so alt ist , wie ich selber bin . Er ist sogar einige Monate älter ! Ich sage dir , Effendi , es hat keinen geringen Kampf gekostet , mich bei ihm in Respekt zu setzen , denn er glaubte , daß die Pflicht des Gehorsams nach der Körperlänge zu bestimmen und zu bemessen sei . Er aß für drei oder vier Personen , und dadurch sammelte sich in seinem Körper jene heimtückische Kraft zum Wachstum an , welche ihn später so überaus schnell in die Höhe trieb . Es gab eine Zeit , in der ich , wenn ich genau aufpaßte , ihn wachsen sehen konnte . Ich aber blieb klein . Das kränkte mich . Ich wollte so gern in gleicher Länge mit ihm bleiben . Darum begann ich , ebenso viel zu essen wie er . Aber die Kraft wirkte bei mir nicht nach oben hinaus , sondern sie ging in die Breite und rundum im Kreise . Ich wurde kugelrund , anstatt mir seine schlanke Höhe anzueignen . Er war gezwungen , auf mich herabzuschauen , und das erweckte in ihm die Einbildung , daß er überhaupt und in jeder Beziehung über mir erhaben sei . Meine Fülle imponierte ihm nicht ; ja , er belächelte sie sogar . Wie mich das betrübte ! Ich mußte ja befürchten , daß er meiner mütterlichen Zuneigung gewiß noch ganz entwachsen werde . Diese fast täglich zunehmende Körperlänge entfremdete ihn mir mehr und mehr . Er wurde immer stolzer auf sie . Er sah gar nicht , wie sehr sie ihm schadete . Ein Pferdejunge hat bei seiner bestimmten Größe zu bleiben . Er aber schoß weit über die Achseln seiner Vorgesetzten empor . Das nahmen sie ihm übel . Seine Hosen waren stets zu kurz ; seine Aermel getrauten sich nicht über die Ellbogen hinaus . Das sah nicht schön , sondern häßlich aus , und darum wurde er mehr und mehr zurückgesetzt , obwohl er der geschickteste und gutherzigste von allen war . Das ärgerte ihn . Er wurde grob , besonders mit mir . Sein Magen blieb mir treu , aber sein Herz entfernte sich immer mehr von mir . So wären wir uns gewiß nach und nach immer fremder geworden , bis wir uns gar nicht mehr gekannt hätten , da aber trat ein Ereignis ein , durch welches die Verschiedenheit unserer Gestalten vollständig und für immer ausgeglichen wurde . Weißt du , daß der Islam den Wein verbietet , Effendi ? Der Kuran will es so . « » Nein ; der Kuran will es anders . « » Wieso ? Ich verstehe dich nicht . « » Die betreffende Stelle lautet : Alles , was betrunken macht , sei untersagt ! Also ist jeder betäubende Trank verboten , nicht aber der Wein besonders , falls man ihn so genießt , daß man nüchtern bleibt . « » Du magst recht haben . Aber ein kluger Muselmann hütet sich lieber gleich ganz vor ihm , weil der Betrunkene nicht eher von dieser seiner Betrunkenheit etwas weiß , als bis er wieder nüchtern ist . Dann macht ihm die Trübsal seines Jammers nicht nur dieses eine Wort , sondern den ganzen Kuran plötzlich heilig ! Aber der Schah-in-Schah hat zuweilen Gäste , welche nicht Muhammedaner sind . Er muß ihnen Wein geben , wenn sie bei ihm speisen . Darum giebt es einen Kabu111 , in welchem viele , viele Flaschen aufbewahrt werden , die bis zu den Hälsen herauf voll von den verschiedenen Betrunkenheiten sind . Der Weg von meiner Küche nach diesem Kabu war gar nicht weit , und es kam zuweilen vor , daß die Thür zu diesen Flaschen offen stand . Was glaubst du wohl , Effendi , was nun geschehen wird ? « » Tifl verläuft sich in den Keller ! « » Maschallah ! Woher weißt du das ? « » Ich vermute es . « » Er hat es dir nicht erzählt ? « » Nein . « » Das würde mich auch wundern , denn er spricht nie davon . Denn seine Scham über das , was er dort that , ist größer , als der ganze Keller ist ! Aber so schnell , wie du denkst , geht das nicht . Ich muß es dir genau der Reihe nach erzählen . Das Kind hatte am Mittag bei mir gegessen , ich weiß noch ganz genau , was für Speisen und wieviel . Soll ich es dir sagen ? « » Nein , ich danke dir . « » Ich hatte auch Dattelbrühe gemacht , über den dicken Reis zu gießen . Die war ihm zu dünn . Er zankte . Ich zankte wieder . Er wurde noch zorniger ; ich auch . Er saß am Boden , und weil er da nicht länger war als ich , so benützte ich das sehr eilig und geschickt und stülpte ihm den ganzen Topf mitsamt der Dattelbrühe über den Kopf . Sie lief ihm in die Augen , in die Ohren , in die Nase , in den Mund . Er begann zu schreien , zu husten , zu niesen . Der Topf paßte ihm nur ganz eng auf den Kopf . Er schob und schob , um ihn zu entfernen ; das ging sehr langsam . Sein Grimm wuchs , und ich bekam Angst . Ich glaubte , er werde sich dann mit dem Topfe an mir rächen . Ich floh also aus der Küche und versteckte mich . Erst nach langer , langer Zeit getraute ich mich zurück . Tifl war fort ; der Topf lag zerbrochen am Boden . Ich las die Scherben auf und gelobte mir , die Dattelbrühe künftig noch viel dünner zu machen , als sie heut gewesen war . Der Nachmittag verging . Die Zeit zum Abendessen kam , aber Tifl nicht . Da wurde ich traurig und nahm mir vor , die Brühe doch nicht dünner zu machen . Am nächsten