ganzen Sammlung sei - sie wünschten sich einen ganzen Keller voll solcher Reliquien u.s.w. Ich hörte alles schweigend mit niedergesenktem Haupte , mit zur Erde starrendem Blick an ; der Frohsinn der Fremden hatte für mich in meiner düsteren Stimmung etwas Quälendes ; vergebens drangen sie in mich , auch von dem Wein des heiligen Antonius zu kosten , ich verweigerte es standhaft und verschloß die Flasche , wohl zugepfropft , wieder in ihr Behältnis . - Die Fremden verließen das Kloster , aber als ich einsam in meiner Zelle saß , konnte ich mir selbst ein gewisses innres Wohlbehagen , eine rege Heiterkeit des Geistes nicht ableugnen . Es war offenbar , daß der geistige Duft des Weins mich gestärkt hatte . Keine Spur der üblen Wirkung , von der Cyrillus gesprochen , empfand ich , und nur der entgegengesetzte wohltätige Einfluß zeigte sich auf auffallende Weise : je mehr ich über die Legende des heiligen Antonius nachdachte , je lebhafter die Worte des Hofmeisters in meinem Innern widerklangen , desto gewisser wurde es mir , daß die Erklärung des Hofmeisters die richtige sei , und nun erst durchfuhr mich wie ein leuchtender Blitz der Gedanke , daß an jenem unglücklichen Tage , als eine feindselige Vision mich in der Predigt auf so zerstörende Weise unterbrach , ich ja selbst im Begriff gewesen , die Legende auf dieselbe Weise als eine geistreiche belehrende Allegorie des heiligen Mannes vorzutragen . Diesem Gedanken knüpfte sich ein anderer an , welcher bald mich so ganz und gar erfüllte , daß alles übrige in ihm unterging . - » Wie , « dachte ich , » wenn das wunderbare Getränk mit geistiger Kraft dein Inneres stärkte , ja die erloschene Flamme entzünden könnte , daß sie in neuem Leben emporstrahlte ? - Wenn schon dadurch eine geheimnisvolle Verwandtschaft deines Geistes mit den in jenem Wein verschlossenen Naturkräften sich offenbart hätte , daß derselbe Duft , der den schwächlichen Cyrillus betäubte , auf dich nur wohltätig wirkte ? « - Aber war ich auch schon entschlossen , dem Rate der Fremden zu folgen , wollte ich schon zur Tat schreiten , so hielt mich immer wieder ein inneres , mir selbst unerklärliches Widerstreben davon zurück . Ja , im Begriff , den Schrank aufzuschließen , schien es mir , als erblicke ich in dem Schnitzwerk das entsetzliche Gesicht des Malers mit den mich durchbohrenden lebendig-totstarren Augen , und von gespenstischem Grauen gewaltsam ergriffen , floh ich aus der Reliquienkammer , um an heiliger Stätte meinen Vorwitz zu bereuen . Aber immer und immer verfolgte mich der Gedanke , daß nur durch den Genuß des wunderbaren Weins mein Geist sich erlaben und stärken könne . - Das Betragen des Priors - der Mönche - die mich wie einen geistig Erkrankten mit gutgemeinter , aber niederbeugender Schonung behandelten , brachte mich zur Verzweiflung , und als Leonardus nun gar mich von den gewöhnlichen Andachtsübungen dispensierte , damit ich meine Kräfte ganz sammeln solle , da beschloß ich , in schlafloser Nacht von tiefem Gram gefoltert , auf den Tod alles zu wagen , um die verlorne geistige Kraft wiederzugewinnen oder unterzugehn . Ich stand vom Lager auf und schlich wie ein Gespenst mit der Lampe , die ich bei dem Marienbilde auf dem Gange des Klosters angezündet , durch die Kirche nach der Reliquienkammer . Von dem flackernden Schein der Lampe beleuchtet , schienen die heiligen Bilder in der Kirche sich zu regen , es war , als blickten sie mitleidsvoll auf mich herab , es war , als höre ich in dem dumpfen Brausen des Sturms , der durch die zerschlagenen Fenster ins Chor hineinfuhr , klägliche warnende Stimmen , ja , als riefe mir meine Mutter zu aus weiter Ferne : » Sohn Medardus , was beginnst du , laß ab von dem gefährlichen Unternehmen ! « - Als ich in die Reliquienkammer getreten , war alles still und ruhig , ich schloß den Schrank auf , ich ergriff das Kistchen , die Flasche , bald hatte ich einen kräftigen Zug getan ! - Glut strömte durch meine Adern und erfüllte mich mit dem Gefühl unbeschreiblichen Wohlseins - ich trank noch einmal , und die Lust eines neuen herrlichen Lebens ging mir auf ! - Schnell verschloß ich das leere Kistchen in den Schrank , eilte rasch mit der wohltätigen Flasche nach meiner Zelle und stellte sie in mein Schreibepult . - Da fiel mir der kleine Schlüssel in die Hände , den ich damals , um jeder Versuchung zu entgehen , vom Bunde löste , und doch hatte ich ohne ihn sowohl damals , als die Fremden zugegen waren , als jetzt den Schrank aufgeschlossen ? Ich untersuchte meinen Schlüsselbund , und siehe , ein unbekannter Schlüssel , mit dem ich damals und jetzt den Schrank geöffnet , ohne in der Zerstreuung darauf zu merken , hatte sich zu den übrigen gefunden . - Ich erbebte unwillkürlich , aber ein buntes Bild jug das andere bei dem wie aus tiefem Schlaf aufgerüttelten Geiste vorüber . Ich hatte nicht Ruh ' , nicht Rast , bis der Morgen heiter anbrach und ich hinabeilen konnte in den Klostergarten , um mich in den Strahlen der Sonne , die feurig und glühend hinter den Bergen emporstieg , zu baden . Leonardus , die Brüder bemerkten meine Veränderung ; statt daß ich sonst , in mich verschlossen , kein Wort sprach , war ich heiter und lebendig . Als rede ich vor versammelter Gemeinde , sprach ich mit dem Feuer der Beredsamkeit , wie es sonst mir eigen . Da ich mit Leonardus allein geblieben , sah er mich lange an , als wollte er mein Innerstes durchdringen ; dann sprach er aber , indem ein leises ironisches Lächeln über sein Gesicht flog : » Hat der Bruder Medardus vielleicht in einer Vision neue Kraft und verjüngtes Leben von oben herab erhalten ? « - Ich fühlte mich vor Scham erglühen , denn in dem Augenblick kam