zum altmexikanischen Versammlungshause und zum steinernen Wigwam nördlicher Gegenden . Es gab da gewaltige Felsen- und Adobeswerke nach Art der Pueblostämme . Die wurden , wie ich dann später sah , als Vorratshäuser benutzt , in denen seit undenklichen Zeiten große Mengen von Getreide und getrockneten Nahrungsmitteln aufbewahrt wurden , ohne verderben zu können . Da ragten Mauern , die aus noch größeren Riesensteinen bestanden , als ich z.B. in Baalbek und anderen berühmten orientalischen Orten gesehen hatte . Wir ritten an allen möglichen indianischen Zelten , Hütten , Häusern , Palästen , Balkonen , Veranden , Dächern , Tennen , Scheunen und Schuppen vorüber , die sich wie ein langgestrecktes , festes Mauerband um die Höhe des Berges legten und als steinerne Grüße aus uralter Zeit hinunter in die Tiefe schauten , wo in der Ober- und Unterstadt das kleine Volk der Gegenwart sich mit allen Kräften dagegen wehrte , endlich einmal größer werden zu sollen . Aber so aufrichtig ich die rote Rasse liebe und so gern ich nur Gutes , Edles und Großes von ihr berichten möchte , so muß ich doch der Wahrheit die Ehre geben , und darum offen bekennen , daß alle diese Bauwerke trotz ihrer teilweisen Riesenhaftigkeit mir doch so niedrig und so geistesabwesend vorkamen , daß sie mir weder imponieren , noch mich erfreuen konnten . Sie machten alle einen so - so - - indianischen Eindruck auf mich . Es war nichts an ihnen , was zum Himmel strebte . Wir sahen so wenig Fenster . Es gab kein Verlangen nach freier , gesunder Luft , nach Licht und Tageshelle . Und es gab unter allen diesen Gebäuden kein einziges , welches gleich einer Kirche oder einer Moschee empor zur Höhe strebte . Hiervon bildete der Wachtturm die einzige Ausnahme ; aber sein Zweck wies doch auch nur nach unten , nicht nach oben . Er war zur Beherrschung der Tiefe da , nicht aber als Fingerzeig für ein geistiges Aufwärtsstreben . Diese Beobachtung tat mir wehe . Und dem Herzle auch ; das sah ich ihr an . Sie empfindet viel zarter , viel feiner als ich . Ihre Seele steht dem Leide des Erden-und des Menschenlebens viel offener als die meine . Und hier lag das ungeheure Leid einer ganzen , großen , fast untergegangenen Rasse in untrüglichen , steinernen Beweisen vor unsern Augen ! Selbst der Wachtturm hatte nicht eigentlich Turmesgestalt , sondern er bildete ein niedriges , vierseitiges Prisma mit vollständig ebener Dachfläche . Die Indianer haben keine Türme , keine Minareh . Sie haben die Winke ihrer Riesenbäume nicht verstanden ; sie haben keine Dome gebaut . So sind sie auch geistig an der Erde geblieben . Sie sahen den Vogel fliegen . Der Adler stand ihnen hoch . Ihr stolzester Schmuck bestand aus seinen Federn . Aber es ihm nachzutun und sich über den Boden zu erheben , dieser Gedanke bewegte sie nicht . Fliegen lernen ! Fliegen lernen ! Wer das nicht will , bleibt unten , sei er Volk oder sei er Person . Die andern überholen ihn . Er aber kriecht aus der Erde weiter und wird in ihr so ganz und gar verschwinden , daß von ihm kaum ein Gedächtnis übrig bleibt . Das ist das Schicksal des Indianers , wenn er nicht im letzten Augenblick noch fliegen lernt . Dieser Eindruck des Felsenschlosses wurde dadurch gemildert , daß es wohlbevölkert war . Ueberall standen Leute , auf den Zinnen , auf den Dächern , an den Luken , vor den Türen , auf den Gassen ; Männer , Frauen und Kinder . Die Männer genau wie Winnetou gekleidet , mit dem Sterne auf der Brust , auch die Frauen außerordentlich sauber und intelligenten Auges , die Kinder ebenso . Nirgends die indolenten Papusengesichter , denen man anderwärts begegnet . Und auch nirgends auf den Gesichtern der Ausdruck der stummen Klage oder jenes nationalen Trübsinnes , der auf jede Freude und auf alles Glück verzichtet zu haben scheint . Ich sah nur intelligente Züge , nur heitere Mienen . Man freute sich . Man lachte . Tatellah-Satah wurde mit tiefen Verneigungen und respektvollen Handbewegungen begrüßt . Man widmete ihm die größte , die aufrichtigste Ehrfurcht , und - man liebte ihn . Mit größter Wißbegier waren die Augen auf mich und das Herzle gerichtet . Man wußte , wer es war , den der » Bewahrer der großen Medizin « in eigener Person abgeholt hatte . Man nannte meinen Namen ; man rief ihn mir jubelnd zu ; denn man wußte , daß nun die so lange hinausgeschobene Aktion beginnen werde . » Und das ist seine Squaw - - seine Squaw - - - seine Squaw ! « hörte ich sagen . Ich erwähne , daß das Wort » Squaw « nicht etwa einen unterschätzenden Beigeschmack besitzt . Es gibt Romanschriftsteller , welche die Indianerfrauen als rechtslos , als die Sklavinnen ihrer Männer schildern . Das ist grundfalsch . In Wahrheit hat es schon Indianerfrauen gegeben , welche Häuptlinge gewesen sind . Die Stellung der Frau wird besonders auch dadurch erhöht , daß die Erbfolge sich gewöhnlich in weibliche Linie vollzieht . Dem Verstorbenen folgt nicht sein eigener Sohn , sondern der Sohn seiner Schwester . Es war also keineswegs etwas Ungewöhnliches , daß man dem Herzle dieselbe Aufmerksamkeit schenkte wie mir . Wir ritten durch das breite , sehr tiefe Tor eines sich lang ausstreckenden Gebäudes , dessen Außenmauer durch schmale , schießschartenförmige , aber sehr hohe Oeffnungen unterbrochen wurde . Jede dieser Oeffnungen führte auf einen steinernen Balkon , von welchem aus man die ganze Vorebene des Mount Winnetou überblicken konnte . Durch dieses Tor gelangten wir in einen sehr geräumigen Hof , in welchem uns ein zweites , ähnliches Gebäude gegenüberstand . Auch dieses hatte ein Tor , welches in einen zweiten Hof , zu einem dritten Gebäude führte . So stieg eine ganze Folge von miteinander abwechselnden Höfen und Gebäuden in einer Felsspalte empor , die