Zeichnung aufmerksam betrachtete ; und als er nun vollends die geistreich kühne und dennoch vollendete Ausführung derselben lobte , und sich mit der Frage nach dem Namen des Künstlers an sie wendete , da konnte Gabriele vor gewaltigem Herzklopfen kaum ihre eigne Antwort hören , daß sie selbst unter Anleitung ihrer Mutter sie gezeichnet habe . Er sprach noch einige lobende Worte und verließ bald darauf die Gesellschaft . Gabriele langte bei ihrer Dalling mit dem Gefühl an , als sey eine höchst wichtige Begebenheit vorgefallen , etwas ganz Unerhörtes geschehen , das sie der Einzigen kund thun müsse , die noch in der Welt Theil an ihrem Schicksal nahm ; und dennoch wußte sie nichts zu sagen , was sich nicht in der Erzählung höchst gewöhnlich ausgenommen hätte . Eine nie gefühlte Unruhe trieb sie rastlos umher . Wenn sie ihres ungeschickten Benehmens gegen Aureliens Freundinnen gedachte , wenn sie sich errinnerte , wie jene von ihrem Aeußern und ihrem Betragen irre geführt , sie wie ein Kind behandelt hatten , dem man freundlich thut , damit es nur nicht weine ; dann verging sie fast in der fürchterlichen Qual , sich ihrer selbst zu schämen , denn sie konnte es sich nicht verhehlen , daß sie größtentheils durch eigne Schuld in diesem Lichte erschienen war . Ottokars Lob ihrer Zeichnung vermochte nicht , sie zu trösten , sie glaubte eine Spur ungläubigen Lächelns an ihm bemerkt zu haben , da sie sich selbst nannte , als er nach dem Namen des Künstlers gefragt hatte , und dieß kränkte sie noch tiefer als alles übrige . Frau Dalling selbst war in diesem Moment über die auf den folgenden Morgen bestimmte Trennung von dem Liebling ihres Herzens zu betrübt , als daß sie fähig gewesen wäre , Gabrielen Trost und Muth einzusprechen , sie verstand sogar den Kummer und das beklommne , unruhige Wesen derselben nicht , sondern schrieb alles dem Gefühl zu , von dem sie selbst niedergebeugt ward . Und so wußte die gute Frau nichts beßres zu thun , als Gabrielen recht mütterlich in ihre Arme zu schließen und herzlich mit ihr zu weinen , da diese , von innerm Weh überwunden , zuletzt in heiße , bittre Thränen ausbrach . Gabriele errang auch dießmal ihre gewohnte Fassung zuerst wieder . » Ich will nicht mehr weinen , « sprach sie , trocknete ihre Augen und richtete sich hoch auf . » Laß mich jetzt von dir Abschied nehmen , liebe Dalling , « setzte sie hinzu , » jetzt in dieser ruhigen Stunde , nicht heute Abend , wenn ich erschöpft aus der Gesellschaft komme , nicht morgen früh im Geräusch des Einpackens und der Abreise . Du gehst mit Tagesanbruch von mir , geleite dich Gott , du meine einzige Freundin in dieser Welt , grüße meine Berge , meine Bäume , meine Blumen ; ich war unter ihnen sehr glücklich , aber auch hier werde ich nicht unglücklich seyn , der Gedanke an meine Mutter wird mich vor Unrecht behüten , und alles andre ist zu ertragen . Noch bin ich hier fremd , noch ist mir alles ungewohnt , und der Abstand zwischen jetzt und ehemals ist sehr groß ; aber ich werde mich eingewöhnen und lernen , was mir noch fehlt , um in diesen neuen Verhältnissen mich zurecht zu finden . Mein Vater schickte mich her , um mich für die Welt zu bilden ; sage ihm , daß ich ihm gehorsam seyn und alles thun werde , seinen Wunsch zu erfüllen so viel ich es vermag . Und nun nimm meinen Dank für deine unaussprechliche Liebe und Treue . Sehnen werde ich mich immer nach dir , aber glaube nur , ich weiß es , ich finde auch hier ein Wesen , das ich lieben kann , und bin dann glücklich ; laß dieß nochmals dir zum Troste gesagt seyn , wenn du im Schloß Aarheim sorgend meiner gedenkst . « Bei aller ihrer mühsam errungnen Fassung sah Gabriele dennoch mit Zittern der Stunde entgegen , in welcher sie sich am Abend zur Gesellschaft begeben mußte ; sie fürchtete neue Verlegenheiten , neue Demüthigungen , ohnerachtet sie sich fest vorgenommen hatte , ihre scheue Blödigkeit so viel möglich zu besiegen . Kein Zureden Aureliens und ihrer Kammerjungfern , sogar nicht das Zürnen der Tante hatten sie bewegen können , in ihrer , die tiefste Trauer bezeichnenden Kleidung etwas abzuändern . Selbst dem Bitten ihrer lieben Frau Dalling hatte sie widerstanden , die durch die Wichtigkeit , welche man der Sache gab , in ihrer eignen Ansicht wankend geworden war . » So geh denn , eigensinniges Kind ! « entschied endlich die Tante , des Streitens müde , » geh wie du willst und verdanke dir es selbst , wenn du ausgelacht wirst . « Die vielen Lichter , die emsig hin und her laufenden Diener , die glänzende Versammlung in der langen Reihe prächtig dekorirter Zimmer erregten in Gabrielen jene Art Bangigkeit , welche wohl einen Jeden beim ersten Eintritt in die Welt ergreift , der auch nicht so klösterlich aufwuchs wie sie . Giebt es doch viele in der Gesellschaft , denen dieß Gefühl zeitlebens bleibt , selbst aus den höhern Ständen , die für abstoßend stolz gelten , während sie nur verlegen sind . Wenige von den Gegenwärtigen bemerkten Gabrielens Eintritt in den Saal , aber diese Wenigen staunten beim Anblick des bleichen , der Kindheit kaum entwachsenen Mädchens im langen schwarzwollnen Trauerkleide , dem tief hinunter wallenden Kreppschleier , mit der breiten , die Stirne bedeckenden Schneppe , unter der sich nur einige ihrer wie Gold glänzenden reichen Locken hervordrängten . Der Tante Prophezeihung ward nicht erfüllt , niemanden fiel es ein , zu lachen , aber jedermann wich ihr mit einer Art Aengstlichkeit aus , denn diese dunkle Erscheinung mitten im festlichen Glanze hatte wirklich etwas Geisterartiges . Vergebens blickte Gabriele um sich her und suchte in dem Gewühl , ein bekanntes Gesicht heraus zu