, sich bescheidend , nur ihre zarten Hände an seine Lippen drückte . Sie war ihm heilig , diese mädchenhafte Scheu , über Alles heilig und köstlich ! — Drittes Kapitel . Nirgend daheim . Bei der Staatsrätin war denselben Abend großer Professoren-Kranz . Das hatte Johannes ganz und gar vergessen . Als die Zeit des Mittagessens , Nachmittag und Abend verstrichen waren , ohne daß er erschien , geriet die Staatsrätin wirklich in Angst , abgesehen von der Verlegenheit , ihren Gästen gegenüber keine Entschuldigung für das Ausbleiben des Wirtes zu haben . — Sie schritt bekümmert in ihrem Garten hinter dem Hause auf und nieder und harrte der Eingeladenen , welche den Rest des schönen Abends im Freien zubringen sollten . Da kam Angelika in fliegender Eile gerannt . „ Mutter , Mutter — jetzt weiß ich , wo Johannes heute den ganzen Tag war , “ rief sie der Staatsrätin entgegen , indem sie den Hut von ihrem erhitzten Köpfchen riß und auf einen Gartenstuhl warf . „ Soeben kommt Moritz von Hochstetten zurück , wohin er heute Nachmittag berufen wurde — der erzählt schöne Geschichten — das ganze Dorf fand er in Aufruhr , — das Benehmen der Hartwich hat eine förmliche Revolution hervorgerufen — es kam zu einem Krawall und Johannes — unser Johannes erklärte sich öffentlich zu ihrem Ritter ! “ Die Staatsrätin schlug die Hände zusammen und starrte Angelika ungläubig an . „ Ist das wahr ? “ „ O , es ist noch mehr wahr , “ fuhr Angelika empört fort . „ Moritz hat Johannes gar nicht zu sehen bekommen , denn er war und blieb — sei ruhig , Mutter , ärgere Dich nicht zu sehr — bei der Hartwich auf dem Schlosse ! “ „ Großer Gott , “ rief die alte Frau und setzte sich auf eine Bank , „ so weit ist es schon ? “ Eine lange Pause entstand . Endlich faltete die bekümmerte Mutter die Hände im Schoß und sprach leise vor sich hin . „ Mein Sohn , mein Sohn , wohin bist Du geraten ? “ Angelika schwieg und wandte sich ab . Derselbe Abendstern , der auf Ernestinen und Johannes so freundlich geblickt , brach seine Strahlen in den Tränen , mit denen die Schwester zu ihm aufsah . „ Angelika , “ klagte die Staatsrätin , „ Du hättest mir das nicht so ohne Vorbereitung sagen sollen . Du kannst Dich noch immer nicht daran gewöhnen , daß ich alt werde und durch mannigfache Schicksalsschläge gebeugt nicht mehr die Spannkraft von früher besitze . Wie viel habe ich seit dem Bankrott Deines Onkels Neuenstein durchgemacht ! Von Unkenheim her kam uns alles Unheil : der unglückliche Gedanke des Onkels , Hartwichs Fabrik zu kaufen , der Verlust von drei Vierteln unseres Vermögens in dem Geschäft und die daraus entspringende Notwendigkeit , daß Johannes um des armseligen Broterwerbs willen den Ruf hierher annehmen und wir die Heimat verlassen mußten . Alles , alles das wäre nicht geschehen , wenn wir das unselige Unkenheim gemieden hätten — und diese Hartwich , sie kommt auch von dort ! — Du wirst sehen , auch sie bringt uns noch schweren Kummer . O mein Gott , soll man denn nie mehr frei aufatmen ? Warum muß dieses unheimliche Wesen unsern so teuer erkauften Seelenfrieden stören ? “ „ Mütterchen , “ bat Angelika und kniete bei der Staatsrätin nieder , „ Mütterchen , weine jetzt nicht , wo wir Gäste erwarten . Fasse Dich — es wird ja wohl nicht so weit mit ihnen gekommen sein , wie Du fürchtest . Bitte , sei wieder meine starke , umsichtige Mutter , die nie größer war als im Unglück ! Ich — vertraue auf Gott — und unsern Johannes — “ Sie vollendete nicht und sprang auf , denn bereits erschienen Fremde unter der Gartentür . Schnell hatte die an Selbstbeherrschung gewöhnte Frau ihre Haltung wiedergewonnen und sie empfing die Gäste mit ihrer gewohnten vornehmen Freundlichkeit . „ Wo ist Ihr Sohn ? “ „ Ihr Herr Sohn ist nicht zu Hause ? “ So wurde wohl zwanzigmal gefragt , und mit unerschöpflicher Geduld antwortete sie immer dasselbe : „ Er mußte einen unaufschiebbaren Ausflug machen , wird aber , hoffe ich , bald zurück sein . “ Jetzt kam auch der alte Heim und hörte die entsetzliche Geschichte , die ihm Angelika ins Ohr flüsterte , schmunzelnd an . „ Der Teufelskerl , der Johannes , “ sagte er mit gutmütigem Humor , „ also bei ihr — bei ihr auf dem Schlosse ist er ? Sieh , sieh einmal an , das geht ja rasch ! “ „ Onkel , “ rief Angelika , „ ist das Deine ganze Teilnahme in einem so bedenklichen Falle ? “ „ I sieh ’ mal , liebes Kind , ich finde eben die Geschichte nicht so bedenklich wie Ihr . Der Johannes ist denn doch ein Mann und weiß , was er will . Ihr tut ja , als wäre er ein grüner Junge , dem man die Amme noch nachschicken müßte . Wenn ihm das geniale Mädel gefällt , so hat er einen guten Geschmack . Macht , was Ihr wollt , da kriegt Ihr mich nicht zum Verbündeten und wenn Du mich noch so flehentlich mit Deinen Vergißmeinnicht-Äugelchen anschaust . “ Und der alte Herr setzte sich mit behaglichem Aplomb auf Angelikas Strohhütchen , das sie vergessen hatte vom Stuhle zu nehmen . „ Alle Hagel , was habt Ihr mir denn da für ein Sitzkissen unterbreitet , “ schrie er und brachte unter allgemeinem Jubel eine platt gedrückte Masse von Stroh und Veilchen zum Vorschein , der man es nicht mehr ansah , daß sie je ein Hut war . „ Ja so geht ’ s , wenn man das Zeug so herumliegen läßt . Hätt ’ ich ’ s doch nicht gedacht , daß ich in meinem Leben so versessen auf Strohhüte würde