auf Caspar . » Ei , Sie können ordentlich laufen « , sagte er bewundernd , als er wieder an ihrer Seite war . » Die frische Luft macht mich ein bißchen wild « , antwortete sie und holte tief Atem . Als Frau von Kannawurf und Caspar durch den Torbogen des Herrieder Turmes gingen , sahen sie plötzlich neben einem leeren Schilderhäuschen den Polizeileutnant . Und beide blieben unwillkürlich stehen , denn der Anblick hatte etwas Erschreckendes . Hickel lehnte nämlich mit der Schulter gegen das Häuschen und sah aus wie zur Bildsäule erstarrt . Trotz der Dunkelheit konnte man wahrnehmen , daß sein Gesicht aschfahl war , und es lag über seinen Zügen eine bleierne Düsterkeit . Hinter ihm stand sein Hund , eine große graue Dogge ; das Tier war genau so regungslos wie sein Herr und blickte unverwandt an ihm empor . Caspar zog grüßend den Hut ; Hickel bemerkte es nicht . Frau von Kannawurf sah noch einmal zurück und flüsterte fröstelnd : » Wie furchtbar ! Was für ein Mann ! Was mag ihn peinigen ! « War es denkbar , daß der Polizeileutnant , etwa durch neue Spielverluste in Verzweiflung gebracht , sich soweit vergessen konnte , daß er , wennschon durch die Dunkelheit und einen Mauerwinkel geschützt , auf offener Gasse das Schauspiel eines vom Krampf Befallenen darbot ? Das ist den Spielern sonst nicht eigen ; sie überschlafen ihren Unglücksrausch und geben sich kaltblütig dem tückischen Zufall von neuem in die Hände . Aber Spieler pflegen skrupellos zu sein ; setzen sie nicht Geld auf Karten , so setzen sie auf Seelen , und dabei kann es sich wohl ereignen , daß ihnen der Teufel eine gräßliche Schuldverschreibung vorhält , die sie mit ihrem Blut unterzeichnen müssen . Als Hickel am Nachmittag nach Hause gekommen war , trat ihm vor der Tür seiner Wohnung ein unbekannter Mann entgegen , übergab ihm ein versiegeltes Schreiben und verschwand wieder , ohne gesprochen zu haben . Der erfahrene Blick des Polizeileutnants konnte nicht im unklaren darüber bleiben , daß der Mensch falsches Haar und falschen Bart getragen hatte . Der Brief , den Hickel sogleich öffnete , war chiffriert ; seine Entzifferung kostete , trotzdem der Schlüssel bekannt war , den Rest des Nachmittags . Der Inhalt des Schreibens bezog sich auf die mit dem Präsidenten gemeinschaftlich anzutretende Reise . Hickel las , las und las wieder . Er hatte schon beim ersten Male verstanden , aber er las , um nicht denken zu müssen . Punkt sieben Uhr erhob er sich vom Schreibtisch und ging zehn Minuten lang pfeifend im Zimmer auf und ab . Sodann öffnete er ein Glasschränkchen , nahm eine Flasche mit Whisky heraus , die er vom Grafen Stanhope geschenkt erhalten hatte , füllte ein nettes silbernes Becherchen damit und trank es in einem Zuge leer . Hierauf griff er zur Bürste , reinigte den Rock , danach hing er den Säbel um , und um halb acht verließ er mit dem Hund seine Wohnung . Er schien gutgelaunt , denn er pfiff und summte noch immer vor sich hin und knipste hie und da mit den Fingern . Doch unter dem Bogen des Herrieder Turmes blieb er auf einmal stehen und sah angelegentlich zur Erde nieder . Ein durchfahrender Handwagen stieß ihn an der Hüfte an , deshalb ging er ein paar Schritte weiter bis zum Schilderhause um die Ecke . Dort gewahrte ihn das heimkehrende Paar . Es würde einen ungenügenden Einblick in den Charakter des Polizeileutnants beweisen , wenn man annehmen wollte , daß diese Sinnesverdunklung länger gedauert habe , als gemeinhin eine vorübergehende Blutleere im Kopf dauert . Um acht Uhr saß er schon mit einigen Kollegen beim Fischessen in der » Goldenen Gabel « , und um neun Uhr war er im Kasino ; sollte diese genaue Stundenangabe etwas Verdrießliches haben , so sei hinzugefügt , daß er in der Zeit von neun bis vier Uhr überhaupt keinen Glockenschlag mehr , sondern nur noch das eintönige Knistern der Spielkarten vernahm . Er gewann . Auf dem Heimweg durch die grauende Frühe passierte dann das Auffällige , daß er vor dem Sterngasthof in der Mitte der Straße Halt machte , den Säbel an das Bein preßte und einen langen , saugenden Blick gegen dasselbe Fenster hinaufschickte , hinter dem er die schöne Fremde gesehen hatte . Am Morgen schlief er lange , und als der Bursche mit dem Rapport kam , hörte er kaum zu . Schildknecht war verpflichtet , jeden Morgen Bericht zu erstatten , wo er den Nachmittag oder Abend vorher mit Caspar gewesen . Fast jedesmal hieß es von nun ab : wir haben die Frau von Kannawurf abgeholt , oder : die Frau von Kannawurf ist uns begegnet , und wir sind spazierengegangen ; oder bei Regenwetter : wir sind im Imhoffschen Garten in der Laube gesessen . Dieses » Wir « hatte aber in Schildknechts Mund einen sehr bescheidenen Klang ; er sprach von Caspar stets mit achtungsvoller Zurückhaltung . Da er die Wahrnehmung machte , daß sein Herr die Berichte über das regelmäßige Beisammensein der beiden mit Unruhe aufnahm , wußte er in seinen Ton etwas wie eine Versicherung von Harmlosigkeit zu legen , fügte zum Beispiel hinzu : » sie haben viel über das Wetter gesprochen « , oder : » sie haben sich über gebildete Sachen unterhalten . « Solche Einzelheiten erfand er , denn in Wirklichkeit hielt er sich jedesmal in einer taktvollen Entfernung hinter den beiden . Hickel begann dem jungen Menschen zu mißtrauen . Eines Abends erwischte er ihn , wie er in einem Winkel der Küche hockte , eine Kerze vor sich , und mit dem Zeigefinger buchstabierend über die Zeilen eines Buches glitt . Als er sich gestört fand , war er wie entgeistert , seine roten Backen hatten die Farbe verloren . Hickel nahm das Buch , und sein Gesicht wurde finster wie die Nacht , als er sah , daß