zu viel Menschen , Geräthe , Gebräuche , zu wenig Genuß , zu wenig Möglichkeit , wahrhaft zu genießen . Sollte die Ansicht wahr seyn , die in Synthium so lebhaft vor meine Seele trat , daß nur Frieden und Liebe wahrhaft glücklich machen ? Sollte dies das Element seyn , in dem unser Wesen sich am leichtesten , am vollständigsten entwickelte ? O ich versichere dich , lieber Lucius , seit gestern gehen mir diese Zweifel nicht aus dem Kopfe , und das Bild eines stillen häuslichen Lebens an der Seite eines Mannes , wie - Ich weiß nicht , was mir fehlt ; eine Thräne tritt in meine Augen . Leb ' wohl für heute , Lucius ! Ich mag nicht weiter schreiben - ich war in meinem Leben nicht so wehmüthig gestimmt , und doch so still und ruhig . Am folgenden Tage . Wie ich überlese , was ich geschrieben habe , sehe ich eben , daß ich noch ganz am Anfange meiner Erzählung stehen geblieben bin ; aber gestern war ich durchaus zu nichts mehr aufgelegt . Theophania kam zurück , eben als ich die Schrift von Agathokles empfangen hatte , und lud mich ein , in das Bad zu gehen , das sie für mich hatte bereiten lassen . Alles im ganzen Hause , der Badesaal , die Sclavinnen , das Geräthe , das Wollenzeug2 trug das Gepräge der Einfachheit , aber der höchsten Reinlichkeit und Bequemlichkeit . Recht erquickt kehrte ich aus dem schönen Saale zurück , dessen höhe Fenster auf den Wald hinaus gehen , und vor welchen die rauschenden Zweige , vom Winde bewegt , Sonnenblicke und tanzende Schatten über das Marmorbecken und die spiegelreine Fluth hinstreuten . Jetzt führten mich die glücklichen Gatten in ihrem kleinen Eigenthum umher . Ich hatte öfters ganze Tage in Synthium zugebracht , aber bei Sulpiciens düsterer Lebensweise nichts als ein Paar Gemächer und einen Theil der Gärten gesehen . Alles , was zur anhaltenden Beschäftigung gehört , Alles , was das Hauswesen betraf , war ihr , seit dem die unglückliche Leidenschaft ihr Herz eingenommen hatte , fremd und lästig geworden . Ich fand Alles niedlich und in schönster Ordnung ; ein liebenswürdiger Geist , Agathokles Mutter , von der er stets mit höchster Verehrung spricht , hatte Alles angelegt , und sein stilles , klares , zweckmäßiges Walten kündigte sich überall an . In den warmen Stünden des Mittags ruhten wir in der lieblichen Kühlung eines Marmorsaals . Eine Oeffnung in der Kuppel ließ nur angenehmes Licht , aber keinen Sonnenstrahl hereindringen3 , ein Springbrunnen in der Ecke erfrischte unabläßig die Luft , und keine Ahnung der glühenden Hitze , die jetzt die Gefilde draußen versengte , drang in diesen stillen halbdämmerigen Zufluchtsort . Hier wurde das Mahl aufgetragen , einfache Speisen , meist Erzeugnisse der Villa selbst , Wer so einladend bereitet , und auf dem mit duftenden Kräutern und Blumen bestreuten Tische geordnet , daß ich nie ein lieblicheres Mahl genossen zu haben glaubte . Du kennst den guten eifrigen Quintus , er vergaß , in welchem Hause er war , und ergriff beim Anfange der Mahlzeit den Becher , um dem Jupiter eine Libation4 auszugießen . Ich winkte ihm , Agathokles bemerkte meinen Blick . Laß dich nicht stören , Quintus ! sagte er : thue , was du für Pflicht hältst , und glaube nicht , daß wir uns daran ärgern . Dein , größter , bester Jupiter5 ist auch eine der dichteren oder leichteren Hüllen , unter welchen das Gemüth des Menschen den Weltenschöpfer erkennt , und du ehrst diesen , wenn du jenem mit kindlichem Sinn opferst . Aber du wirst auch unser nicht spotten , wenn wir dem , der uns erhält und nährt , auf unsere Weise danken . Und nun stand er mit Theophanien auf , seine Sclaven lauter Christen , stellten sich in einiger Entfernung um ihn her , Alle machten das Zeichen des Kreuzes ihr Symbol über Stirn und Brust , alle beteten leise , mit gefalteten Händen in ehrfurchtsvollen Stellungen . Ich gestehe dir , ich war weit entfernt , das lächerlich zu finden . Es war mir ein zu schöner Anblick , wie hier Quintus dem Jupiter die Libation verrichtete , und dort Agathokles mit seinen Christen zu ihrem Gott , und sie Alle im Grunde zu dem Einen unbekannten Wesen beteten , dessen Daseyn Niemand beweisen kann , das glauben zu können gewiß eine Art von Glück seyn muß . Es war mir sogar schmerzlich , daß ich dies Glück nicht theilen konnte , und mein Herz da kalt bleiben mußte , wo , jene in süßen Empfindungen des Dankes schlugen . Es entspann sich nun sogleich zwischen Quintus und Agathokles ein lebhaftes Gespräch über ihre Religionen . Agathokles hieß die Sclaven hinausgehen , und fing an des Bruders Behauptungen mit Waffen zu widerlegen , denen dieser nicht gewachsen schien . Er schilderte , ohne sich einen spottenden Ausdruck zu erlauben , die Nichtigkeit unserer Gottheiten , wie sie jeder denkende Mensch fühlen muß , die schädliche Wirkung des Mangels an allgemein verehrlichen würdigen Gegenständen auf ein Volk , das größtentheils nicht durch langsame Fortschritte zu einer seinen Geisteskräften angemessenen Cultur gekommen , sondern über das die Wollüste , die Ueppigkeit und die Kenntnisse unterjochter weichlicher Nationen , als Beute der Sieger , wie ein Strom unvorbereitet hereingebrochen waren , auf ein Volk , bei dem sich schnell die alte rauhe Tugend mit den verfeinerten Wollüsten Asiens und Griechenlands vermischte , und das nun durch die eben so schnell erreichte Ueberreifheit des Geistes Alles , was einer bessern Vorwelt heilig war , muthwillig und lüstern in den Staub tritt . Er suchte uns endlich zu beweisen , daß nur die Einführung einer Religion , die statt der erloschenen Tugenden , statt Vaterlandsliebe , strenger Sitte u.s.w. , überirdische Beweggründe zum Handeln angibt , und die reinste Sittlichkeit fordert , dem allgemeinen Verderbniß und der Auflösung des Ungeheuern Staatskörpers wirksam