sie von Jugend auf sich aneignete , - verriethen indessen , daß er die Welt kannte die er floh , und daß er sogar in ihrem Umgange seine erste Bildung erhalten haben mußte . Durch frühe Gewöhnung theilte er auch seinem Sohn diese Eigenschaften mit , und gab ihm dadurch gewissermassen einen Freibrief für den künftigen Eintritt in die Gesellschaft , den viele entbehren , die in der Einsamkeit aufwuchsen , und dessen Mangel dennoch , selbst bei sonst ausgezeichneten und hochbegabten Menschen , die in dieser Hinsicht meistens unerbittliche Welt selten zu übersehen pflegt . Des Knaben Erziehung , den er als ganz unmündiges Kind mit sich gebracht hatte , war das einzige Geschäft des Vaters ; Kunst und Litteratur die Freude und der Schmuck seines Lebens . Raimund wuchs heran , unter fröhlichen muthigen Spielgesellen der fröhlichste und muthigste von allen , denn sein Vater , der kein Glück der Jugend ihn entbehren lassen mochte , versäumte es nicht , neben dem häuslichen Unterrichte , den er ihm selbst ertheilte , ihn auch die öffentliche Schule besuchen zu lassen