willkommne Erscheinung war . Der Graf , der Rosaliens Brief noch nicht gelesen hatte , gab ihn dem Ritter , indem er sagte : lies mir doch diese Zeilen , es wird dir ja auch wohl lieb seyn , zu wissen , was sie eigentlich zu uns führt ; und Sie , fuhr er fort , sich zu Rodrich wendend , nehmen auch unbekannt Theil an meinem Kinde . Rodrich neigte sich , und der Ritter las mit großer Bewegung folgendes : » Ich habe lange geglaubt , die Einsamkeit solle die wunde Brust heilen , aber ich fühl ' es wohl , seit mich die Liebe verließ und die Erde das treueste Herz verbirgt , mußte ich hier in Sehnsucht vergehen , wo sich alles so kalt und todt von mir abwendet . Wie manches habe ich versucht , die ewige Leere eines erschöpften Lebens auszufüllen . Ich wollte Blumen ziehen , Vögel abrichten , ach ! ich vergaß , daß keine Blume unter kranken Händen gedeihet , und keine Macht das Widerstrebende fesselt . Dann glaubte ich wieder , die zerstreueten Sinne sammeln und auf ernste Gegenstände lenken zu können . Ich flüchtete zu den Wissenschaften , aber die strengen Göttinnen verschließen sich dem Unheiligen , der sich ihnen nicht ungetheilt hingiebt . Und welche Kleinigkeiten zogen mich ab ! ein Wort , eine Aehnlichkeit des Lautes , ein groß gezeichneter Bubstab . Liebe , gütige Freundin , ich darf Ihnen diese Schwäche gestehen , Sie fanden wohl eher in Ihrem wohlwollenden Herzen Nachsicht für eine Unglückliche , die zu Ihnen zurückkehrt , um in dem rosigen Schein Ihres Himmels das eigne quälende Daseyn zu vergessen . - Ja , Liebe , ich verlasse aufs neue den selbstgewählten Zufluchtsort . Plötzlich treibt mich alles von hier weg . Mir ist nun , als könne ich auch nicht eine Stunde länger hier verweilen . Schon Morgen bin ich bei dem besten Vater , der das einzige Kind gern mit der alten Liebe aufnehmen und in seiner Nähe dulden wird . « Der Graf wandte sich gerührt ab , und Seraphine sagte mit ihrer gewohnten Heiterkeit : Ihr seht , wie sie selbst des lästigen Schmerzes müde , sich nach freudigem Genusse sehnt , und wie wenig es der langweiligen Verstellungen bedarf , um eines Menschen gesunde Natur hervorzurufen . Rosalie ist durch sich selbst geheilt , und es ist jetzt die Aufgabe , sie durch etwas Neues , Ungewohntes an die Gegenwart zu fesseln , um nach und nach alle trübe Erinnerungen in ihr zu verwischen . Es kommt darauf an , erwiederte der Ritter , wie nah ' oder fern ihr diese Gegenwart steht . Was sie jetzt zu uns führt , ist das unendliche Bedürfniß einer liebenden beweglichen Seele , die in Allem das entschwundene Glück aufsucht , und sich dann mit Schauder von dem abwendet , was sie am glühendsten umfaßte , weil sie nirgend das Alte wiederfindet . Wie sehr die scheinbare Veränderlichkeit auf der Oberfläche ihres Wesens spielt , sehen wir aus dem steten Zurückkehren zu dem einen herrschenden Gefühle . Was kann denn auch die Leere einer verödeten Brust erfüllen ! Ihr Leben wird unter einseitigen Versuchen und traurigen Behelfen verschwinden ! Nun wahrhaftig , sagte die Gräfin lachend , Ihre eigene Muthlosigkeit schreibt der armen Rosalie das Todesurtheil . Ich hege ganz andre Hoffnungen für sie . Freilich , wenn alle ihre Freunde so lässig und trocken da stehen , und Niemand recht herzhaft angreift , so kann ich sie nicht allein retten . Ihren Beistand , Alexis , darf ich nun schon gar nicht in Anspruch nehmen . Sie würden das Lustigste mit so feierlichen Sonntagsmienen und so trübseligem Ernst begleiten , daß ich wohl selbst davon angesteckt werden könnte . Ihr Spott , sagte der Ritter beleidigt , trifft mich mehr , als Sie es vielleicht wollen . Allein trauen Sie mir zu , daß ich ein verletztes Gemüth nicht zur Schau tragen , am wenigsten Ihre heitre Feste , schöne Gräfin , damit trüben werde . Der Graf faßte hier gutmüthig seine Hand , indem er sagte : Nimm nicht alles so ernst , was dort über die schönen Lippen fliegt , und mische keine Bitterkeit in die allgemeine Freude . Laß ihn nur , sagte Seraphine , er muß alle Tage einigemal so in sich selbst zurückgeschreckt werden , um dann wieder aus voller Seele lachen zu können . Der Zorn ist ihm eine heilsame Erschütterung , er ist nie witziger , als wenn der Ärger und die wiederkehrende Fröhlichkeit noch in ihm streiten . Und am Ende , fuhr sie fort , indem sie die kleinen Hände auf seine Schultern legte , müssen Sie mir es noch danken , daß ich Ihnen zeige , wie Sie sich selbst alles verderben , oft plötzlich den geebneten Weg durch einen muthwillig hingeworfenen Stein versperren , und alle kluge Maßregeln zu Schanden machen . Maßregeln kenne ich so wenig , als ängstliche Rücksichten , wenn es die Wahrheit meines Gefühls gilt , erwiederte der Ritter . Es ist die Frage , sagte die Gräfin , ob diese Wahrheit die rechte ist , und ob Sie durch sie zum Ziele gelangen . Das Erstre wohl ganz gewiß , entgegnete der Ritter , denn ich empfinde wirklich so , und nicht anders ; es möchte Ihnen bei allem Zauber weiblicher Beredsamkeit dennoch schwer fallen , mich vom Gegentheil zu überzeugen , und wenn das Zweite nicht die Folge des Vorhergehenden ist , so könnte es nur beweisen , daß ich überall ein falsches Ziel habe . Ich weiß , erwiederte Seraphine , Sie folgen den unmittelbaren Eingebungen . Für Sie ist das Licht des Verstandes eine überflüssige Zugabe , denn ein Gott hat Ihnen gegeben in die verborgene Tiefe zu schauen . Lassen Sie mich ausreden , fuhr sie schnell fort , als der Ritter im Begriff war zu antworten ; die Überlegung ist uns beiden gleich fremd , nur daß ich