Mittag ... ! Wo bist du , Sonne , geblieben ! « All dem weiter nachhängend , wie er jetzt öfter tat , kam er an seinen Kaminplatz und nahm eine Zeitung in die Hand . Er sah jedoch kaum drauf hin und beschäftigte sich , während er zu lesen schien , eigentlich nur mit der Frage , » wer wohl heute noch kommen könne « , und dabei neben andren Personen aus seiner Umgebung auch an Lorenzen denkend , kam er zu dem Schlußresultat , daß ihm Lorenzen » mit all seinem neuen Unsinn « doch am Ende lieber sei als Koseleger mit seinen Heilsgütern , von denen er wohl zwei- , dreimal gesprochen hatte . » Ja , die Heilsgüter , die sind ganz gut . Versteht sich . Ich werde mich nicht so versündigen . Die Kirche kann was , is was , und der alte Luther , nu , der war schon ganz gewiß was , weil er ehrlich war und für seine Sache sterben wollte . Nahe dran war er . Eigentlich kommt ' s doch immer bloß darauf an , daß einer sagt , dafür sterb ich . Und es dann aber auch tut . Für was , is beinah gleich . Daß man überhaupt so was kann , wie sich opfern , das ist das Große . Kirchlich mag es ja falsch sein , was ich da so sage ; aber was sie jetzt sittlich nennen ( und manche sagen auch schönheitlich , aber das is ein zu dolles Wort ) , also was sie jetzt sittlich nennen , so bloß auf das hin angesehn , da is das persönliche Sicheinsetzen und Für-was-sterben-Können und -Wollen doch das Höchste . Mehr kann der Mensch nich . Aber Koseleger . Der will leben . « Und während er noch so vor sich hin seinen Faden spann , war sein gutes altes Faktotum eingetreten , an das er denn auch ohne weiteres und bloß zu eignem Ergötzen die Frage richtete : » Nich wahr , Engelke ? « Der aber hörte gar nichts mehr , so sehr war er in Verwirrung , und stotterte nur aus sich heraus : » Ach Gott , gnäd ' ger Herr , nu is es doch so gekommen . « » Wie ? Was ? « » Die Frau Gemahlin von unserm Herrn Oberförster ... « » Was ? Die Prinzessin ? « » Ja , die Frau Katzler , Durchlaucht . « » Alle Wetter , Engelke ... Da haben wir ' s. Aber ich hab es ja gesagt , ich wußt es . Wie so ' n Tag anfängt , so bleibt er , so geht es weiter ... Und wie das hier durcheinanderliegt , alles wie Kraut und Rüben . Nimm die Zudecke weg , ach was Zudecke , die reine Pferdedecke ; wir müssen eine andre haben . Und nimm auch die grünen Tropfen weg , daß es nicht gleich aussieht wie ' ne Krankenstube ... Die Prinzessin ... Aber rasch , Engelke , flink ... Ich lasse bitten , ich lasse die Frau Oberförsterin bitten . « Dubslav rückte sich , so gut es ging , zurecht ; im übrigen aber hielt er ' s in seinem desolaten Zustande doch für besser , in seinem Rollstuhl zu bleiben , als der Prinzessin entgegenzugehn oder sie durch ein Sicherheben von seinem Sitz mehr oder weniger feierlich zu begrüßen . Ermyntrud paßte sich seinen Intentionen denn auch an und gab durch eine gemessene Handbewegung zu verstehen , daß sie nicht zu stören wünsche . Gleich danach legte sie den rechten Arm auf die Lehne eines nebenstehenden Stuhles und sagte : » Ich komme , Herr von Stechlin , um nach Ihrem Befinden zu fragen ; Katzler « ( sie nannte ihn , unter geflissentlichster Vermeidung des allerdings plebejen » mein Mann « , immer nur bei seinem Familiennamen ) » hat mir von Ihrem Unwohlsein erzählt und mir Empfehlungen aufgetragen . Ich hoffe , es geht besser . « Dubslav dankte für soviel Freundlichkeit und bat , das um ihn her herrschende Übermaß von Unordnung entschuldigen zu wollen . » Wo die weibliche Hand fehlt , fehlt alles . « Er fuhr so noch eine Weile fort , in allerlei Worten und Wendungen , wie sie ihm von alter Zeit her geläufig waren ; eigentlich aber war er wenig bei dem , was er sagte , sondern hing ausschließlich an dem halb Nonnen- , halb Heiligenbildartigen ihrer Erscheinung , das durch einen großen , aus mattweißen Kugeln bestehenden Halsschmuck samt Elfenbeinkreuz noch gesteigert wurde . Sie mußte jedem , auch dem Kritischsten , auffallen , und Dubslav , der - sosehr er dagegen ankämpfte - ganz unter der Vorstellung ihrer Prinzessinnenschaft stand , vergaß auf Augenblicke Krankheit und Alter und fühlte sich nur noch als Ritter seiner Dame . Daß sie stehen blieb , war ihm im ersten Augenblicke störend , bald aber war es ihm recht , weil ihm einleuchtete , daß ihr » Bild « erst dadurch zu voller Wirkung kam . Ermyntrud selbst war sich dessen auch voll bewußt und Frau genug , auf diese Vorzüge nicht ohne Not zu verzichten . » Ich höre , daß Doktor Sponholz , den ich als Arzt sehr schätzen gelernt habe , seine Kranken , während er in Pfäffers ist , einem jungen Stellvertreter anvertraut hat . Junge Ärzte sind meist klüger als die alten , aber doch weniger Ärzte . Man bringt außerdem dem Alter mehr Vertrauen entgegen . Alte Doktoren sind wie Beichtiger , vor denen man sich gern offenbart . Freilich können sie den geistlichen Zuspruch nicht voll ersetzen , der in jeder ernstlichen Krankheit doch das eigentlich Heilsame bleibt . Ärzte selbst - ich hab einen Teil meiner Jugend in einem Diakonissenhause verbracht - , Ärzte selbst , wenn sie ihren Beruf recht verstehn , urteilen in diesem Sinne . Sogenannte Medikamente sind und bleiben ein armer Notbehelf ; alle wahre Hilfe fließt