war , und seine Genossen den Anschlag auf ihn aufgegeben hatten , so wurde er um so redseliger , als er seit lange schon nicht mit solchen Menschen umgegangen war , die dasselbe bürgerliche Interesse am Leben hatten , als er . So hatte er auch des alten Magisters erwähnt , welcher seinen Pflegesohn unterrichte . Seit er jenen sonderbaren Brief gelesen hatte , war ihm die Gestalt des alten Mannes immerdar vor Augen . » Ei ! ei ! « sagte der greise Alfert nach einiger Zeit : » gar wundersam und gleichsam dem Märchenhaften nicht ganz unähnlich Dieser alte Mensch , wie Sie ihn beschreiben , ist öfter in dem Landstädtchen Jessen gewesen ; er hat in Wittenberg studiert und promoviert ; ja , ja , es wird schon mein lieber guter Fülletreu sein . Nicht wahr , das ist der Name jener alten Perücke ? « » Allerdings « , sagte Leonhard ; » ich sehe also wohl jemand vor mir , der ihn ebenfalls kennt , oder gekannt hat ? « Der Alte stand mit Feierlichkeit auf , trocknete sich eine Träne vom Auge , und sagte dann mit vor Rührung zitternder Stimme : » Mein Herr Leonhard , nehmen Sie diesen Handschlag und Druck , in die ich mein ganzes Herz und meine Jugend lege , und bringen Sie das der lieben , guten , frommen , demütigen Kreatur von Menschen , der allerbesten , die Gott erschaffen , oder die ich wenigstens habe kennen lernen . « Er setzte sich hierauf wieder an seinen Platz , und forderte Leonhard auf , ihm alles zu erzählen , was er nur irgend von dem alten Magister wisse . Dieser konnte fast nichts mehr mitteilen , als was er selbst an jenem Abend erfuhr , als der alte Mann zufällig in Elsheims Gesellschaft ein Fragment seines Lebens zum besten gab . Nachdem er geendigt hatte , sagte der greise Alfert : » Ei , du mein lieber alter Fülletreu , du Schulkamerad und Universitätsfreund , eine Zeitlang sogar mein Stubenbursche ! Ach , wo seid ihr hingeschwunden , ihr schönen Zeiten , in denen wir uns im Disputieren und in der Latinität übten ! Ja , mein werter Herr , ich bin derselbige Bruder , mit welchem er damals jene Wallfahrt zum Hause meines Vaters nach Jessen anstellte . Ich war auch nachher beim Disputieren sein Hauptopponent , und ich machte es der armen Seele recht sauer . Denn ob wir gleich vertraute Freunde waren , so war uns doch die Wahrheit und Gelehrsamkeit mehr , als unsere Liebe . Ich wußte damals auch nicht , daß er sich in meine Schwester so vergafft habe . Ja , die ist nun auch schon längst gestorben , und auch ihr versoffener , unglückseliger Mann . Ich bin durch mancherlei Schicksale hieher verschlagen worden , und habe endlich in dieser Stadt ein kleines Ämtchen errungen . Ich war in meiner Jugend ein froher , leichtsinniger Bursche , ganz das Gegenteil von meinem stillen Freunde , dem Fülletreu . Diese freundliche Seele war das Muster eines christlichen Jünglings , so sanft , treu , fromm , unschuldig und harmlos , wie das Lamm , das der Mutter zum erstenmal zur Weide folgt . Ach , lieber Gott ! ich habe noch das Buch , den Andreas Gryphius , in meinem Besitz , in welches er damals seinen Namen hineingeschrieben hat , als er es meinem alten Vater zum Präsent brachte . So ein Buch , so ein Schriftzug dauert länger , als der Mensch . Aber die Nachkommen , die Fremden , die es dann in die Hand nehmen , wissen nichts von den Schicksalen der Besitzer , von ihren Gefühlen und ihrem Unglück , und können sich also auch nichts dabei denken . « Der Alte war so weich geworden und fühlte sich so ermüdet , daß er alsbald aufbrach , nachdem er noch einmal mit vieler Rührung von Leonhard Abschied genommen , und ihm viele Grüße an den alten Magister aufgetragen hatte . Als Leonhard und Lamprecht allein waren , fing dieser noch einmal an , vom Zweck ihrer religiösen Gesellschaft zu sprechen , und wie gut und nötig es sei , daß gute Menschen , wie Leonhard , sich ihr anschlössen . Leonhard erwiderte ihm , daß ihm jene öffentliche Gemeinschaft und protestantische Kirche genüge , und daß in ihr dasselbe obwalte , was er an seiner abgesonderten rühme . Auch müsse nach seiner Überzeugung die Religion und die sie begründende Theologie , die Spekulation und Auslegung der Schrift nur Geschäft und Beruf des Priesterstandes sein ; dieser sei also als dirigierend , belehrend dennoch notwendig , obgleich beim Gottesdienst selbst jeder andächtige Teilnehmer Priester sei und sein dürfe . Diese Absonderung aber , indem jeder Teilnehmer immerdar nach Eingebung und Begeisterung strebe , führe in der Regel zur Schwärmerei und zum Aberglauben , zugleich aber , was erst wiedersprechend erscheine , oft auch zur freigeisternden Ketzerei und unchristlichem Wandel . » Schwärmerei ! « rief Lamprecht aus , » ja , das ist euer beliebtes Wort , ihr Weltlichen , womit ihr alles Geistige und Übersinnliche niederschlagen wollt . Euch graut immerdar vor dem Geheimnis , und , wenn ihr könnt , tut ihr alles in den Bann als Ketzerei , was eurem törichten Schwanken und allen den ungöttlichen Negationen in den Weg tritt , damit ihr nur für andere Zweifel schwärmen könnt . Für diese , für das Nichts seid ihr fanatisch , und verdammt den Bruder , der euch die blinden Augen öffnen möchte . Ist dies nicht sophistische Gleißnerei ? « » Lieber Freund « , sagte Leonhard , » ich bin viel zu unwissend , um mit Ihnen über so hohe Gegenstände disputieren zu können . Lassen Sie mich in meiner Bahn fortwandeln , und ich will Sie auf der Ihrigen nicht stören . Sollte es nicht viele Wege zum Himmelreiche geben ? « » Es ist uns so verheißen « ,