Morgen war Tifl noch nicht da ; am Mittag auch nicht . Da grämte ich mich , denn ich sah ein , daß die Dattelbrühe viel , viel dicker sein müsse . Als dann am Abend und wieder am Morgen das Kind immer noch nicht kam , gelobte ich mir , die Brühe noch dicker als den dicken Reis zu machen . Ich weinte . Aber das half nichts , denn früh fehlte Tifl immer noch . Nun erkundigte ich mich nach ihm . Niemand hatte ihn gesehen . Man suchte , aber man fand ihn nicht . Wie ich mich da grämte ! Ich suchte die weggeworfenen Scherben wieder zusammen , sah sie traurig an und kam zu dem Entschlusse , sobald er wiederkehre , eine so dicke Dattelbrühe zu machen , daß man sie als Reitsattel auf den Rücken eines Kamels schnallen könne . Das half ! Denn kaum hatte ich das gedacht , so kam der Märd-y-Scharab112 in die Küche gelaufen und meldete ganz außer Atem , daß Tifl gefunden worden sei . Er liege jammernd im Keller und könne nicht herauf , weil er ein Bein gebrochen habe . Weißt du , was ich that , Effendi ? « » Du liefst in den Keller ! « » Ich lief ? O , ich glaube , ich bin geflogen ! Ja , mein Tifl lag unten . Er war grad wieder nüchtern geworden . « » Nüchtern ? War er denn betrunken gewesen ? « » Wie kannst du fragen ! Wenn ihr Männer zornig seid , thut ihr alles , was verboten ist ! Der Zorn ist ja schon an sich nichts weiter , als eine Art von Rausch , von Betrunkenheit , und wenn dann so ein vom Zorne berauschtes Kind gar noch die Thür des Kellers offen findet , so kann man sich denken , daß es nicht vorübergeht . Tifl war also hinabgestiegen . Du weißt , was er für ein Esser war . Meinst du , daß er nicht trinken konnte ? Es lagen zehn oder zwölf leere Flaschen neben ihm . « » Wie hatte er sie geöffnet ? « » Die Hälse fehlten . Er hatte sie abgeschlagen . Aber wie er das gemacht hatte , das wußte er nicht mehr . Er erinnerte sich nur , großen Durst gehabt und viel , sehr viel getrunken zu haben . Erst später fiel ihm ein , daß er die vielen steilen Stufen heraufgestiegen , aber wieder hinabgefallen sei . Dabei hatte er das Bein gebrochen . Es war ihm unmöglich gewesen , aufzustehen . Er glaubte , daß er dann weitergetrunken habe , bis er eingeschlafen sei . Aber welch ein Schlaf ! Erst dem Märd-y-Scharab war es gelungen , ihn durch fortgesetztes Rütteln aufzuwecken . « » Er wird inzwischen doch zuweilen für kurze Zeit erwacht sein . Stand es gefährlich mit dem Bein ? « » Es war unterhalb des Knies gebrochen und so sehr geschwollen , daß der Hekim 113 , welcher gerufen wurde , sagte , er könne nicht eher etwas thun , als bis diese Geschwulst verschwunden sei . Dadurch ist das Bein kürzer geworden . Das Kind hinkt und wird deshalb von vielen Leuten El Aradsch , der Lahme , genannt . Aber eine Schwäche ist nicht zurückgeblieben . Tifl springt und reitet ebenso schnell und ebenso vortrefflich wie vorher , doch Saïs konnte er nun als Hinkender unmöglich werden . « » Ich vermute , du hast ihn gepflegt ? « » Natürlich ! Kein anderer Mensch durfte ihn berühren ; ich duldete es nicht . Ich war ja schuld an seinem Zorne , in dem er that , was er sonst gewiß unterlassen hätte . Und - - und - - darf ich dir etwas anvertrauen , Effendi ? « » Warum nicht ? « » So will ich dir sagen : Dieser Unfall hat mich mit meinem Tifl für immer so vereint , daß er mir gehorcht in allen Stücken , außer - - außer - - wenn er auf dem Pferde sitzt . Dann ist er der Herr ; dann habe ich nichts zu sagen , ihm nichts zu befehlen . Er schämt sich noch heute jener Betrunkenheit . Ich brauche sie nur so von weitem zu erwähnen , so thut er alles , was ich will , nur damit ich schweige . Ist das im Abendlande , wo man alles , was man will , trinken darf , ebenso ? Ist auch dort der Rausch der Vater und die Betrunkenheit die Mutter so fortgesetzter Scham ? « Welche Antwort hätte ich auf diese Frage wohl geben können ! Glücklicherweise wartete Pekala sie gar nicht ab , sondern fuhr in ihrem Eifer sogleich fort : » Wie dankbar mein Tifl damals war , und wie dankbar er jetzt noch ist ! Er haßt und verachtet die Undankbarkeit ebenso wie ich . Wir haben beide einander gesundgepflegt , erst ich ihn und dann er mich . « » Auch du wurdest krank ? « » O , wie sehr ! Nicht mein Körper , sondern meine Seele . Kaum konnte Tifl wieder gehen , so trat der Tod zu uns und nahm mir meinen Vater . Weißt du , was das heißt ? Ich hatte nur diese beiden , den Vater und das Kind , weiter keinen Menschen . Ich hatte nur für diese zwei gelebt . Als Vater tot war , wollte ich auch sterben , wollte ihm nach , wollte zu ihm . Ich weinte und jammerte den ganzen Tag ; ich durchwachte alle Nächte . Man lachte über mich ; nur Tifl lachte nicht . Aber er gab mir auch nicht Recht . Er schalt mich aus . Da wollte ich über ihn zornig werden , that es aber nicht , denn wir hatten uns mit Hand und Mund versprochen , nie wieder zu zanken , und das hielten wir . Er dachte über den Tod ganz anders