umher - er wußte freilich jetzt alles . Er wußte vor allen Dingen , weshalb das Kind der schönen Marie , sein Pflegekind , die arme Antonie Häußler , so wenig Widerstand gegen den Willen ihres Großvaters in betreff des Grafen Basilides Conexionsky geleistet hatte . Sie spielte doch Komödie ! Das Herz zerbrach ihm im tiefen Schauder über die tragische , entsetzliche Rolle , die sie diesmal auf sich genommen hatte . » Sie liebt den Knaben - den törichten , nichtigen Knaben , der nichts als ein halb unbewußtes , ein schnell vergehendes Mitleid für sie hat ! « murmelte er . » O sie sieht furchtbar klar - sie wäre doch verloren in der Heimat . Sie hat recht , sie hat keine Heimat - dort nicht - dort nicht . Und weil sie weiß , daß man an einer Rolle wie der ihrigen wirklich stirbt , so hat sie sich in dieselbe hineingeflüchtet , und ich - ich habe ihr nichts mehr zu sagen , nichts mehr zu bieten ! « - Da merkte er , daß er nicht umsonst mehr denn siebenzig Jahre alt geworden war und das Vermögen , über sein eigen Dasein und das seiner Brüder und Schwestern im Leben nachzudenken , behalten oder doch für einen kurzen Augenblick wiedererhalten hatte . Grimmig richtete sich die furchtbare Sphinx vor ihm empor und sah ihn an mit den großen , kalten , unergründlichen Augen . Was war es auch , was ihn hier in dem Geschicke seines Pflegekindes so tief bewegte ? War es wirklich so spät am Abend der Mühe und der Tränen wert ? So spät am Abend ! Was hatte er selber dadurch gewonnen , daß er siebenzig Jahre alt geworden war und daß er es , wie die Leute in Krodebeck sagten , in seinem Leben gut gehabt hatte ? - Hatte er es in seiner träumerischen , einsiedlerischen , verlorenen Abgeschiedenheit wirklich so gut gehabt , wie die Leute in Krodebeck meinten ? Ach , er fühlte sich als ein gar armer Mann , als er so spät am Abend seinen Gewinn zusammenzählte , während das bleiche Pflegekind von seinen Kissen ihn ebenfalls mit großen , unergründlichen Augen anblickte , als warte es darauf , daß er ihm das Ergebnis seiner Rechnung leise sage . Er hatte hier Hülfe bringen wollen ? Er ? - - - So alt , so alt und ebenso allein und hülflos in dem wilden , wimmelnden , vorwärts stürzenden Leben wie dieses junge Wesen - ja hülfloser noch ! Er blickte auf den Weg zurück , auf welchem er gekommen war , und er sah ihn leer . Nur die Nacht schritt hinter ihm her , die Schatten wuchsen um ihn . » Ach , lebte doch die Frau Adelheid noch ! « sagte er , und dann dachte er an die zwei andern alten Weiber , die noch auf dem Lauenhofe saßen ; aber was konnten die ihm und der Tonie helfen ? Er dachte an das hohe Alter der beiden , und das kam ihm auf einmal ganz außergewöhnlich gespenstisch vor , und dann blickte er sich von neuem in seiner Umgebung um und besann sich mühsam , wo er sich befinde . Er strich langsam über die dünnen weißen Haare und murmelte ganz ängstlich fragend : » Tonie , Tonie ? « Sie verstand schnell , was das bedeute , und faßte seine Hand und flüsterte ihm zärtlich ermutigend zu : » Fürchte dich nicht , Vater . Du bist bei mir - bei deinem Kinde ! Wir halten zusammen , wir bleiben zusammen . Niemand kann uns mehr ein Leid antun . O wir können ruhig sein , ganz ruhig , mein Vater ! « Da nickte er mit dem Kopfe , und das Kinn sank ihm tiefer auf die Brust herab . Die greisenhafte Erschöpfung gewann langsam wieder ihr Recht über ihn . Noch wehrte er sich tapfer und ritterlich dagegen ; aber schon wußte er , daß er unterliegen müsse , und jammernd rief er : » Tonie , Tonie , weshalb bin ich denn hier ? Weshalb bin ich hergekommen ? Wo bin ich ? « » Du bist zu meinem höchsten Glück zu mir gekommen . In der höchsten Not . Nun bist du bei mir , mein Vater , und ich bin bei dir , und wir bleiben zusammen , niemand soll uns voneinander trennen . Sei ruhig , wir gehen denselben Weg , mein Vater ! « Noch einmal und zum letztenmal ging eine große Helle , ein großes Licht durch die Seele des Ritters Karl Eustach von Glaubigern . Noch einmal sah er sein Leben vom ersten Augenblick des selbständigen Denkens bis in diese feierliche Stunde in höchster Klarheit vor sich , und ganz klar erkannte er plötzlich , inwiefern seine tapfere Fahrt vollkommen mißlungen war und inwiefern dieselbe vollständig ihren Zweck erfüllte . » Du sagst die Wahrheit , Tonie « , sprach er . » Wir wollen zusammenbleiben und zusammengehen , mein Kind , denn wir treffen auf ein und demselben Wege zusammen ; ich komme nur ein wenig weiter her . Das sind deine jungen Locken , mein armes Kind ; - man sollte es nicht denken , daß wir auf demselben Wege zusammentreffen könnten ; aber es ist so . Wir können in dieser Welt einander nicht helfen , Tonie ; wir können nur den Rest unseres Weges zusammen gehen . « » Mein Glück , das ist mein Glück , lieber Vater ! Und jetzt wollen wir die anderen Herren zurückrufen , und wir wollen verschwiegen sein und haben das leicht ; denn wir müßten laut rufen , um uns hörbar zu machen . « - Gerufen von Toinette , kam der Edle von Haußenbleib mit dem Junker von Lauen , stumm , sorgenvoll , verlegen und verstört . Sie hatten allen Grund , über den Ritter und sein Pflegekind zu erstaunen , denn Tonie empfing sie