. Der Marschallik hatte geflucht und gejammert , als ihm Sender an jenem Abend seinen Entschluß mitgeteilt , er hatte alles aufgeboten , um ihn umzustimmen , aber nun machte er ihm keine Vorwürfe . Noch mehr , er schlich sich still davon , wenn andere über Sender loszogen , und fuhr fort , die beiden Bewohner des Mauthauses , die nun wieder einsam wie auf einer Insel dahinlebten , freundschaftlich zu besuchen . Alle seine Schwänke kramte er aus , um sie zu erfreuen - sie hatten ja beide ein bißchen Lachen nötig . Aber da versagte seine Kunst , Frau Rosel hörte ihn kaum an , und auch Sender verzog sein Gesicht nur zuweilen aus Höflichkeit zu einem Lächeln . » Seid nicht hart gegen ihn « , mahnte einmal Türkischgelb die Mutter . » Ich sag ' ihm kein Wort « , erwiderte sie . Es war so , auch sie schwieg . » Sie wissen eben beide die Wahrheit « , dachte Sender , » dafür kann ich nichts . « Er irrte . Nur der Marschallik dachte grimmig : » Die Schamlose hat ihm vielleicht von ihrem Bernhard erzählt . « Die Mutter hatte einen anderen Verdacht : » Er hat ja was vor , was es ist , mag Gott wissen , aber ich fühl ' s , er will was Unerhörtes beginnen . Anfangs hat sie ihm zugestimmt , im letzten Augenblick nicht . Da hat er lieber sie gelassen , als seinen Vorsatz . « Ihr Herz krampfte sich in Zorn und Sorge zusammen . Dennoch hatte sie Mitleid mit ihm , sie sah ja , wie es um ihn stand . » Er ist ja verzweifelt « , dachte sie , » da jage ich ihn durch Vorwürfe gar aus dem Hause . « Und in der Tat , schlimm genug stand es in dieser ersten Zeit um ihn . Da hatte er nur eine Empfindung . » Wär ' ich doch tot , wie soll ich ohne sie leben ? « Zuweilen zürnte er ihr und klagte sie der Hinterlist an , - wie hatte doch Jütte gesagt : » Bei ihr kommt alles aus dem Verstand ! « - oder er empfand eifersüchtigen Groll gegen » diesen Doktor « , aber zumeist seufzte er nur : » Sie hat recht gehabt , aber was fang ' ich nun an ? « Unablässig schwebten ihm die blauen Augen vor , und den Klang ihrer Stimme verlor er vollends nie aus dem Ohr ; selbst durch die Schimpfreden Dovidls tönte er hindurch , ja sogar durch die Worte des Pater Marian , und denen horchte er doch gewiß mit voller Hingabe . Denn die Lehrstunden in der Bibliothek hatten wieder begonnen . Der edle Greis hatte ihn gütig aufgenommen und widmete sich ihm nun mit vermehrtem Eifer . Er wußte nicht , warum der junge Jude so bleich und verwandelt zu ihm zurückgekehrt , er fragte nicht danach ; ihm genügte es , daß er seiner Hilfe nun noch mehr zu bedürfen schien als vordem , um sie ihm verdoppelt zu widmen . » Es ist nur Egoismus « , wehrte er lächelnd ab , wenn ihm Sender dankte , » sonst habe ich ja nichts zu tun , nicht einmal meine Sünden habe ich mehr zu bereuen . « Der neue Prior war weder ein Gelehrter , noch ein freier Geist , aber ein verständiger , duldsamer Mann . Er hatte das Los des berühmten Ordensbruders , dessen Buch über die Sittenlehre des Urchristentums so viel Lärm machte , nach Kräften gelindert , so weit er es ohne Zustimmung der Oberen vermochte ; ihm eine Tätigkeit in der Schule oder Seelsorge einzuräumen , lag nicht in seiner Macht . » Egoismus ! das ist meine einzige Arbeit , und ohne zu arbeiten , kann man nicht leben . Die Arbeit allein hilft uns über alles hinweg . « Als Sender dies Wort zum ersten Male hörte , glaubte er nicht recht daran . Freilich , er wollte arbeiten , sein Ziel war ja das einzige , um dessentwillen er noch lebte , für seinen Schmerz jedoch schien es ihm kein Trost . Aber allmählich kam es doch so , je mehr Zeit verstrich , je größer die Freude an der Arbeit wurde . Sie hatten » Die Räuber « zu Ende gelesen und nahmen nun den » Fiesko « durch . Es ging jetzt rascher , weil die Einsicht des Schülers wuchs , sein Instinkt sich immer mehr schärfte . Oft genug mußte der Pater über die Raschheit staunen , mit der sich Sender in so wildfremde Dinge wie die genuesischen Verhältnisse des sechzehnten Jahrhunderts hineinfand - jedes erläuternde Wort , jedes Gleichnis wurde ihm zur sicheren Stütze - noch mehr über seine Treffsicherheit in der Beurteilung von Charakteren und Situationen . An komischen Mißverständnissen fehlte es nicht , aber im wesentlichen begriff er doch fast immer , wie sich der Dichter eine Gestalt gedacht und worauf es ihm ankam . » Brav ! « sagte der Greis immer wieder . » Ich glaube , aus dir wird was « , und steigerte seine Bemühungen immer mehr . Er ahnte nicht , welche Wohltat er dadurch seinem Schützling gerade in diesen Zeiten erwies . Nun war Sender nicht mehr ganz verzweifelt , mit leiser Wehmut konnte er der Verlorenen gedenken , und zuweilen ging es ihm tröstlich durchs Herz : » Wär ' ich nicht unglücklicher , wenn ich sie gewonnen und mein Ziel verloren hätte ? Die gute Jütte hat mich getröstet , daß Malke ohnehin nicht für mich getaugt hätte , nun - vielleicht doch ! Aber beherrscht hätte sie mich gewiß mein Leben lang , - wie , wenn ihr , die so vernünftig ist , die Schauspielerei als zu unsicheres Brot erschienen wäre , wenn sie es mir verboten hätte ? Ich hätte mich nicht gefügt , aber was dann ? « Da kam ein Tag