und viel erfahren , haben Kummer und Sorge , sind wohl gar elend und verlassen so wird es ihnen des Nachts unfehlbar träumen , daß Sie sich ihrer Heimat nähern ; Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben ; holde , feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen ; da entdecken Sie plötzlich , daß Sie zerfetzt , nackt und staubbedeckt einhergehen ; eine namenlose Scham und Angst faßt Sie , Sie suchen sich zu bedecken , zu verbergen und erwachen in Schweiß gebadet . Dies ist , solange es Menschen gibt , der Traum des kummervollen umhergeworfenen Mannes , und so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen ! « Inzwischen war es gut , daß das Interesse Römers , hinsichtlich des Kopierens seiner Sammlungen , sich mit dem meinigen vereinigte ; denn als ich nun , gemäß seiner Aufforderung , mich wieder vor die Natur hinsetzte , erwies es sich , daß ich Gefahr lief , meine ganze Kopierfertigkeit und mein italienisches Wissen zu einer wunderlichen Fiktion werden zu sehen . Es kostete mich die größte Beharrlichkeit und Mühe , ein nur zum zehnten Teile so anständiges Blatt zuwege zu bringen , als meine Kopien waren ; die ersten Versuche mißlangen fast gänzlich , und Römer sagte schadenfroh : » Ja , mein Lieber , das geht nicht so rasch ! Ich habe es wohl gedacht , daß es so kommen würde ; nun heißt es auf eigenen Füßen stehen oder vielmehr mit eigenen Augen sehen ! Eine gute Studie leidlich kopieren , will nicht soviel heißen ! Glauben Sie denn , man läßt sich ohne weiteres für andere die Sonne auf den Buckel zünden ? « und so fort . Nun begann der ganze Krieg des Tadels gegen das Bemühen , demselben zuvorzukommen und ihm boshafte Streiche zu spielen , von neuem ; Römer ging mit hinaus und malte selbst , so daß er mich immer unter seinen Augen hatte . Es war hier nicht geraten , die Torheiten und Flausen zu wiederholen , die ich unter Herrn Habersaat gespielt hatte , da Römer durch Steine und Bäume zu sehen schien und jedem Striche anmerkte , ob derselbe gewissenhaft sei oder nicht . Er sah es jedem Aste an , ob er zu dick oder zu dünn sei , und wenn ich meinte , der Ast könnte ja am Ende so gewachsen sein , so sagte er : » Lassen Sie das gut sein ! Die Natur ist vernünftig und zuverlässig ; übrigens kennen wir solche Finessen wohl ! Sie sind nicht der erste Hexenmeister , welcher der Natur und seinem Lehrer ein X für ein U machen will ! « Drittes Kapitel Anna Weil ich die mir durch den Aufenthalt Römers zugemessene Zeit wohl benutzen mußte , so konnte ich nicht daran denken , das Dorf zu besuchen , obschon ich verschiedene Grüße und Zeichen von daher erhalten hatte . Um so fleißiger dachte ich an Anna , wenn ich arbeitete und die grünen Bäume leise um mich rauschten . Ich freute mich für sie meines Lernens und daß ich in diesem Jahre so reich an Erfahrung geworden gegen das frühere Jahr ; ich hoffte einigen wirklichen Wert dadurch erhalten zu haben , der in ihren Augen für mich spräche und in ihrem Hause die Hoffnung begründe , die ich selbst für mich zu hegen mir erlaubte . Der Herbst war gekommen , und als ich eines Mittags zum Essen nach Hause ging und in unsere Stube trat , sah ich auf dem Ruhbettchen einen schwarzseidenen Mantel liegen . Freudig betroffen eilte ich auf denselben zu , hob das leichte angenehme Ding in die Höhe und untersuchte es von allen Seiten . Ich eilte damit in die Küche , wo ich die Mutter beschäftigt fand , ein besseres Essen als gewöhnlich zu bereiten . Sie verkündigte mir die Ankunft des Schulmeisters und seiner Tochter , fügte aber sogleich mit besorgtem Ernst bei , daß leider dieselben nicht zum Vergnügen gekommen wären , sondern um einen berühmten Arzt zu besuchen . Während die Mutter in die Stube ging und den Tisch deckte , deutete sie mir mit einigen Worten an , daß sich bei Anna seltsame und beängstigende Anzeichen eingestellt hätten , der Schulmeister sehr bekümmert sei und sie , die Mutter , selbst nicht minder ; denn nach der ganzen Erscheinung des armen Mädchens könne es sich ereignen , daß das zarte Wesen nicht alt werde . Ich saß auf dem Ruhbette , hielt den Mantel fest in meinen Händen und hörte ganz verwundert auf diese Worte , die mir so unerwartet und fremd klangen , daß sie mir mehr merkwürdig als erschreckend vorkamen . In diesem Augenblicke ging die Tür auf , und die ebenso geliebten als wahrhaft geehrten Gäste traten herein . Überrascht stand ich auf und ging ihnen entgegen , und erst als ich Anna die Hand geben wollte , sah ich , daß ich immer noch ihren Mantel hielt . Sie errötete und lächelte zugleich , während ich verlegen dastand ; der Schulmeister warf mir vor , daß ich mich den ganzen Sommer über nie sehen lassen , und so vergaß ich über diesen Begrüßungen die Mitteilung der Mutter , an welche mich auch nichts Auffallendes erinnerte . Erst als wir am Tische saßen , wurde ich durch eine gewisse vermehrte Liebe und Aufmerksamkeit , mit welcher meine Mutter Anna behandelte , gemahnt und glaubte jetzt nur zu sehen , daß sie gegen früher fast größer , aber auch zugleich zarter und schmächtiger erschien ; ihre Gesichtsfarbe war wie durchsichtig geworden , und um ihre Augen , welche erhöht glänzten , bald in dem kindlichen Feuer früherer Tage , bald in einem träumerischen tiefen Nachdenken , lag etwas Leidendes . Sie war heiter und sprach ziemlich viel , während ich schwieg , hörte und sie ansah ; auch der Schulmeister war heiter und ganz wie sonst ; denn bei den Schicksalen und Leiden