Zweck ihre goldene Brille abgenommen und die officiellen Falten von der Stirn gewischt . Lassen Sie uns offen gegen einander sein , liebe Helene , sagt sie , die schlanke , weiße Hand der jungen Dame vertraulich in ihre knöchernen Finger nehmend ; meine liebe Sophie hat mir gleich im Anfang unserer Bekanntschaft Andeutungen gemacht , welche das sonst unbegreifliche Benehmen Ihrer Frau Mutter einigermaßen erklären . Sie brauchen nicht roth zu werden , liebes Kind . Es ist dabei kein Wort gesprochen worden , das Ihnen irgendwie zur Unehre gereichte ; im Gegentheil , wir Beide , Sophie und ich , haben Sie , die Sie in so frühen Jahren so Vieles zu erdulden hatten , nur innig bedauert . Wir sahen in Ihrer Entfernung aus dem elterlichen Hause nur eine Art von Verbannung , zu gleicher Zeit aber meinten wir , daß mein Haus unter diesen Umständen Ihnen ein wünschenswerthes Asyl gewähren könnte . Sollte dies wirklich der Fall gewesen sein , sollten Sie vielleicht selbst jetzt noch dieses Asyl bedürfen , so sagen Sie es mir . Es ist nicht meine Art , Zwietracht zu säen , noch dazu zwischen Mutter und Tochter , aber wie die Sachen einmal liegen , halte ich es für kein Unrecht , Partei zu ergreifen . Das alte Fräulein schwieg , Helene war bewegter , als es wohl sonst ihre Art war , aber ihre Selbstbeherrschung verließ sie doch auch jetzt nicht . Mit einem beinahe heiteren Tone sagte sie : Sie sind sehr gütig gegen mich , Fräulein Bär , gütiger als ich es verdiene ; aber Ihre fürsorgliche Güte hat Ihnen , glaube ich , mein Verhältniß zur Mutter in einem allzu ungünstigen Lichte gezeigt ; wir haben uns eine Zeit lang etwas schroffer gegenüber gestanden , doch das ist Alles von meiner Mutter hoffentlich so vergessen , wie es von mir vergessen ist . Sie wissen , wie gern ich in Ihrem Hause bin , wie wohl ich mich hier fühle ; sollte aber meine Mutter , wie es den Anschein hat , wünschen , daß ich zu ihr zurückkomme , so halte ich es für meine Pflicht , diesem Wunsch zu gehorchen , ohne danach zu fragen , ob es mit meinen persönlichen Neigungen übereinstimmt oder nicht . Fräulein Bär war durch diese Antwort keineswegs angenehm überrascht . Sie war dem jungen Mädchen mit offenem Herzen entgegengekommen ; sie hatte sich gewissermaßen , um Helene Vertrauen einzuflößen , bloßgestellt , und nun anstatt des Vertrauens , anstatt der Offenheit Zurückhaltung und diplomatische Kälte ! Die gute alte Dame fühlte sich tief verletzt und verließ in dieser Stimmung das Zimmer , nachdem sie mit vielem Geschick das Gespräch auf gleichgültigere Dinge hinübergespielt hatte . Daß die Baronin das Herz ihrer Tochter , zum wenigsten nach einer Seite hin , kannte , hatte sie heute durch ihr Benehmen bewiesen . Es schmeichelte Helenens Stolz , daß die Mutter sich mit ihrem Wunsche nicht einmal direct an sie zu wenden wagte , sondern sich dabei hinter Fräulein Bär steckte . Ihr Entschluß , in das Haus ihrer Eltern zurückzukehren , war bereits an dem Abend gefaßt , als sie den letzten Brief an Mary Burton schrieb . Die junge Engländerin hatte , aus ihrer Hamburger Pension kaum in ihr Vaterland zurückgekehrt , eine der glänzendsten Partien gemacht , die zu jener Zeit in England gemacht werden konnten . Helene erinnerte sich noch recht gut , wie der Roman , der so unerwartet schnell und glücklich zu Ende gespielt worden war , angefangen hatte . Sie und Mary hatten als Mädchen von vierzehn Jahren in Gesellschaft der Pensionsvorsteherin und eines halben Dutzend anderer jungen Mädchen von Hamburg aus einen Ausflug nach Helgoland gemacht und bei dieser Gelegenheit ein englisches Kriegsschiff , das dort vor Anker lag , besichtigt . Die Officiere hatten die reizende Gesellschaft mit größter Zuvorkommenheit empfangen und bewirthet ; ja zuletzt noch auf dem Quarterdeck einen Ball arrangirt , der überaus heiter gewesen war . Besonders hatte der Capitän der Fregatte , ein noch junger , schöner , von der südlichen Sonne gebräunter Mann , den jungen Damen gefallen und würde ihnen noch mehr gefallen haben , wenn er seine Landsmännin Mary Burton nicht so sehr vor den übrigen Schönheiten ausgezeichnet hätte . Miß Mary Burton mußte sich in Folge dessen hinterher gar viel mit ihrem Fregattencapitän necken lassen , bis man die Fahrt nach Helgoland und Alles , was damit zusammenhing , über neueren und wichtigeren Ereignissen allmälig vergaß . Aber zwei hatten die Sache nicht vergessen und das waren eben der Fregattencapitän und Miß Mary Burton . Als die junge Dame drei Jahre später nach England zurückkehrte , war eine der ersten Personen , denen sie in dem Salon einer vornehmen Verwandtin begegnete , Capitän Crawley , oder vielmehr , da sein Vater und ein älterer Bruder inzwischen gestorben und er so ganz unerwartet die Titel und die Reichthümer der Familie geerbt hatte : Lord Crawley de Crawley . Acht Tage später wurde die vornehme Welt durch die Verlobung Seiner Herrlichkeit mit Miß Mary Burton ( einer Dame , die schlechterdings Niemand kannte ) auf das höchste überrascht . Niemand aber konnte durch diese Nachricht eigenthümlicher berührt werden , als Helene von Grenwitz . Sie war die intimste Freundin Mary ' s gewesen ; man hatte sie stets mit Mary zusammen gesehen , zusammen genannt , aber man hatte sie auch immer für die bei weitem Schönere und Bedeutendere gehalten , und Niemand hatte diesem Urtheil freudiger beigestimmt , als die bescheidene Mary selbst . Mary betete ihre glänzende Freundin an ; Helene Grenwitz war in ihren Augen ein unerreichbares Ideal ; sie ordnete sich ihr bei jeder Gelegenheit unter , und wenn die jungen Mädchen für die Zukunft sich ihre Pläne und Hoffnungen mittheilten , so baute Mary für Helene die prachtvollsten Schlösser , während sie sich mit einer strohbedeckten Hütte am Rande eines murmelnden Baches begnügte . Helene hatte diese Huldigungen entgegengenommen , wie