nicht untersuchen mag , was man fühlt und denkt . Zwölftes Capitel In der Lage , eine ernste Selbstprüfung zu scheuen , befand die Baronin von Arten sich seit langer Zeit . Sie war nicht wieder Herr über sich selbst geworden , seit sie es sich und der Herzogin eingestanden , daß sie Herbert liebe , und seit dieser vollends durch ihre Schuld das Schloß verlassen hatte , konnte sie nicht mehr zur Ruhe kommen . Getheilt zwischen ihrem Pflichtgefühl und zwischen der Leidenschaft einer ersten Liebe , die um so stärker in ihr brannte , als sie nicht in dem blöden Herzen eines Mädchens , sondern in der vollbewußten Seele einer reifen Frau entstanden war , eben so bange vor der Hoffnung , geliebt zu werden , als vor der Besorgniß , ihre Liebe nicht erwiedert zu finden , suchte sie Anfangs Trost in dem Rathe des bewährten Freundes , des Caplans ; aber ihr eigener aufgeregter Sinn und der Einfluß der Herzogin hatten auch Angelika ' s Verhältniß zu ihrem Beichtiger angetastet und getrübt . Wenn der Caplan ihr bewies , daß die Entfernung Herbert ' s nothwendig gewesen sei , sofern sie nicht habe eidbrüchig werden wollen , so konnte er bemerken , wie sich statt der Reue über ihre Liebe eine Empörung gegen ihre Ehe in ihr erhob und wie sie sich jetzt mit einer gewissen Befriedigung der Vergangenheit und der Abenteuer ihres Gatten erinnerte , um in ihnen eine Beschönigung für ihr eigenes schwankendes Herz zu finden . Alles , was der Geistliche ihr zu bedenken gab , wurde mit der Herzogin durchgesprochen , und da die Frauen trotz der großen Verschwiegenheit , deren sie fähig sind , in ihrem Vertrauen keine Grenze kennen , wenn sie den ersten Verrath an ihrem eigenen Geheimniß begangen , so erfuhr die Herzogin nicht nur Alles , was Angelika wollte und wünschte , hoffte und fürchtete , sondern auch Alles , was zwischen ihr und ihrem Beichtiger geschehen war und geschah . Selbst das stille , heilige Geheimniß seines Herzens , welches er der Baronin einst als Zeichen seines Glaubens an sie enthüllt , wurde der Herzogin Preis gegeben und von ihr gegen den Caplan benutzt . Sie tadelte ihn nicht , im Gegentheil , sie lobte , sie bewunderte seine Entsagung , aber sie beklagte es , daß sein Leben nicht reicher , seine Erfahrung nicht ausgebreiteter gewesen , daß er immer in den engen Kreis der freiherrlichen Familie gebannt geblieben sei . Sie nannte es ein Unglück , daß er auf diese Weise nicht habe begreifen lernen , wie es nicht Jedem gegeben sei , seinen Frieden auf die gleiche Weise zu finden , auf die gleiche Weise zum Abschlusse zu kommen , und sie erinnerte daran , daß es leichter sei , sich von einer sterbenden Heiligen loszureißen , deren achtender Liebe man sich sicher fühle , als von einem Manne , dem man in der Absicht , sich selbst zu erretten , eine Beleidigung zugefügt habe . Für einen irregeleiteten Sinn giebt es aber nichts Gefährlicheres , als einen falschen Freund , der ausspricht , was man sich nicht einzugestehen wagt , der vorschlägt , was man heimlich ersehnt , und der dadurch in demselben Grade an Herrschaft über den verblendeten Menschen gewinnt , wie dieser sie über sich verliert . Der Einfluß der Herzogin gründete sich auf Angelika ' s Liebe , an deren Entstehung jene weit mehr Antheil hatte , als die Baronin es für möglich erachtet haben würde . Diese Liebe und das aus ihr entspringende Schuldbewußtsein mußten also erhalten , mußten gesteigert werden , wollte die Herzogin ihre Herrschaft bewahren . Sie wurde überflüssig , wenn Angelika zum Frieden mit sich selbst gelangte ; ihre Macht in der freiherrlichen Familie wurde größer , wenn es ihr gelang , Angelika und Herbert einander näher zu bringen und dem Freiherrn auch nur den leisesten Zweifel an der unverbrüchlichen Tugend seiner Gattin einzuflößen . Die Herzogin hatte es daher seiner Zeit kaum bemerkt , daß Angelika die Härte bedauerte , mit welcher sie Herbert von sich aus und aus ihrer Gesellschaft entfernt , und daß sie ihn wiederzusehen , ihm die Kränkung zu vergüten wünschte , die sie ihm zugefügt , so war sie auch schnell bereit , den Fehler ungeschehen zu machen , den sie mit ihrem ersten Rathschlusse begangen zu haben fühlte . Sie gestand der Baronin , daß sie sich über die Stärke ihrer Leidenschaft getäuscht , daß sie gehofft habe , eine kurze Entfernung werde genügen , das Bild des jungen Mannes in der Phantasie der Baronin erbleichen zu lassen , und wie sie derselben jetzt keinen anderen Weg zu rathen wisse , als sich nun durch ein völliges und rückhaltloses Aussprechen mit Herbert , wozu ihr bei der nächsten Anwesenheit des jungen Mannes die Gelegenheit nicht fehlen könne , die nothwendige Befreiung ihres Herzens zu bereiten . Diese Vorstellung schmeichelte dem verschwiegenen Wunsche der liebenden Frau , und die Aussicht , Herbert wiederzusehen , nahm ihre ganze Seele gefangen . Indeß Angelika war es noch nicht gewohnt , sich in Zwiespalt mit sich und ihrem Gewissen zu finden , und wenn sie es sich eben mit aller Kraft ihres Herzens ausgemalt hatte , was sie alles Herbert sagen , was sie dabei empfinden , was er ihr antworten werde , so warf ein Blick auf ihren Sohn sie in die lebhafteste Reue zurück und sie fühlte sich unfähig , ihrem Gatten zu begegnen oder ihre Stirne vor dem sanften sorgenvollen Auge ihres geistlichen Berathers zu erheben . Ihre Liebe steigerte sich an ihrem innern Kampfe , und Herbert zögerte , zu kommen . In jeder Woche , an jedem Tage durfte man auf seine Ankunft rechnen , denn die Zeit der Arbeitseinstellung nahte für dieses Jahr heran , und auch der Amtmann hatte Gründe , dieselbe lebhaft zu ersehnen . Endlich , gegen das Ende des October , traf Herbert an einem Morgen im Amthause ein , und