vielleicht dieser Knabe um seine Geheimnisse ? Ihm fiel dabei ein , daß sich sein ganzes Gesicht lebhaft verändert hatte , als Faber heute noch einmal Leontins gestrigen unbekannten Begegnisses erwähnte . Beinahe hätte er alles für einen überwachten Traum gehalten , so seltsam kam es ihm vor , und er schlief endlich mit sonderbaren und abenteuerlichen Gedanken ein . Fünftes Kapitel Als draußen Berg und Tal wieder licht waren , war der ganze bunte Trupp schon eine Stunde weit von Leontins Schlosse entfernt . Der sonderbare Zug gewährte einen lustigen Anblick . Leontin ritt ein unbändiges Pferd allen voraus . Er war leicht und nachlässig angezogen , und seine ganze Gestalt hatte etwas Ausländisches . Friedrich sah durchaus deutsch aus . Faber dagegen machte den allerseltsamsten und abenteuerlichsten Aufzug . Er hatte einen runden Hut mit ungeheuer breiten Krempen , der ihn , wie ein Schirm , gegen die Sonne und Regen zugleich schützen sollte . An seiner Seite hing eine dick angeschwollene Tasche mit Schreibtafeln , Büchern und anderm Reisegerät herab . Er war wie ein fahrender Scholast anzusehen . Rosa ritt mitten unter ihnen ein schönes , frommes Pferd auf einem weiblichen , englischen Sattel . Ein langes grünes Reitkleid , von einem goldenen Gürtel zusammengehalten , schmiegte sich an ihre vollen Glieder , ein blendendweißer Spitzenkragen umschloß das schöne Köpfchen , von dem hohe Federn in die Morgenluft nickten . Zu ihrer Begleitung hatte man die kleine Marie bestimmt , die ihr als Jägerknabe folgte . Auch Erwin ritt mit und hatte die Gitarre an einem himmelblauen Bande umgehängt . Hinterdrein kamen mehrere Jäger mit wohlbepackten Pferden . Sie zogen eben über einen freien Bergrücken weg . Die Morgensonne funkelte ihnen fröhlich entgegen . Rosa blickte Friedrich aus ihren großen Augen so frisch und freudig an , daß es ihm durch die Seele ging . Als sie auf den Gipfel kamen , lag auf einmal ein unübersehbar weites Tal im Morgenschimmer unter ihnen . » Viktoria ! « rief Leontin fröhlich und schwang seinen Hut . » Es geht doch nichts übers Reisen , wenn man nicht dahin oder dorthin reiset , sondern in die weite Welt hinein , wie es Gott gefällt ! Wie uns aus Wäldern , Bergen , aus blühenden Mädchengesichtern , die von lichten Schlössern grüßen , aus Strömen und alten Burgen das noch unbekannte , überschwengliche Leben ernst und fröhlich ansieht ! « - » Das Reisen « , sagte Faber , » ist dem Leben vergleichbar . Das Leben der meisten ist eine immerwährende Geschäftsreise vom Buttermarkt zum Käsemarkt ; das Leben der Poetischen dagegen ein freies , unendliches Reisen nach dem Himmelreich . « - Leontin , dessen Widerspruchsgeist Faber jederzeit unwiderstehlich anregte , sagte darauf : » Diese reisenden Poetischen sind wieder den Paradiesvögeln zu vergleichen , von denen man fälschlich glaubt , daß sie keine Füße haben . Sie müssen doch auch herunter und in Wirtshäusern einkehren und Vettern und Basen besuchen , und , was sie sich auch für Zeug einbilden , das Fräulein auf dem lichten Schlosse ist doch nur ein dummes , höchstens verliebtes Ding , das die Liebe mit ihrem bißchen brennbaren Stoffe eine Weile in die Lüfte treibt , um dann desto jämmerlicher , wie ein ausgeblasener Dudelsack , wieder zur Erde zu fallen ; auf der alten , schönen , trotzigen Burg findet sich auch am Ende nur noch ein kahler Landkavalier usw. Alles ist Einbildung . « - » Du solltest nicht so reden « , entgegnete Friedrich . » Wenn wir von einer innern Freudigkeit erfüllt sind , welche , wie die Morgensonne , die Welt überscheint und alle Begebenheiten , Verhältnisse und Kreaturen zur eigentümlichen Bedeutung erhebt , so ist dieses freudige Licht vielmehr die wahre göttliche Gnade , in der allein alle Tugenden und großen Gedanken gedeihen , und die Welt ist wirklich so bedeutsam , jung und schön , wie sie unser Gemüt in sich selber anschaut . Der Mißmut aber , die träge Niedergeschlagenheit und alle diese Entzauberungen , das ist die wahre Einbildung , die wir durch Gebet und Mut zu überwinden trachten sollen , denn diese verdirbt die ursprüngliche Schönheit der Welt . « - » Ist mir auch recht « , erwiderte Leontin lustig . - » Graf Friedrich « , sagte Faber , » hat eine Unschuld in seinen Betrachtungen , eine Unschuld . « - » Ihr Dichter « , fiel ihm Leontin hastig ins Wort , » seid alle eurer Unschuld über den Kopf gewachsen , und , wie ihr eure Gedichte ausspendet , sagt ihr immer : Da ist ein prächtiges Kunststück von meiner Kindlichkeit , da ist ein besonders wohleingerichtetes Stück von meinem Patriotismus oder von meiner Ehre ! « - Friedrich erstaunte , da Leontin so keck und hart aussprach , was er , als eine Lästerung aller Poesie , sich selber zu denken niemals erlauben mochte . Rosa hatte unterdes über dem Gespräche mehrere Male gegähnt . Faber bemerkte es , und da er sich jederzeit als ein galanter Verehrer des schönen Geschlechts auszeichnete , so trug er sich an , zu allgemeiner Unterhaltung eine Erzählung zum besten zu geben . » Nur nicht in Versen « , rief Rosa , » denn da versteht man doch alles nur halb . « Man rückte daher näher zusammen , Faber in die Mitte nehmend , und er erzählte folgende Geschichte , während sie zwischen den waldigen Bergen langsam fortzogen : » Es war einmal ein Ritter . « - » Das fängt ja an wie ein Märchen « , unterbrach ihn Rosa . - Faber setzte von neuem an : » Es war einmal ein Ritter , der lebte tief im Walde auf seiner alten Burg in geistlichen Betrachtungen und strengen Bußübungen . Kein Fremder besuchte den frommen Ritter , alle Wege zu seiner Burg waren lange mit hohem Grase überwachsen und nur das Glöcklein , das er bei seinen Gebeten von Zeit zu Zeit zog