... Ich werde es nie wieder sehen ... « » Wenn es Gottes Wille ist , Knöbelseder , ja ! « unterbrach ihn beschwichtigend Elisa von Hutzler . Und sich zu Frau Raßler wendend , flüsternd : » Ach , es ist noch schlimmer mit ihm geworden , seit Sie zuletzt hier waren , edle Wohlthäterin . Er ist ganz erblindet und der Wohnungswechsel damals hat seinen Verfolgungswahn neu genährt . Und auch hier ist kein Bleibens . Es wurde uns fürs nächste Ziel gekündigt . Wie uns das bekümmert . Wir müssen fort und wissen nicht wohin . « » Ja , wir sind heimatlos auf heimischer Erde , « hob die zitterige Stimme hinter dem Ofen wieder an . » Wo man sich unter einem Dache glaubt , wird ' s abgerissen . Wir sind obdachlos . All ' die schönen , alten Häuschen ringsum an der Isar werden abgerissen - ist ' s wahr ? Zuletzt müssen wir armen Leute in den Steinbruch , wie der Maler Essenbach , wenn wir nicht vorher ins Grab sinken . Die Geldmenschen kennen kein Erbarmen . Warum verfolgt Gott die Armut so ? « » Lästere nicht , Gregor . Die Frau Kommerzienrat hat uns viel Gutes gethan , sie wird auch ferner ihre Hand nicht von uns abziehen . Wie dankbar müssen wir ihr sein ... « » Ich bin ja selbst bettelarm , und was ich Ihnen gegeben habe , war nicht von meinem Eigenen ; mir haben Sie nichts zu danken , außer der Vermittlung , denn nicht die Gabe war mein , nur die Hand , die sie dargereicht hat . « » Und das Herz ! Ihr großes , gutes , edles Herz ! « rief das alte , verrunzelte Fräulein mit einer Gewalt , der Empfindung , der ihre Stimme nicht gewachsen war , so daß sie überschlug und quicksend und weinerlich klang wie die eines Kindes . » Gott wird es tausendfach an Ihren Kindern lohnen , Frau Kommerzienrat ! « Und sie legte , ihre welke Hand segnend auf den Scheitel Eugens , der sein Köpfchen ängstlich senkte . » Wie ist der Junge gewachsen und schön geworden , seit wir ihn nicht mehr gesehen ... « » Ja , das Kind , das Kind , wie ist es schön geworden ... Wißt ihr ' s , ihr Auen und ihr Hecken ? O mein Schäflein ... Räuber , Mörder ... Mitmenschen ... « Frau Raßler kannte diese Jammerausbrüche des alten Mannes , aber nie waren sie ihr so zu Herzen gegangen wie heute . Eugen hing krampfhaft an ihrem Arm . Ja , sie mußte den Besuch abkürzen und gehen . Es war auch schon so spät . Nur noch die Frage nach der Barbara und ihren Pfleglingen - aber ob sie es über die Lippen bringen wird , eine mögliche Verkürzung der seither gewährten Unterstützung anzudeuten ? » Und Eugens Amme , die Barbara ? « » Das Mädchen von der Tochter des Barons in der untern Isarstraße hat sie aufs Land gegeben , nach Thalkirchen . Sie nimmt ein Geringeres an . Heut Abend ist sie fortgegangen , es abzuholen . Sie wollte der gnädigen Frau schon Mitteilung machen . Wenn wir umziehen müssen , o gnädige Frau , das vermehrt auch für die Kinder die Kosten ; wir haben wenig genug für uns übrig . « » Wie viele Pfleglinge hat jetzt die Barbara ? « » Drei mit dem , das sie heut Abend abholt ; sie wird Ihnen die Adresse der Wöchnerin schreiben . « » Nein , nicht schreiben , Fräulein Elisa ; es könnte doch einmal ein Brief in die Hände meines Mannes geraten , und wir stehen nicht so , daß ich ihm ohne Hader und Vorwürfe Aufklärungen geben könnte . Er hat jetzt noch weniger Verständnis für arme Kinder und Mütter als früher . Das muß alles heimlich bleiben , wie bisher , verstehen Sie ? Kein Mensch auf der Welt braucht , zu wissen , was ich für die Andern thue . « » Heimlichthun ist Unglück , « murmelte der Greis in der Ecke . » Ja , Frau Kommerzienrat , wie es in der Bibel heißt : die Rechte soll nicht wissen , was die Linke thut . Ach , wenn Sie nur noch zwanzig Mark zulegen wollten im Monat ... Die Not ist groß ... « brachte Elisa zaghaft heraus , aber man merkte doch , daß sie , zu fordern gewohnt war . Frau Raßler schüttelte traurig den Kopf : » Wüßten Sie , wie viele Verpflichtungen ich habe und wie schwer es mir oft wird , die Almosengelder zusammenzubringen ... « Nein , sie konnte heute nicht davon anfangen . » So sind die reichen Leute , « dachte Elisa v. Hutzler , denn sie hatte wirklich keine Ahnung , daß sie seit Jahren für sich , für Barbara und deren Pfleglinge nicht nur reiche Spenden , sondern schwere Überwindungen und Opfer von Frau Raßler geheischt und in unerschöpflicher Güte empfangen hatte . » Überlegen Sie sich ' s , gnädige Frau , nur zwanzig Mark ... « hob die Bittende wieder an . » Um der armen Kinder willen ... « » Wir wollen sehen . Gute Nacht . Einen Gruß an Barbara . « - - - - Gleichzeitig mit Hermann und Franz , die ohne Säumen heimgegangen waren , schritt ein modisch aufgeputzter , höchst eleganter und selbstbewußter Herr - in seinem Äußern eine Mischung von Künstler und Stutzer mit hochmütiger Bravour zur Schau tragend - die Treppe zu Raßlers Wohnung hinauf : der Neffe des Kommerzienrats , der berühmte Modephotograph . Er nickte den beiden Knaben nur flüchtig zu und im Vorzimmer angekommen , ging er sofort zur Thür , dem Diener von der Seite die Frage zuwerfend : » Der Herr Kommerzienrat ist allein zu Hause , wie ich unten hörte ? « » Zu dienen , aber ... « Der