gegen neun Uhr wieder . Auch jetzt waren die Fenster noch schwarz . Seit zwei Monaten hatte er Eberhard nicht gesehen . Er entsann sich jetzt des bedrückten und erregten Wesens des Freiherrn , als er ihn zuletzt , Ende März war es gewesen , aufgesucht hatte . Eberhard hatte wenig gesprochen und mit eigentümlich blicklosen Augen vor sich hingestarrt ; er hatte den Eindruck eines Menschen gemacht , der im Begriff ist , Ungewöhnliches , ja sogar Schreckliches zu erleben . Dies kam Daniel erst jetzt zu Bewußtsein , er hatte in den vergangenen Wochen nicht mehr daran gedacht und bedauerte sich nicht um Eberhard gekümmert zu haben . 17 Als er nach Hause kam , lag Lenore in verfrühten Wehen . Philippine empfing ihn mit den Worten : » Es gibt Familienzuwachs , Daniel . « Und sie schlug ein rohes Gelächter auf . » Schweig , Kröte ! « herrschte Daniel sie an ; » seit wann hat sie Schmerzen ? Warum holst du nicht die Hebamme ? « » Kann ich ' s Kind allein lassen ? Schimpf einen nicht so , « erwiderte Philippine mürrisch und drohend . Sie ging fort und holte die Hebamme . Nach einer halben Stunde kehrte sie mit der Frau zurück . Es war Frau Hadebusch . Daniel war unangenehm berührt . Er wollte fragen und Widerspruch erheben , Frau Hadebusch kam ihm mit ihrer alten Zungengeläufigkeit zuvor . Grinsend , knicksend , augenverdrehend und auf alle Weise schöntuend , berichtete sie , daß ihr Ehegespons vor drei Jahren das Zeitliche gesegnet habe und daß sie sich und ihren armen Heinrich , den Idioten , als Geburtshelferin schlecht und recht ernähre . Sie schien sich schon mit Lenore ins Einvernehmen gesetzt zu haben , denn als sie ins Zimmer trat , wurde sie von dieser wie eine Bekannte begrüßt . Während Daniel ein paar Minuten mit Lenore allein war , fragte er entrüstet : » Wie kommst du denn zu dem lästerlichen Weib ? « Sanft und arglos antwortete Lenore : » Sie ist halt eines Tages dagewesen und hat mir zugeredet . Sie hat von dir geschwärmt und hat mir erzählt , daß du bei ihr gewohnt hast , und da hab ich gedacht : es ist ja gleich , welche es ist , und hab sie bestellt . « Mit Mühe sprach sie zu Ende . Ihr Gesicht , weiß wie Papier , spannte sich im Ausdruck ungeheurer Qual . Sie langte nach Daniels Hand und umklammerte sie so stark , daß ihm vor Angst kalt wurde . Als sie zu stöhnen begann , wandte er sich ab und drückte die Fäuste gegeneinander . Frau Hadebusch trug einen Kübel voll heißen Wassers herein . » Hier hat kein Mannsbild was zu tun ! « kreischte sie mit freundlicher Gesichtsverzerrung , packte Daniel bei der Schulter und schob ihn durch die Tür . Die kleine Agnes stand im Flur und sagte : » Vater . « » Bring das Kind zu Bett , « schrie Daniel Philippine an . Der Inspektor trat aus der Küche . Er hielt ein irdenes Näpfchen , in welchem sich Suppe befand , die man ihm aufgehoben hatte und die er sich selbst überm Herdfeuer gewärmt hatte . Er ging auf Daniel zu und sagte mit bebendem Kinn : » Unser Herrgott schütze sie und verfahre gnädig mit ihr ! « » Laß das , Vater , « antwortete Daniel ungeduldig . » Unser Herrgott regiert mit Vorbehalten , die mich toll machen . « » Willst der Agnes nicht Gutnacht sagen ? « fragte Philippine in unwirschem Ton aus der Kammer . Er ging hinein . Das Kind schaute ihm furchtsam entgegen . Je mehr es zum Menschen heranwuchs , je größer wurde seine Scheu vor diesem Kind . Vollends unerträglich war ihm stets das Beisammensein Lenores mit dem Kind gewesen . Ergründen hatte er das Gefühl nicht können . Er wußte nur so viel , daß er Lenore nicht mehr eigenlebend sah , wenn das Kind mit seinen großen Gertrudsaugen und dem gebogenen Lenorenmund daneben war , sondern daß sie sich plötzlich in die Schwester jener andern verwandelte , daß sie nur noch Schwester war . Und dies empfand er als etwas Verhängnisvolles . Aus Agnes ' großen Kinderaugen blickten ihn beide Schwestern an , zu einem einzigen Wesen verschmolzen , und ein vorauswissendes Entsetzen beschlich ihn . Schwestern ! Das Wort klang auf einmal feierlich in seinen Ohren , voll dunkler Beziehung , mythisch groß . » Schlaf , Kindla , schlaf , da draußen stehn zwei Schaf , ein schwarzes und ein wei-ißes ... « plärrte Philippine . Wunderlich , wie viel Bösartigkeit in ihrem Singsang lag . Daniel hielt es in der Wohnung nicht aus und irrte bis weit über Mitternacht in den Straßen herum . Immer , wenn er den Entschluß faßte , heimzukehren , mußte er daran denken , daß ihm Frau Hadebusch in den Weg treten würde , und da hätte er sich lieber aufs Pflaster legen und warten mögen , bis ihm jemand Kunde zutrug , wie es mit Lenore ging . 18 Es schlug eins , als er das Haustor öffnete . Am Stiegengeländer standen die Magd vom ersten und die Magd vom zweiten Stock . Sie hatten nicht Schlaf finden können . In ihren Kammern hatten sie die Schreie der jungen Frau vernommen . Jetzt hatten sie sich zueinander gesellt und lauschten zitternd . Und raunten . Daniel hörte die eine sagen : » Da sollte der Kapellmeister doch um den Doktor schicken . « Die andere seufzte und erwiderte : » Ein Doktor kann auch nicht hexen . « » Jesus , Jesus , « riefen nun alle beide , als wieder ein markerschütternder Schrei durch das öde Haus hallte . Daniel stürmte die Treppen hinauf . » Zum Doktor Müller , so schnell du kannst , « sagte er keuchend zu Philippine , die mit struppig aufgelösten Haaren und barfuß in