Vigilancekomitees begegnete Meister Ludwig den beiden Reisegenossen auf der Plaza und sprang mit lautem Freudenruf ihnen entgegen . Die wichtigsten Erlebnisse tauschten sie gleich auf der Straße aus ; ach , was Robert Wolf zu sagen hatte , ließ sich zuerst durch einen Seufzer , einen Blick ausdrücken und durch einen stummen Händedruck Ludwigs beantworten . » Komm zu meiner Frau ! O komm sogleich zu Marie « , rief der junge Meister dann und eilte den beiden voran , den Weg zeigend . » Die ganze Stadt scheint ja unter Waffen zu sein . Was ist denn los , Tellering ? « fragte der Hauptmann . » Wir sind in einem neuen Lande « , sagte Ludwig achselzuckend . » Viel Menschen und etwas zuwenig von dem , was wir daheim zuviel haben , Polizeigesetz ! Man sucht sich eben seiner Haut zu wehren , jeder steht Wache vor seiner Tür , und die Einsichtigen vereinigen sich zur gemeinschaftlichen Abwehr von Willkür und Raubsucht . Doch da sind wir , und da ist Marie mit dem Jungen , und da ist die Alte ! « Es ist ein eigenes trübes , wehmütiges Gefühl , selber heimatlos in einem wohlgegründeten , wohlbeschützten Heimwesen freundlich , herzlich empfangen zu werden . Robert Wolf empfand das recht , als ihm Marie Tellering mit ihrem Kinde auf dem Arm entgegeneilte , als ihm die Mutter Anna abermals treuherzig die Hand drückte . Weinend ließ sich die kleine Frau des Freundes vom Ende ihrer einstigen Herrin erzählen und wollte sich anfangs auf keine Weise zufriedensprechen lassen . » O wer hätte das gedacht , wenn wir sonst nach dem Theater spät zusammensaßen in der Lilienstraße und von der Zukunft sprachen ! Und ich habe sie verlassen müssen in ihrer höchsten Not , und sie hat mich doch aufgenommen , als ich freundlos und hungrig war . Sie hätte mich nicht verlassen - ach , es war schlecht , schlecht , schlecht von mir - ach , hätt ich es nur anders machen können ! « » Sie haben getan , was Sie konnten ! « rief Robert . » Gott segne Sie dafür . Sie haben sich keinen Vorwurf zu machen und dürfen sich Ihr Glück nicht durch solche Gedanken verbittern . « » Ich konnte ja auch nicht anders , nicht wahr , du kleines Herz ? « schluchzte die junge Mutter , ihr Kind küssend und aus tiefster Bekümmernis zum hellsten Jubel übergehend . » Da sehen Sie ihn , Robert , sehen Sie ihn , Herr Hauptmann , ist es nicht ein Liebling ? Und er hat seines Vaters Augen und ganz seine Nase , obgleich Ludwig es nicht zugeben will . Ach , ich habe ihr nicht helfen können , und sie hat ohne mich in der Wildnis liegen und sterben müssen . Herr Wolf , wie oft wache ich auf in der Nacht und denke , sie hat mich gerufen ; - wenn ich die Wiege nicht neben meinem Bette hätte , ich müßte mich totweinen vor Kummer und Schmerz . O nicht wahr , es ist nicht meine Schuld , daß ich sie verlassen mußte ? « Immer von neuem mußte Robert , mußten Ludwig und die Mutter der bekümmerten kleinen Frau wiederholen , daß es nicht ihre Schuld sei , wenn die arme Eva Wolf auf ihrem Sterbebette in der Wildnis von Yuba-County nicht von ihr gepflegt wurde . Noch einige Tage brachten Konrad von Faber und Robert im Hause der wackern Freunde zu ; dann waren die Geschäfte besorgt , daß Gold umgesetzt und alles bereit zu dem langen beschwerlichen Ritt nach Missouri . Vergeblich hatten sie auf der Post nach Briefen gefragt ; keiner der Dampfer , die in das Goldene Tor eingelaufen waren , hatte Nachricht von den Freunden in Europa gebracht . Nun noch eine betrübte Abschiedsstunde ; aber auch sie ging vorüber ! Tausend ausgesprochene und unausgesprochene Grüße an die alte Heimat jenseits der großen Wüsten und Wasser trugen die beiden Wanderer mit von dannen . Auf Nimmerwiedersehen sagten sich die beiden Freunde aus der Musikantengasse jetzt Lebewohl ; aber auch sie hatten sich gegenseitig von ihrem Wesen so viel mitgeteilt , daß sie doch immer unauflöslich miteinander verbunden waren . - Am letzten April befanden sich die beiden Reisenden in Placerville , welches damals noch Old Hangtown hieß . Bergauf und bergunter hinab in die Ebenen zum Carsonfluß . Da ist Ragtown , die Lumpenstadt , deren Häuser aus den zerbrochenen Wagen und zerfetzten Wagendecken der Emigranten bestehen . Schrecklich deutlich ist der Weg über die Wüste vorgezeichnet . Knochen von Pferden und Lasttieren , Gräber , umgestürzte Karren , zerbrochene Ochsenjoche und Wagenräder , zertrümmertes Gerät bezeichnen den Pfad , auf welchem der Strom der Abenteurer in das Goldland hineinflutet . » Foot and Walker ' s Line « nennt der Hauptmann ingrimmig und ironisch diesen Pfad , als er schwitzend unter der glühenden Sonne seinen Gaul am Zügel durch den Alkalistaub am Humboldtfluß nach sich zieht . Noch ist die Wüste menschenleer , denn es ist noch früh im Jahre , und die kommenden Emigrantenzüge haben die regennassen Prärien von Iowa und Missouri noch nicht passiert . So sind denn Wolf und Geier die einzigen lebenden Wesen , die den zwei Reitern in der Einöde begegnen . Wieder folgen große Wiesen auf den dürren Sand - herrliche Jagdgründe , wo Konrad von Faber und Robert eine lange Rast halten und wo der Hauptmann dem jungen Schützen aus dem Winzelwalde zeigt , wie man den Büffel jagt . Vorwärts , vorwärts - seltsame Felsenkolosse erheben sich am Horizont ; gleich einer zerstörten Stadt der Riesen steigt Castle-Rock vor den Wanderern auf . - Am vierten Juli stieg mitten in der Prärie Konrad von Faber vom Pferde , kniete nieder und legte das Ohr auf den Boden ; dann forderte er den Begleiter auf , dasselbe zu tun . Ein dumpfer Hall aus unendlicher Ferne schien sich unter der Erde fortzupflanzen