am dritten begann Römer einen ganz anderen Ton zu singen , indem er urplötzlich höchst kritisch und streng wurde , meine Arbeit erbarmungslos heruntermachte und mir bewies , daß ich nicht nur noch nichts könne , sondern auch lässig und unachtsam sei . Das kam mir höchst wunderlich vor ; ich nahm mich ein wenig zusammen , was aber nicht viel Dank einbrachte ; im Gegenteil wurde Römer immer strenger und ironischer in seinem Tadel , den er nicht in die rücksichtsvollsten Ausdrücke faßte . Da nahm ich mich ernstlicher zusammen , der Tadel wurde ebenfalls ernstlich und fast rührend , bis ich endlich mich ganz zerknirscht und demütig daranmachte , mir bei jedem Striche den Platz , wo er hinsollte , wohl besah , manchmal ihn zart und bedächtig hinsetzte , manchmal nach kurzem Erwägen plötzlich wie einen Würfel auf gut Glück hinwarf und endlich alles genauso zu machen suchte , wie Römer es verlangte . So erreichte ich endlich etwelches Fahrwasser , auf welchem ich ganz still dem Ziele einer leidlichen Arbeit zusteuerte . Der Fuchs merkte aber meine Absicht und erschwerte mir unversehens die Aufgaben , so daß die Not von neuem anging und die Kritik meines Meisters schöner blühte denn je . Wiederum steuerte ich endlich nach vieler Mühe einer angehenden Tadellosigkeit entgegen und wurde nochmals durch ein erschwertes Ziel zurückgeworfen , statt daß ich , wie ich gehofft , ein Weilchen auf den Lorbeeren einer erreichten Stufe ausruhen konnte . So erhielt mich Römer einige Monate in großer Unterwürfigkeit , wobei jedoch die mystischen Gespräche über die bitteren Erfahrungen und über dies und jenes fortdauerten , und wenn die Tagesarbeit geschlossen war oder auf unseren Spaziergängen blieb unser Verkehr der alte . Dadurch entstand eine seltsame Weise , indem Römer mitten in einer traulichen und tiefsinnigen Unterhaltung mich jählings andonnerte : » Was haben Sie da gemacht ! Was soll denn das sein ! O Herr Jesus ! Haben Sie Ruß in den Augen ? « so daß ich plötzlich still wurde und voll Ingrimm über ihn und mich selbst meine Arbeit mit verzweifelter Aufmerksamkeit wieder aufnahm . So lernte ich endlich die wahre Arbeit und Mühe kennen , ohne daß sie mir lästig wurde , da sie in sich selbst den Lohn der immer neuen Erholung und Verjüngung trägt , und ich sah mich in den Stand gesetzt , eine große Studie Römers , welche schon mehr ein Bild zu nennen war , vornehmen zu dürfen und so zu kopieren , daß mein Lehrer erklärte , es sei nun genug in dieser Richtung , ich würde ihm sonst seine ganzen Mappen nachzeichnen ; dieselben seien sein einziges Vermögen , und er wünsche bei aller Freundschaft doch nicht , eine förmliche Dublette in anderen Händen zu wissen . Durch diese Beschäftigung war ich wunderlicherweise im Süden weit mehr heimisch geworden als in meinem Vaterlande . Da die Sachen , nach welchen ich arbeitete , alle unter freiem Himmel und sehr trefflich gemacht waren , auch die Erzählungen und Bemerkungen Römers fortwährend meine Arbeit begleiteten , so verstand ich die südliche Sonne , jenen Himmel und das Meer beinahe , wie wenn ich sie gesehen hätte . Einen besondern Reiz gewährten mir die Trümmer griechischer Baukunst , welche sich da und dort fanden . Ich empfand wieder Poesie , wenn ich das sonnige Marmorgebälke eines dorischen Tempels vom blauen Himmel abheben mußte . Die horizontalen Linien an Architrav , Fries und Kranz sowie die Kannelierungen der Säulen mußten mit der zartesten Genauigkeit , mit wahrer Andacht , leis und doch sicher und elegant hingezogen werden ; die Schlagschatten auf diesem goldenen edlen Gestein waren rein blau , und wenn ich den Blick fortwährend auf dies Blau gerichtet hatte , so glaubte ich zuletzt wirklich einen leibhaften Tempel zu sehen . Jede Lücke im Gebälke , durch welche der Himmel schaute , jede Scharte an den Kannelierungen war mir heilig , und ich hielt genau ihre kleinsten Formen fest . Im Nachlasse meines Vaters fand sich ein Werk über Architektur , in welchem die Geschichte und Erklärung der alten Baustile nebst guten Abbildungen mit allem Detail enthalten waren . Dies zog ich nun hervor und studierte es begierig , um die Trümmer besser zu verstehen und ihren Wert ganz zu kennen . Auch erinnerte ich mich der Italienischen Reise von Goethe , welche ich gelesen ; Römer erzählte mir viel von den Menschen und Sitten und der Vergangenheit Italiens . Er las fast keine Bücher als die deutsche Übersetzung von Homer und einen italienischen Ariost . Den Homer forderte er mich auf zu lesen , und ich ließ mir dies nicht zweimal sagen . Im Anfange wollte es nicht recht gehen , ich fand wohl alles schön , aber das Einfache und Kolossale war mir noch zu ungewohnt , und ich vermochte nicht lange nacheinander auszuhalten . Aber Römer machte mich aufmerksam , wie Homer in jeder Bewegung und Stellung das einzig Nötige und Angemessene anwende , wie jedes Gefäß und jede Kleidung , die er beschreibe , zugleich das Geschmackvollste sei , was man sich denken könne , und wie endlich jede Situation und jeder moralische Konflikt bei ihm bei aller fast kindlichen Einfachheit von der gewähltesten Poesie getränkt sei . » Da verlangt man heutzutage immer nach dem Ausgesuchten , Interessanten und Pikanten und weiß in seiner Stumpfheit gar nicht , daß es gar nichts Ausgesuchteres , Pikanteres und ewig Neues geben kann s so einen homerischen Einfall in seiner einfachen Klassizität ! Ich wünsche Ihnen nicht , lieber Lee , daß Sie jemals die ausgesuchte pikante Wahrheit in der Lage des Odysseus , wo er nackt und mit Schlamm bedeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint , so recht aus Erfahrung empfinden lernen ! Wollen Sie wissen , wie dies zugeht ? Halten wir das Beispiel einmal fest ! Wenn Sie einst getrennt von ihrer Heimat und allem , was ihnen lieb ist , in der Fremde umherschweifen , und Sie haben viel gesehen