Wurf der Gewänder , die hohe Anmut der Gestalt Marias , vorzüglich auch die lebensvolle Farbe , die den modernen Künstlern meistens nicht zu Gebote steht , höchlich bewundern . Worin sich aber am meisten und , wie es in der Natur der Sache liegt , auch am entschiedensten der wahre Genius des Künstlers offenbarte , war der unbeschreibliche Ausdruck der Gesichter . Maria war das schönste , anmutigste Weib , das man nur sehen konnte , und doch lag auf dieser hohen Stirne des Himmels gebietende Majestät , strahlte überirdische Seligkeit in mildem Glanz aus diesen dunklen Augen . Ebenso war die himmlische Verzückung des zum Leben erwachenden Jünglings mit einer seltenen Kraft des schöpferischen Geistes vom Künstler aufgefaßt und dargestellt . - Kreisler kannte in der Tat kein einziges Gemälde der neuern Zeit , das er diesem herrlichen Bilde hätte an die Seite stellen können ; er äußerte dies dem Abt , indem er sich über alle einzelne Schönheiten des Werks weitläuftig ausließ und dann hinzufügte , daß in der neuesten Zeit wohl kaum Gediegeneres hervorgebracht worden . » Das , « sprach der Abt lächelnd , » das hat seinen guten Grund , wie Ihr , Kapellmeister , sogleich erfahren sollt . - Es ist ein eignes Ding mit unsern jungen Künstlern , sie studieren und studieren , erfinden , zeichnen , machen gewaltige Kartons , und am Ende kommt Totes , Starres hervor , das nicht eindringen kann ins Leben , weil es selbst nicht lebt . Statt des alten großen Meisters , den sie sich zum Muster und Vorbild gewählt haben , Werke sorglich zu kopieren und so einzudringen in seinen eigentümlichsten Geist , wollen sie gleich die Meister selbst sein und Similia malen , verfallen aber darüber in eine Nachahmerei der Nebendinge , die sie ebenso kindisch und lächerlich erscheinen läßt als jenen , der , um einem großen Mann gleichzukommen , ebenso zu husten , zu schnarren , etwas gebückt zu gehen sich mühte wie dieser . - Es fehlt unsern jungen Malern an der wahren Begeisterung , die das Bild in aller Glorie des vollendetsten Lebens aus dem Innern hervorruft und ihnen vor Augen stellt . Man sieht , wie sich dieser , jener vergebens abquält , um endlich in jene erhöhte Stimmung des Gemüts zu geraten , ohne die kein Werk der Kunst geschaffen wird . Was dann aber die Ärmsten für wahre Begeisterung halten , wie sie den heitern , ruhigen Sinn der alten Maler erhob , ist nur das seltsam gemischte Gefühl von hochmütiger Bewunderung des selbst gefaßten Gedankens und von ängstlicher , quälender Sorge , nun bei der Ausführung es dem alten Vorbilde auch in der kleinsten Kleinigkeit nachzutun . - So wird denn oft die Gestalt , die , selbst lebendig , ins helle freundliche Leben treten sollte , zur widerlichen Fratze . Unsere jungen Maler bringen es nicht zur deutlichen Anschauung der im Innern aufgefaßten Gestalt , und mag es vielleicht nicht lediglich daher kommen , daß sie , gerät ihnen auch sonst alles so ziemlich gut , doch die Färbung verfehlen ? - Mit einem Wort , sie können höchstens zeichnen , aber durchaus nicht malen . Unwahr ist es nämlich , daß die Kenntnis der Farben und ihrer Behandlung verloren gegangen sein , daß es den jungen Malern an Fleiß fehlen sollte . Denn was das erste betrifft , so ist es unmöglich , da die Malerkunst seit der christlichen Zeit , in der sie sich erst als wahrhaftige Kunst gestaltete , nie geruht hat , sondern Meister und Schüler eine ununterbrochene , fortlaufende Reihe bilden und der Wechsel der Dinge , der freilich nach und nach die Abweichungen vom Wahrhaftigen herbeiführte , auf die Übertragung des Mechanischen keinen Einfluß haben konnte . Anlangend aber den Fleiß der Künstler , so möchte ihnen eher Übermaß als Mangel daran vorzuwerfen sein . Ich kenne einen jungen Künstler , der ein Gemälde , läßt es sich auch ziemlich gut an , so lange übermalt und übermalt , bis alles in einen stumpfen bleiernen Ton hinschwindet und so vielleicht erst dem innern Gedanken gleicht , dessen Gestalten nicht in das vollendete , lebendige Leben treten konnten . - Seht da , Kapellmeister , ein Bild , aus dem wahres herrliches Leben haucht , und das darum , weil es die wahre fromme Begeisterung schuf ! - Das Mirakel ist Euch deutlich . Der Jüngling , der sich dort vom Lager erhebt , wurde in gänzlicher Hilflosigkeit von Mördern überfallen und zum Tode getroffen . Laut rief er , der sonst ein gottloser Frevler gewesen , der die Gebote der Kirche in höllischem Wahn verachtet , die heilige Jungfrau um Hilfe an , und es gefiel der himmlischen Mutter Gottes , ihn aus dem Tode zu erwecken , damit er noch lebe , seine Irrtümer einsehe und sich in frommer Hingebung der Kirche weihe und ihrem Dienst . - Dieser Jüngling , dem die Gottgesandte so viel Gnade angedeihen ließ , ist zugleich der Maler des Bildes . « - Kreisler bezeugte darüber , was ihm der Abt sagte , seine nicht geringe Verwunderung und schloß damit , daß auf diese Weise das Mirakel ja in der neuesten Zeit sich zugetragen haben müsse . » Auch Ihr , « sprach der Abt mit sanftem mildem Ton , » auch Ihr , mein lieber Johannes , seid also der törichten Meinung , daß das Gnadentor des Himmels jetzt verschlossen sei , so daß das Mitleiden , die Barmherzigkeit in der Gestalt des Heiligen , den der bedrängte Mensch in der zermalmenden Angst des Verderbens brünstig anflehte , nicht mehr hindurchwandeln , selbst dem Bedürftigen erscheinen und ihm Frieden und Trost bringen könne ? - Glaubt mir , Johannes nie haben die Wunder aufgehört , aber des Menschen Auge ist erblödet in sündigem Frevel , es kann den überirdischen Glanz des Himmels nicht ertragen und vermag daher nicht die Gnade der ewigen Macht zu erkennen , wenn sie sich kundtut