atmen seinen seltsam würzigen Brodem , fühlen die wogende Kühle , mit der es uns umspült . Und wie lockt es die Phantasie in seine Tiefen , wie lockt es den forschenden Gedanken in alle erreichbare Fernen , während es gleich dem unerreichbaren Firmament , das es widerstrahlt , das Ahnen und Mahnen des Unendlichen im heimlichsten Seelengrunde aufstört . Endlich aber : es ist unser eigen ! Welches Gemüt erschütterte nicht das Ringen , unter welchem die schwache Eintagsfliege , Mensch , zum Herrn über den Leviathan sich setzt ? sei es , daß sein Kiel die Brandung durchfurcht , sei es , daß er mit Ameisenfleiß seine Scholle zum Schutz gegen Sturm und Woge umwallt . Wie zeugt und hebt es jede Mannestugend und Kraft ! Wer darf sagen , daß er das Geheimnis der Heimatliebe spüre so wie der spärliche Menschenrest auf diesen Inselbrocken , die einstmals blühender , fester Boden waren ? Hunderttausende , die er genährt , hat die einbrechende Flut verschlungen , und die wenigen , die sie verschonte , hat sie jede Stunde zu verschlingen die Macht . Und doch klammern sie sich an ihn , schützen , bebauen ihn , und aus paradiesischer Üppigkeit lockt es den Seefahrer an seine rauhe , umbrandete Küste wie in einen weichumfangenden Mutterarm , und der sturmgepeitschte Wogenschlag hallt ihm wie ein Wiegenlied . Und all diese Schauer einer hehren , herben Größe empfanden Lydia und Dezimus zu zweien so , als wären sie allein . O , was waren das für Stunden am Strand , im Boot , in dämmernder » heiliger Frühe « , bei glutdurchströmtem Tagessinken , unter dem nächtlich strahlenden Firmament ! Wie weitete sich seine Brust , wie färbten sich ihre lange bleichen Wangen ! Diese reine Menschenblüte , die unter rauhem Frühlingssturme ihren Kelch zusammengezogen hatte , sie öffnete ihn zu düftereichen Strömen , und die ernste Freundschaft , die sich in diesen Stunden des Erwachens schloß , die wird wohl standhalten wie am mitternächtigen Horizonte der Stern , der dem Piloten auf hoher See die Richtung gibt . Freund Kandidat saß wieder im Giebelstübchen des Chaldäerhauses . Da der Seelenvater sich wie zuvor schon der Sternenvater für Zurücklegung auch des Oberlehrerexamens entschieden hatte , war wider Hoffen und halb und halb auch wider Verstehen die Rosenwonne in die Ferne gerückt . Indessen ließ nachts die Beobachtung gewisser Lieblingsphänomene , die am novemberlichen Himmel zu schwärmen pflegen , und ließ am Tage die Rückschau auf phänomenale Meeresoffenbarungen es zu beängstigenden Schauern des Kandidatenfiebers nicht gelangen . Unter sprühenden Weltenfunken und goldenen Erinnerungen , unter Träumen von eitel Frieden und Freude flogen Tage und Wochen dem Glücklichen hin , als jach das Schicksal geschritten kam , das mit ehernem Tritt Bahnen verschüttet und Bahnen bricht . Die mehrerwähnte böse Seuche hatte sich von ihrem ursprünglichen Herd auch über andere Teile des Vaterlandes , wo sie ein dichtgedrängtes Volk der genügenden Nahrung entbehrend fand , ausgebreitet . Für die Werbener Gegend war man jedoch außer Sorge ; unter den erquicklichen Luftströmen ihres Tales und seinen der Mehrzahl nach wohlhäbigen Bewohnern hatte seit Menschengedenken selbst keine Kinderkrankheit epidemisch Fuß gefaßt . Die Cholera war vor Jahren in den nachbarlichen Auenstädten und Dörfern wie ein Würgengel aufgetreten ; an der Werbener Flurmark machte sie halt . Im frommen Dank für diese Gnade hatte man dazumal in der Pfarre wie auch in diesem und jenem Bauernhofe , wo die Blümelsche Sinnesart allmählich Widerhall gefunden , für die Heimgesuchten gearbeitet , gesammelt , gespart , das Entbehrliche hingegeben , und also geschah es heuer wieder . Tropfen leider auf einen heißen Stein ! Lydia sandte unter des Kurators Zustimmung den größten Teil der aufgesparten Hälfte ihrer Rente in die bedrängten Gegenden ; sie glaubte sich zu diesem Eingriff in ihre eigene Ordnung berechtigt , da binnen kurzem ja das volle Einkommen auf ihre Cousine übergehen werde . Denn das herzstärkende Zwischenspiel am Meer hatte Lydia in ihrem ernsten Zukunftsplane nur gefestigt ; Sidonie war durch Freund Blümel bereits davon benachrichtigt , daß jene unmittelbar nach Philipps Entscheidung über seinen Beruf , also zum Frühling , in die große Diakonissenanstalt am Rhein eintreten werde . Sie lebte zurzeit auf dem Schlosse wieder ganz allein . Die Geschwister waren in ihre Heimstätten , die Mutter in Martins Haus zurückgekehrt . Pastor Blümel bekämpfte ihr Vorhaben nicht ; doch bangte ihm vor dessen Ausführung , weniger um ihretwillen als um seiner selber willen . Lydias Verhältnis zu ihm und seinem Hause war seit der Heimkehr von der Insel ein verändertes . Sie besuchte regelmäßig seine Kirche ; von Mutter Hanna wurde sie in ihrer Einsamkeit gleich einer Angehörigen gehegt , und auch Röschen gewöhnte sich an das » In die Höhe blicken « und » Schweigenhören « , wie sie es nannte ; der Vater aber liebte sie mehr denn je wie ein eigenes Kind , ja wie ein im Greisenalter erfülltes hehres Traumbild der Seele . In seinem Erinnerungskalender aus jener Zeit steht , offenbar in bezug auf Lydia , die Bemerkung : » Wie gewisse stark organisierte Körper sich erst völlig entwickeln nach einem Fieber , das die in der Ruhe stauenden Säfte in Umschwung bringt , so gibt es hochgerichtete Seelen , in denen erst durch einen Irrtum , ja durch ein Fehl ein Gleichmaß der Wirkungen hergestellt wird . Hier wie dort ringt die unterdrückte Natur sich aus ihrem Bann . « Auch mit Dezimus war Lydia in Briefwechsel getreten . Der Austausch der immer zufriedenstellenderen Nachrichten von der Insel gab den Anlaß dafür , wenn auch nicht seinen einzigen Stoff . Da aber neben jenen Nachrichten die Außenwelt ihnen wenig Erfahrungen zutrug , tauschten sie die immer reichlicher strömenden ihres inneren Lebens gegeneinander aus , und Dezimus genoß die volle Seligkeit , in die Seele einer Freundin zu ergießen , » was durch das Paradies der Brust « in seinen Sternennächten gewandelt war . Er hätte schwerlich entscheiden können , welches Kuvert er freudiger