Schloßhof ein , der hinten durch eine im Halbkreis gezogene Kastanienallee gar schön geschlossen ist , indem dieselbe rechts und links auf beide Flügelenden zugeht . Die Mitte des Halbzirkels nimmt ein achteckig gefaßter See mit Springbrunnen ein , deren altfränkische Delphine nach vier Seiten hin ihr Wasser strahlen . Die Allee wird durch geradlinige Wege dreimal durchschnitten , um in die zunächst hinterliegenden Anlagen zu gelangen ; der mittlere Ausgang führt nach der Schnur auf ein ansehnliches Gartenhaus zu . Von der Herrschaft wurden im ganzen Schlosse bloß die beiden Etagen des einen Flügels bewohnt , die obern vom Präsidenten , unten befanden sich die Zimmer der Frau , wo nun auch die beiden Mädchen mit dem Fräulein einquartiert werden sollten . Das alles war , wenige Piecen ausgenommen , nach neuerem Geschmacke . An Bedienung , weiblicher sowohl als männlicher , fehlte es nicht . Nachdem die neuen Gäste einigermaßen eingerichtet waren , trank man den Kaffee in einem der vielen Bosketts im Garten und wandelte sodann , in zwei Partien abermals getrennt , die ganze Anlage durch . Ihr Umfang war , obgleich beträchtlich , doch kleiner als es von innen der Anschein gab , weil Bäume und Gebüsch die Mauer überall verbargen . Agnes und Nannette , ihre gefällige Freundin in der Mitte , empfanden sich in einem völlig neuen Elemente ; jedoch sein Fremdes ward ihnen durch Margots höchst umgängliches und ungeniertes Wesen mit jeder Viertelstunde mehr zu eigen . Überhaupt finden wir nun Zeit von der Tochter zu reden , und sie verdient , daß man sie näher kennenlerne . Das munterste Herz , verbunden mit einem scharfen Verstande , der unter dem unmittelbaren Einflusse des Vaters , verschiedene , sonst nur dem männlichen Geschlecht zukommende Fächer der Wissenschaft , man darf kecklich sagen , mit angeborener Leidenschaft und ohne den geringsten Zug von gelehrter Koketterie ergriffen hatte , schienen hinreichende Eigenschaften , um mit einem Äußern zu versöhnen , das wenigstens für ein gewöhnliches Auge nicht viel Einnehmendes , oder um es recht zu sagen , bei viel Einnehmendem , manches unangenehm Auffallende hatte . Die Figur war außerordentlich schön , obgleich nur mäßig hoch , der Kopf an sich von dem edelsten Umriß , und das ovale Gesicht hätte , ohne den aufgequollenen Mund und die Stumpfnase , nicht zärter geformt sein können ; dazu kam eine braune , wenngleich sehr frische Haut , und ein Paar große dunkle Augen . Es gab , freilich nur unter den Männern , immer einige , denen eine so eigene Zusammensetzung gefiel ; sie behaupteten , es werden die widersprechenden Teile dieses Gesichts durch den vollen Ausdruck von Seele in ein unzertrennliches Ganzes auf die reizendste Art verschmolzen . Man hatte deshalb den Bewunderern Margots den Spottnamen der afrikanischen Fremd- und Feinschmecker aufgetrieben , und wenn hieran gewisse allgemein verehrte Schönheiten der Stadt sich nicht wenig erbauten , so war es doch verdrießlich , daß eben die geistreichsten Jünglinge sich am liebsten um diese Afrikanerin versammelten . Die Späße der ballgerechten Stutzer waren indes , der Eifersucht zum Troste , unerschöpflich . So hatte ein Lieutenant , der sonst eben nicht im Geruche des witzigsten Kopfes stand , den köstlichen Einfall ausgeheckt : man bemerke an des Präsidenten Tochter , bei genauerer Betrachtung , ein feines Bärtchen um die Lippen , welches wohl daher komme , daß sie als Kind sich schon von den alten Knasterbärten , den Ciceros und Xenophons habe küssen lassen , und vergessen , sich den Mund rein zu wischen . Das Schönste war , daß Margot dergleichen Armseligkeiten , auch wenn sie darum wußte , im geringsten nicht bitter empfand ; sie erschien bei den öffentlichen Vergnügungen , wozu freilich mehr die Mutter als das eigene Bedürfnis sie trieb , immer mit gleich unbefangener Heiterkeit , sogar gehörte sie bei Spiel und Tanz zu den eigentlich Lustigen ; aber indem sie Wohlgesinnte und Zweideutige ganz auf einerlei Weise behandelte , zeigte sie , ohne es zu wollen , daß sie den einen wie den andern missen könne . Allein auch diese unschuldigste Indifferenz legte man entweder als Herzlosigkeit , oder Stolz aus . Agnes und selbst die leichter gesinnte junge Schwägerin huldigten dem guten Wesen von ganzem Herzen , ohne erst noch seine glänzendste Seite zu kennen . Die Mädchen saßen im Gespräch auf einer Bank und sahen jetzt einen jungen Menschen von etwa sechszehn Jahren , gewöhnlich aber rein gekleidet und einige Bäumchen im Scherben tragend , den breiten Weg herunterlaufen . Wie er an ihnen vorüberkam , nickte er nur schnell und trocken mit dem Kopfe vor sich hin , ohne sie anzusehn . Die zarte Bildung seines Gesichts , die ganze Haltung des Knaben machte Nannetten aufmerksam , und Margot sagte : » Es ist der blinde Sohn des Gärtners . Sie haben ihn mitleidig angesehn und es geht anfänglich jedermann so , man glaubt ihn leidend , doch ist er es nicht , er hält sich für den glücklichsten Menschen . Wir lieben ihn alle . Er hilft seinem Vater und verrichtet eine Menge Gartengeschäfte mit einer Leichtigkeit , daß es eine Lust ist , ihm zuzusehn , wenn ihm einmal die Sachen hingerüstet und bedeutet sind . Nichts kommt ihm falsch in die Hand , kein Blättchen knickt ihm unter den Fingern , eben als wenn die Gegenstände Augen hätten statt seiner und kämen ihm von selbst entgegen . Dies gibt nun einen so rührenden Begriff von der Neigung , dem stillen Einverständnis zwischen der äußern Natur und der Natur dieses sonderbaren Menschen . Da er nicht von Geburt , sondern etwa seit seinem fünften Jahre blind ist , so kann er sich Farben und Gestalten vorstellen , aber wunderlich klingt es , wenn man ihn die Farben gewisser Blumen mit großer Bestimmtheit , aber oft grundfalsch so oder so angeben hört ; er läßt sich seine Idee nicht nehmen , da er sie ein für allemal aus einem unerklärlichen Instinkt , hauptsächlich aus dem