Tage anzudeuten , daß er sich immerhin meines Stuhles bedienen solle , indem ich denselben nicht brauche . Einmal aber wollte ich darin sitzen und stehen , wie es mein Vater getan . Derselbe besuchte an allen Festtagen die Kirche , denn alle hohen Feste erfüllten ihn mit heiterer Freude und tapferm Mute , indem er den großen und guten Geist , welchen er in aller Welt und Natur sich erfüllen sah , alsdann besonders fühlte und verehrte . Weihnachten , Ostern , Himmelfahrt und Pfingsten waren ihm die herrlichsten Freudentage , an welchen es mit edlen Betrachtungen , Kirchenbesuch , duftendem Mittagsmahl und frohen Spaziergängen auf grüne Berge hoch herging . Diese Art hat sich auf mich vererbt , nämlich das frohe Genießen der Festtage , und wenn ich an einem Pfingstmorgen auf einem duftigen Berge stehe in der kristallklaren Luft , so ist mir das Glockengeläute in der fernen Tiefe die allerschönste Musik , und ich habe schon oft darüber spintisiert , durch welchen Gebrauch bei einer allfälligen Abschaffung des Kirchentumes das schöne Geläute wohl erhalten werden dürfte . Es wollte mir jedoch nichts einfallen , was nicht töricht und gemacht ausgesehen hätte , und ich fand zuletzt immer , daß der sehnsüchtige Reiz der Glockentöne gerade in dem jetzigen Zustande bestehe , wo sie fern aus der blauen Tiefe herüberklangen und mir sagten , daß dort das Volk in alten gläubigen Erinnerungen versammelt war . In meiner Freiheit ehrte ich dann diese Erinnerungen wie diejenigen der Kindheit , und eben dadurch , daß ich von ihnen geschieden war , wurden mir die Glocken , die so viele Jahrhunderte in dem alten schönen Lande klangen , wehmütig ergreifend . Ich empfand , daß man nichts » machen « kann und daß die Vergänglichkeit , der ewige Wandel alles Irdischen schon genugsam für poetisch sehnsüchtigen Reiz sorgen . Der Freiheitssinn meines Vaters in religiöser Hinsicht war vorzüglich gegen die Übergriffe des Ultramontanismus und gegen die Unduldsamkeit und Verknöcherung reformierter Orthodoxen gerichtet , gegen absichtliche Verdummung und Heuchelei jeder Art , und das Wort Pfaff war bei ihm daher öfter zu hören . Würdige Geistliche ehrte er aber und freute sich , ihnen Ergebenheit zu zeigen , und wenn es womöglich ein erzkatholischer , aber ehrenwerter Priester war , welchem er Ehrerbietung beweisen konnte , so machte ihm dies um so größeres Vergnügen , gerade weil er sich im Schoße der Zwinglischen Kirche sehr geborgen fühlte . Zwinglis Erscheinung ist reiner und milder als diejenige Luthers . Er hatte einen freiern Geist und einen weitern Blick , war viel weniger ein Pfaff als ein humaner Staatsmann und besiegelte sein Wirken mit einem schönen Tode auf dem Schlachtfeld , das Schwert in der Hand . Daher war sein Bild meinem Vater ein geliebter sichrer Führer und Bürge . Ich aber stand nun auf einem andern Boden und fühlte wohl , daß ich bei aller Ehrerbietung für den Reformator und Helden doch nicht eines Glaubens mit meinem Vater sein würde , während ich seiner vollkommenen Duldsamkeit und Achtung für die Unabhängigkeit meiner Überzeugung gewiß war . Dieses friedliche und achtungsvolle Ausscheiden in Glaubenssachen zwischen Vater und Sohn feierte ich nun in dem Kirchenstuhle , indem ich mir den Vater noch lebend vorstellte und ein geistiges Gespräch mit ihm führte , und als die Gemeinde sein ehemaliges Lieblings- und Weihnachtslied » Dies ist der Tag , den Gott gemacht ! « anstimmte , sang ich es für meinen Vater laut und froh mit , obgleich ich Mühe hatte , den richtigen Ton zu halten ; denn rechts stand ein alter Kupferschmied , links ein gebrechlicher Chorherr , welche mich mit den wunderbarsten Variationen von der rechten Bahn zu locken suchten , und dies um so lauter und kühner , je standhafter ich blieb . Dann hörte ich aufmerksam auf die Predigt , kritisierte sie und fand sie gar nicht übel ; je näher das Ende rückte und mir die Freiheit winkte , desto trefflicher fand ich die Predigt , und ich nannte in meinem Herzen den Pfarrer einen wackern Mann . Meine Stimmung ward immer heiterer , endlich wurde das Nachtmahl genommen ; aufmerksam verfolgte ich die Zurüstungen und beobachtete alles sehr genau , um es nicht zu vergessen ; denn ich gedachte nicht mehr dabei zu erscheinen . Das Brot besteht aus weißen Blättern von der Größe und Dicke einer Karte und sieht feinem glänzendem Papiere ähnlich . Der Küster backt es , und die Kinder kaufen sich bei ihm die Abfälle als einen unschuldigen Leckerbissen , und ich selbst hatte mir manchmal eine Mütze voll erworben und mich gewundert , daß man eigentlich doch nichts daran äße . Zahlreiche Kirchendiener bieten es aus , den Reihen entlang , worauf die Andächtigen eine Ecke davon brechen und die Blätter weitergeben , während andere Beamtete den Wein in hölzernen Bechern nachfolgen lassen . Manche Leute , besonders die Frauen und Mädchen , behalten gern ein Blättchen zurück , um es andächtig in ihr Gesangbuch zu legen . Auf ein solches , das ich im Buche einer meiner Basen gefunden , hatte ich einst ein Osterlämmchen gemalt mit einem Amor , der darauf reitet , und bei der Entdeckung ein strenges Verhör nebst Verweis zu bestehen gehabt ; als ich jetzt mehrere solcher Blätter in der Hand hielt , erinnerte ich mich daran und mußte lächeln ; auch gelüstete es mich einen Augenblick lang , eins zurückzubehalten , um irgendein lustiges Erinnerungszeichen an meinen Abschied von der Kirche darauf zu malen . Aber ich besann mich , daß ich in dem väterlichen Stuhle stand , und gab das Brot weiter , nachdem ich eine Ecke davon in den Mund gesteckt zum andächtigen , aber allerletzten Abschiede von der Kinderzeit und der Kinderspeise , die ich beim Küster gekauft hatte . Als ich den Becher in der Hand hielt , blickte ich fest in den Wein , ehe ich trank ; aber es rührte mich nicht , ich nahm einen Schluck , gab die Schale