wollen und zu können . Aber plötzlich tönten von dem Kamm der Hügel her eigentümliche , feierlich gezogene Töne des gotischen Heerhorns : und augenblicklich legte sich das Gesumme der brausenden Stimmen . Aufmerksam wandten sich aller Augen nach der Richtung der Hügel , von denen ein geschlossener Zug ehrwürdiger Greise nahte . Es war ein halbes Hundert von Männern in weißen , wallenden Mänteln , die Häupter eichenbekränzt , weiße Stäbe und altertümlich geformte Steinbeile führend : die Sajonen und Fronwärter des Gerichts , welche die feierlichen Formen der Eröffnung , Hegung und Aufhebung des Dings zu vollziehen hatten . Angelangt in der Ebene begrüßten sie mit dreifachem , langgezogenem Hornruf die Versammlung der freien Heermänner , die , nach feierlicher Stille , mit klirrenden Waffen lärmend antworteten . Alsbald begannen die Bannboten ihr Werk . Sie teilten sich nach rechts und links und umzogen mit Schnüren von roter Wolle , die alle zwanzig Schritt um einen Haselstab , den sie in die Erde stießen , geschlungen wurden , die ganze weite Ebene , und begleiteten diese Handlung mit uralten Liedern und Sprüchen . Genau gegen Aufgang und Mittag wurden die Wollschnüre auf mannshohe Lanzenschäfte gespannt , so daß sie die zwei Tore der nun völlig umfriedeten Dingstätte bildeten , an denen die Fronboten mit gezückten Beilen Wache hielten , alle Unfreien , alle Volksfremden und alle Weiber fernzuhalten . Als diese Arbeit vollendet war , traten die beiden Ältesten unter die Speertore und riefen mit lauter Stimme : » Gehegt ist der Hag Altgotischer Art : Nun beginnen mit Gott Mag gerechtes Gericht . « Auf die hiernach eingetretne Stille folgte unter der versammelten Menge ein anfangs leises , dann lauter tönendes und endlich fast betäubendes Getöse von fragenden , streitenden , zweifelnden Stimmen . Es war nämlich schon bei dem Zug der Sajonen aufgefallen , daß er nicht , wie gewöhnlich , von dem Grafen geführt war , der im Namen und Bann des Königs das Gericht abzuhalten und zu leiten pflegte . Doch hatte man erwartet , daß dieser Vertreter des Königs wohl während der Umschnürung des Platzes erscheinen werde . Als nun aber diese Arbeit geschehen , und der Spruch der Alten , der zum Beginn des Gerichts aufforderte , ergangen und doch immer noch kein Graf , kein Beamter erschienen war , der allein die Eröffnungsworte sprechen konnte , ward die Merksamkeit aller auf jene schwer auszufüllende Lücke gelenkt . Während man nun überall nach dem Grafen , dem Vertreter des Königs , fragte und suchte , erinnerte man sich , daß dieser ja verheißen hatte , in Person vor seinem Volk zu erscheinen , sich und seine Königin gegen die erhobnen schweren Anklagen zu verteidigen . Aber da man jetzt bei des Königs Freunden und Anhängern sich nach ihm erkundigen wollte , ergab sich die verdächtige Tatsache , die man bisher , im Gedräng der allgemeinen Begrüßungen , gar nicht wahrgenommen , daß nämlich auch nicht Einer der zahlreichen Verwandten , Freunde , Diener des Königshauses , die zur Unterstützung der Beschuldigten zu erscheinen Recht , Pflicht und Interesse hatten , in der Versammlung zugegen war , wiewohl man sie vor wenigen Tagen zahlreich in den Straßen und in der Umgegend Roms gesehen hatte . Das erregte Befremden und Argwohn : und lange schien es , als ob an dem Lärm über diese Seltsamkeit und an dem Fehlen des Königsgrafen der rechtmäßige Anfang der ganzen Verhandlung scheitern solle . Verschiedene Redner hatten bereits vergeblich versucht , sich Gehör zu verschaffen . - Da erscholl plötzlich aus der Mitte der Versammlung ein alles übertönender Klang , dem Kampfruf eines furchtbaren Ungetümes vergleichbar . Aller Augen folgten dem Schall : und sahen im Mittelgrund des Platzes , an den Rücken einer hohen Steineiche gelehnt , eine hohe ragende Gestalt , die in den hohlen , vor den Mund gehaltnen Erzschild mit lauter Stimme den gotischen Schlachtruf ertönen ließ . Als sie den Schild senkte , erkannte man das mächtige Antlitz des alten Hildebrand , dessen Augen Feuer zu sprühen schienen . Begeisterter Jubel begrüßte den greisen Waffenmeister des großen Königs , den , wie seinen Herrn , Lied und Sage schon bei lebendem Leib zu einer mythischen Gestalt unter den Goten gemacht hatten . Als sich der Zuruf gelegt , hob der Alte an : » Gute Goten , meine wackern Männer . Es ficht euch an und will euch befremden , daß ihr keinen Grafen seht und Vertreter des Mannes , der eure Krone trägt . Laßt ' s euch nicht Bedenken machen ! Wenn der König meint , damit das Gericht zu stören , so soll er irren . Ich denke noch die alten Zeiten und sage euch : das Volk kann Recht finden ohne König , und Gericht halten ohne Königsgrafen . Ihr seid alle herangewachsen in neuer Übung und Sitte , aber da steht Haduswinth , der Alte , kaum ein paar Winter jünger denn ich : der wird ' s mir bezeugen : beim Volk allein ist alle Gewalt : das Gotenvolk ist frei ! « » Ja , wir sind frei ! « rief ein tausendstimmiger Chor . » Wir wählen uns unsern Dinggrafen selbst , schickt der König den seinen nicht , « rief der graue Haduswinth , » Recht und Gericht war , eh ' König war und Graf . Und wer kennt besser alten Brauch des Rechts als Hildebrand , Hildungs Sohn ? Hildebrand soll unser Dinggraf sein . « » Ja ! « hallte es ringsum wider , » Hildebrand soll unser Dinggraf sein . « » Ich bin ' s durch eure Wahl : und achte mich so gut bestellt , als hätte mir König Theodahad Brief und Pergament darüber ausgestellt . Auch haben meine Ahnen Gericht gehalten den Goten seit Jahrhunderten . Kommt , Sajonen , helft mir öffnen das Gericht . « Da eilten zwölf von den Frondienern herzu . Vor der Eiche lagen noch die Trümmer eines uralten Fanums des Waldgottes