mitbrachte , Kornähren und Grassamen und Beeren am Aste , hohe Dolden , schöngeformte Blätter , Käfer , Moose , Samendolden , bunte Steine , sie nannte es eine Musterkarte der Natur und bewahrte es immer mehrere Tage ; manchmal bracht ich ihr auserlesene Früchte und verbot ihr , sie zu essen , weil sie zu schön waren , sie brach gleich einen schöngestreiften Pfirsich auf und sagte : » Man muß allem Ding seinen Willen tun , der Pfirsich läßt mir nun doch keine Ruh , bis er verzehrt ist . « In allem , was sie tat , glaubt ich Dich zu erkennen , ihre Eigenheiten und Ansichten waren mir liebe Rätsel , in denen ich Dich erriet . Hätt ich die Mutter noch , so wüßt ich , wo ich zu Hause wär , ich würde ihren Umgang allem andern vorziehen , sie machte mich sicher im Denken und Handeln , manchmal verbot sie mir etwas , wenn ich aber doch als meinem Eigensinn gefolgt war , verteidigte sie mich gegen alle , und da holte sie aus in ihrem Enthusiasmus wie der Schmied , der das glühende Eisen auf dem Amboß hat , sie sagte : » Wer der Stimme in seiner Brust folgt , der wird seine Bestimmung nicht verfehlen , dem wächst ein Baum aus der Seele , aus dem jede Tugend und jede Kraft blüht , und der die schönsten Eigenschaften wie köstliche Äpfel trägt , und Religion , die ihm nicht im Weg ist , sondern seiner Natur angemessen , wer aber dieser Stimme nicht horcht , der ist blind und taub und muß sich von andern hinführen lassen , wo ihre Vorurteile sie selbst hin verbannen . Ei « , sagte sie , » ich wollte ja lieber vor der Welt zuschanden werden , als daß ich mich von Philisterhand über einen gefährlichen Steig leiten ließ , am End ist auch gar nichts gefährlich als nur die Furcht selber , die bringt einem um alles . « Grad im letzten Jahr war sie am lebendigsten und sprach über alles mit gleichem Anteil , aus den einfachsten Gesprächen entwickelten sich die feierlichsten und edelsten Wahrheiten , die einem für das ganze Leben ein Talisman sein konnten ; sie sagte : » Der Mensch muß sich den besten Platz erwählen , und den muß er behaupten sein Leben lang , und muß all seine Kräfte daran setzen , dann nur ist er edel und wahrhaft groß . Ich meine nicht einen äußern , sondern einen innern Ehrenplatz , auf den uns stets diese innere Stimme hinweist , könnten wir nur das Regiment führen in uns selbst , wie Napoleon das Regiment der Welt führt , da würde sich die Welt mit jeder Generation erneuern und über sich selbst hinausschwingen . So bleibt ' s immer beim Alten , weil ' s halt keiner in sich weiter treibt wie der vorige , und da langweilt man sich schon , wenn man auch eben erst angekommen ist , ja , man fühlt ' s gleich , wenn man ' s auch zum erstenmal hört , daß die Weisheit schon altes abgedroschnes Zeug ist . « - Ihre französische Einquartierung mußte ihr viel von Napoleon erzählen , da fühlte sie mit alle Schauer der Begeisterung ; sie sagte : » Der ist der Rechte , der in allen Herzen widerhallt mit Entzücken , Höheres gibt es nichts , als daß sich der Mensch im Menschen fühlbar mache « , und so steigere sich die Seligkeit durch Menschen und Geister wie durch eine elektrische Kette , um zuletzt als Funken in das himmlische Reich überzuspringen . - Die Poesie sei dazu , um das Edle , Einfache , Große aus den Krallen des Philistertums zu retten , alles sei Poesie in seiner Ursprünglichkeit , und der Dichter sei dazu , diese wieder hervorzurufen , weil alles nur als Poesie sich verewige ; ihre Art zu denken hat sich mir so tief eingeprägt , ich kann mir in ihrem Sinn auf alles Antwort geben , sie war so entschieden , daß die allgemeine Meinung durchaus keinen Einfluß auf sie hatte , es kam eben alles aus so tiefem Gefühl , sie sagte mir oft , ihre Vorliebe für mich sei bloß aus der verkehrten Meinung andrer Leute entstanden , da habe sie gleich geahnet , daß sie mich besser verstehen werde . - Nun , ich werde mich noch auf alles besinnen ; denn mein Gedächtnis wird mir doch nicht weniger treu sein wie mein Herz . Am Pfingstfest , in ihrem letzten Lebensjahr , da kam ich aus dem Rheingau , um sie zu besuchen , sie war freudig überrascht , wir fuhren ins Kirschenwäldchen ; es war so schön Wetter , die Blüten wirbelten leise um uns herab wie Schnee , ich erzählte ihr von einem ähnlichen schönen Feiertag , wie ich erst dreizehn Jahr alt gewesen , da hab ich nachmittags allein auf einer Rasenbank gesessen , und da habe sich ein Kätzchen auf meinen Schoß in die Sonne gelegt und sei eingeschlafen , und ich bin sitzen geblieben , um sie nicht zu stören , bis die Sonne unterging , da sprang die Katze fort . Die Mutter lachte und sagte : » Damals hast du vom Wolfgang noch nichts gewußt , da hast du mit der Katze vorlieb genommen . « Ja , hätte ich die Mutter noch ! Mit ihr brauchte man nicht Großes zu erleben , ein Sonnenstrahl , ein Schneegestöber , der Schall eines Posthorns weckte Gefühle , Erinnerung und Gedanken . - Ich muß mich schämen vor Dir , daß ich so verzagt bin . Bist Du mir nicht gut und nimmst mich auf wie eine gute Gabe ? - Und kann einer Gabe annehmen , der sich nicht hingibt der Gabe ? - Und ist das Gabe , die nicht ganz und immerdar sich gibt ? - Geht auch ein Schritt vorwärts , der nicht in ein neues