! « Ich wartete ein Weilchen , ehe ich mich wieder in das Zimmer begab . Er hatte sich abermals aufgerichtet gehabt , denn er lag jetzt anders als vorher . Ich schob ihm das Kissen wieder unter , und er regte sich hierbei ebenso wenig wie bei dem vorigen Male . Er war wie tot , wenn auch nicht starr und steif . Da kehrte ich nach meinem Sitze in der Veranda zurück . Noch glänzte der Sternenhimmel in seiner südlichen Pracht über mir ; aber ich achtete heute weniger als sonst auf seine strahlenden Lichter . » Warum ? Ich dachte über Wallers Worte nach . Die erste biblische Verheißung - - - und dann das große Schlußwort des Erlösungswerkes ! Welche unendliche Fernen liegen oftmals zwischen Beiden , und wie nahe gehören sie doch eigentlich zusammen ! Das eine im verlornen Paradies , das andere auf Golgatha gesprochen ! Zwischen beiden der Leidensweg aus dem Erdenreiche empor zum Himmelreiche ! Wo ist dieses Himmelreich ? Etwa im Jenseits erst ? Hat Christus nicht durch seine Gleichnisse gelehrt , daß es bereits hier auf Erden sei ? Und wenn es so wäre , wo hätte man es da wohl zu suchen ? Auf welche Weise wäre es da zu erreichen und zu erlangen ? « Eben legte ich mir diese Fragen vor , da hörte ich , daß Waller sich wieder bewegte , und dieselbe Stimme , die schon zweimal erklungen war , ertönte wieder : » Wahrlich , ich sage Euch , es sei denn , daß Ihr umkehret und werdet wie die Kinder , so könnt Ihr das Reich Gottes nicht erlangen ! « Das war im höchsten Grade überraschend . Ein Anderer an meiner Stelle wäre vielleicht gar erschrocken . Eine so laute und sofortige Antwort auf meine nur im Stillen gedachte Frage ! Oder lag dieser dritte Bibelvers in der Fortsetzung der logischen Linie , welche die beiden ersten verband ? Wenigstens für Waller , in dessen Innern es arbeitete , während sein Körper nur an hervorragenden Stadien mit ergriffen und bewegt zu werden schien ? Ich ging zu ihm hinein . Er hatte sich auch dieses Mal wieder erhoben gehabt und lag nun so , daß sein Kopf weicher zu betten war . Als ich dies getan hatte ging ich wieder hinaus und versuchte , mir den Gedankengang des Kranken zu erklären . Die christliche Theologie pflegt das , was mich beschäftigen wollte , den » Heilsweg « zu nennen . Aber wer , wie ich , nicht Fachmann ist , der läßt solche Grübeleien am besten den sich dazu berufen Fühlenden über . Darum schob ich diese Gedanken bald wieder fort und beobachtete das Nahen des Morgens , der jetzt hell und immer heller zu werden begann und mich schließlich an die brennende Lampe erinnerte , welche drin auf dem Tische stand . Ich ging hinein , um sie zu löschen . Waller hatte die Augen zu , doch schien er mich gehört zu haben , denn er bat mich mit schwachklingender Stimme um Wasser . Ich gab es ihm , zwar nur löffelweise , aber er trank doch ein ganzes Glas voll aus . Dann öffnete er die Augen und sah mich an , lange Zeit . Ich stand still und ließ es geschehen . Der Blick seiner Augen wurde immer klarer , aber er erkannte mich trotzdem nicht . Da flüsterte er mir zu : » Sag , bin ich der Missionar Waller - - - oder bin ich noch der Knabe Waller ? Ich weiß es nicht genau . « Da ging es wie eine leuchtende Erkenntnis in mir auf , ganz plötzlich , wie die Sonne auf dem Meere aufzugehen pflegt , und ich antwortete , ohne mich weiter zu besinnen : » Der Missionar ist umgekehrt . Hier liegt nur noch das Kind , der Knabe Waller . « » Das Kind ! Der Knabe ! « lächelte er beglückt . » Ich danke dir , du lieber fremder Mann ! « Er wollte hierauf die Augen schließen , tat aber gerad das Gegenteil , indem er sie weit öffnete , denn soeben drang der erste Sonnenstrahl zur offenen Verandatür herein und überflutete das Krankenzimmer wie mit flüssig diamantenem Golde . Er schaute hinaus , hinaus ins Freie , faltete die hageren Hände und sprach , indem seine Stimme leiser und immer leiser wurde : » Ein Knabe - - - ein Kind - - - in solchem Lichte ! Ist dies das Leben - - - ? Ist es der Tod - - - ? Oder ist es beides - - - ? So , so will ich sterben und dann leben - - - als Kind - - - in diesem Lichte - - - im goldenen Morgenglanz - - - im ersten Sonnenstrahl - - - als Kind , als Kind ! « Hierauf schloß er die Augen , tat einen tiefen , tiefen Atemzug und schlief ein . Das Lächeln des Glückes aber wich nicht von ihm ; es spielte um seine Lippen weiter . Bald darauf stellte Tsi sich ein . Er winkte mir , auf der Veranda zu bleiben , und kam leisen Schrittes zu mir heraus . Ich berichtete ihm , was geschehen war . Er sagte zunächst nichts , sondern schaute still nach dort hinüber , wo die aufgegangene Sonne stand . » Wie richtig , wie richtig ! « erklang es endlich von seinem Munde , indem er wiederholt bestätigend vor sich hinnickte . » Was ? « fragte ich . » Daß Sie zu ihm gesagt haben , der Missionar sei umgekehrt . Ich glaubte , Ihnen heute früh eine Menge von Erklärungen geben zu müssen . Mit diesem einen Worte aber haben Sie mich all dieser Mühe enthoben . Wer so antworten kann , den brauche ich nicht erst noch zu unterrichten ! Ja , der Missionar ist allerdings umgekehrt , wie es scheint . Oder