sondern seitwärts in einem kleinen Weinberge , den der Oberst bewohnt ! Aber Hedemann ? ... fragte Lucinde forschend und um so teilnehmender , da sie der Name » von Enckefuß « an die alten düstern Begegnungen ihres Lebens , an den Rittmeister , den » schönen Enckefuß « , erinnerte ... Fährt mit uns oder geht nach dem Regen lieber zu Fuß ... Sehen Sie nur , dieser Thonboden saugt eine Ueberschwemmung ein , so durstig ist er ! Adieu , Fräulein ! Heut Abend oder morgen in der Dechanei ! Viel , viel Glück ! Diese Willennsäußerung und Verabschiedung waren zu bestimmend . Benno begleitete schon Lucinden an den Wagenschlag und half ihr mit Artigkeit einsteigen . Ehe sie sich noch gesammelt hatte , ehe sie nur ihre Frage : Aber was ist denn nur vorgefallen ? ausgesprochen , fuhr sie schon von dannen . Eine Aufklärung konnten die Italiener geben . Diese aber hatten schon eine andere der vielen hier sich kreuzenden Straßen eingeschlagen , nicht die , auf welcher sie nun selbst nach Kocher fuhr . Vom Kutscher konnte sie nichts Anderes über den Vorfall erfahren , als daß jener Herr von Enckefuß aus der Residenz des Kirchenfürsten und zu den Landwehrübungen kam wie alle andern . Bald aber glaubte sie den Vorfall so zu verstehen : Der Offizier verfolgte Porzia , Hedemann trat dazwischen , ein Wortwechsel entstand , ein Streit , Benno aber hielt Hedemann zurück , einem Offizier in Uniform eine Beschimpfung anzuthun , die diesen hätte zwingen müssen , vielleicht Hedemann zu - durchbohren ... In dem Ton , wie Hedemann den Namen : Herr von Enckefuß ! gerufen , lag eine Andeutung , daß sie sich kennen mußten . Was hinderte sie , anzunehmen , daß sie dem Sohne des » schönen Enckefuß « begegnet war , desselben Landraths und Freundes des Kronsyndikus , vor dem sie selbst oft genug ebenso , wie jetzt Porzia , entflohen war ? Nach einer halben Stunde , gegen halb zwei Uhr , sah sie am Rande eines eigenthümlich geformten , schroffen , fast sargähnlichen , dunkeln Bergrückens das Städtchen Kocher am Fall . Eine hohe Kuppel mit vier Thürmen ringsum gehörte ohne Zweifel dem Dom von St.-Zeno an ... Auf ihrer Brust wurde es schwerer und schwerer , je mehr sie hinüberblickte zu der Kathedrale , die mäßig hoch auf einer terrassenförmig sich erhebenden Anhöhe lag . Diese kleine Anhöhe beherrschte auf dieser Seite die Stadt , während auf der andern der düstere Sarg des Gebirges lag . Jetzt fuhr sie auf gekieselten Wegen durch smaragdgrüne , vom Regen funkelnde Wiesen ; dann lenkte der Wagen in Baumalleen ein , die von geschnittenen Hecken durchbrochen wurden ... Unmittelbar um ein im Quadrat liegendes kleines Schloß zwar nicht so phantastischen , wie sie in ihrer Vision gesehen , doch gefälligen alten Geschmacks zogen sich Blumen- und Gemüsegärten ... alles hatte einen vornehmen , sehr gepflegten Anstrich ... Das Schloß war mit mancher Bildhauerarbeit geziert . An der Pforte , wo zwei gewaltige Karyatiden einen Balcon mit einst vergoldet gewesenem Eisengitter trugen , fuhr der Wagen an , ohne sogleich empfangen zu werden . Der Kutscher mußte absteigen und klingeln . Es scholl weithin wie mit doppelten Zügen , die den Klang der ersten Glocke nach einer zweiten übertrugen . Ein alter freundlicher Diener in weißen langen Haaren - wahrscheinlich der in Aussicht gestellte Sternseher - erschien , spitzte klug die Augen , orientirte sich , lächelte wohlwollend und fein und öffnete den Schlag . Er hatte eine Serviette über dem Arm , zum Beweise , daß man im Hause mit dem Diner beschäftigt war . 6. Am Nachmittag desselben Tages stehen weit geöffnet die Flügel eines an der andern und gerade der Pforte entgegengesetzten Seite der Dechanei befindlichen hohen Fensters . Dicht beschattet sind sie von den Zweigen einer Linde , die sich von den fast mühsam durch das Laub hindurchdringenden Strahlen der wieder am blauenden Himmel hervorgetretenen Sonne die nassen Zweige und Blätter trocknen läßt . Die Vögel zwitschern , Käfer , die an den Simsen und in den Cannelirungen des Hauses vor dem Regen ihre Zuflucht gesucht hatten , summen wieder , und wirklich trottet ein Pfau unterm Fenster über die unten rings hinlaufenden feuchten Sandsteinvliesen und wiegt und hebt den bunten Schweif , fast wie um ihn nicht naß werden zu lassen und ganz wie eine Dame ihre Kleider schont . Sähe man nicht da und dort ein heiliges Emblem , am Eingang des engern Parks ein Marienbild , am Ausgang zur Kathedrale hin ein Crucifix , unter den Stuccaturen an dem Hause eine ehemals vergoldet gewesene Strahlenkrone , ein Kreuz , ein Dornenhaupt ; man würde den Eindruck haben , als müßte man sich hier umschauen nach einem Marmorbilde der Flora , nach einer Gruppe versteckter Satyrn oder Nymphen entführender Centauren . Am offenen Fenster gibt es einen traulichen grünen Winkel zwischen den fast hineinlangenden Zweigen der Linde und einem Studirtische , dessen Vorsprung den Vögeln ebenso zugänglich scheint wie eine Anzahl aus Fenster gerückter Sessel , auf deren Lehnen sie sich wagen . Der Greis , den die Vögel schon kennen und den sie sogar auf seinem Schreibtisch besuchen - er lockte sie durch seinen Morgenzwieback und sein Mittagsdessert - nennt diesen Winkel seine liebste Sakristei und seinen segensreichsten Beichtstuhl . Man sieht auch Bücher in glänzenden Einbänden mit geöffneten Kupfersticheinlagen in der Mitte des Zimmers auf einem runden Tische . Man sieht einen in Guache gemalten Christuskopf von Guido Reni über dem Schreibtisch . Die bunten Lithophanieen , die die Fensterscheiben verdecken , sind jetzt , da die Fenster offen , an die Wand gelehnt . Man sieht in Alabaster das Abbild der speerbewaffneten Göttin der Weisheit vom Parthenon auf einem kleinen weißen Porzellanofen . Auf dem eleganten Mahagonischreibtisch mit Fächern und kleinen durchbrochenen Galerieen aller Art liegen und stehen in Bronze bunterleigestaltete Nippsachen , Briefbeschwerer , Streusandschalen , Federgestelle , Federwischer von bunten Farben , ein gewaltiges Tintenfaß