denken könnten . Der geistliche Unterricht ging nun zu Ende ; wir mußten auf unsere Ausstattung denken , um würdig bei der Festlichkeit zu erscheinen . Es war unabänderliche Sitte , daß die jungen Leute auf diese Tage den ersten Frack machen ließen , den Hemdekragen in die Höhe richteten und eine steife Halsbinde darum banden , auch die erste Hutröhre auf den Kopf setzten ; zudem schnitt jeder , wer jugendlich lange Haare getragen , dieselben nun kurz und klein , gleich den englischen Rundköpfen . Dies waren mir alles unsägliche Greuel , und ich schwur , dieselben nun und nimmermehr nachzumachen . Die grünen Kleider meines Vaters waren endlich zu Ende , und zum ersten Male mußte neues Tuch gekauft werden . Die grüne Farbe war mir einmal eigen geworden , und ich wünschte nicht einmal meinen Übernamen abzuschaffen , der mir noch immer gegeben wurde , wenn man von mir sprach . Leicht wußte ich meine Mutter zu überreden , grünes Tuch zu wählen und statt eines Frackes einen hübschen kurzen Rock mit einigen Schnüren machen zu lassen , dazu statt des gefürchteten Hutes ein schwarzes Sammetbarett , da Hut und Frack doch selten getragen und wegen meines Wachstums sowie wegen der Mode also eine unnütze Ausgabe sein würden . Es leuchtete ihr klar ein , um so mehr , da die armen Lehrlinge und Tagelöhnersöhne auch keinen schwarzen Habit zu tragen pflegten , sondern in ihren gewöhnlichen Sonntagskleidern erschienen , und ich erklärte , es sei mir vollkommen gleichgültig , ob man mich zu den ehrbaren Bürgerssöhnen zähle oder nicht . So breit ich konnte , schlug ich den Hemdekragen zurück , strich mein langes Haar kühn hinter die Ohren und erschien so , das Barett in der Hand , am Heiligen Abend in der Stube des Geistlichen , wo noch eine herzliche und vertrauliche Vorbereitung stattfinden sollte . Als ich mich unter die feierliche , steif geputzte Jugend stellte , wurde ich mit einiger Verwunderung betrachtet , denn ich stand allerdings in meinem Aufzuge als ein vollendeter Protestant da ; weil ich aber ohne Trotz und Unbescheidenheit mich eher zu verbergen suchte , so verlor ich mich wieder und wurde nicht weiter beachtet . Die Ansprache des Geistlichen gefiel mir sehr wohl ; ihr Hauptinhalt war , daß von nun an ein neues Leben für uns beginne , daß alle bisherigen Vergehungen vergeben und vergessen sein sollten , hingegen die künftigen mit einem strengern Maße gemessen würden . Ich fühlte wohl , daß ein solcher Übergang notwendig und die Zeit dazu gekommen sei ; darum schloß ich mich mit meinen ernsten Vorsätzen , welche ich insbesondere faßte , gern und aufrichtig diesem öffentlichen Vorgange an und war auch dem Manne gut , als er angelegentlich uns ermahnte , nie das Vertrauen zum Bessern in uns selbst zu verlieren . Aus seiner Behausung zogen wir in die Kirche vor die ganze Gemeinde , wo die eigentliche Feier vor sich ging . Dort war der Geistliche plötzlich ein ganz anderer ; er trat gewaltig und hoch auf , holte seine Beredsamkeit aus der Rüstkammer der bestehenden Kirche und führte in tönenden Worten Himmel und Hölle an uns vorüber . Seine Rede war kunstvoll gebaut und mit steigender Spannung auf einen Moment hin gerichtet , welcher die ganze Gemeinde erschüttern sollte , als wir , die in einem weiten Kreise um ihn herumstanden , ein lautes und feierliches Ja aussprechen mußten . Ich hörte nicht auf den Sinn seiner Worte und flüsterte ein Ja mit , ohne die Frage deutlich verstanden zu haben ; jedoch durchfuhr mich ein Schauer , und ich zitterte einen Augenblick lang , ohne daß ich dieser Bewegung Herr werden konnte . Sie war eine dunkle Mischung von unwillkürlicher Hingabe an die allgemeine Rührung und von einem tiefen Schrecken , welcher mich über dem Gedanken ergriff , daß ich , so jung noch und unerfahren , doch einer so uralten Meinung und einer gewaltigen Gemeinschaft , von der ich ein unbedeutendes Teilchen war , abgefallen gegenüberstand . Am Weihnachtsmorgen mußten wir wieder im vereinten Zuge zur Kirche gehen , um nun das Nachtmahl zu nehmen . Ich war schon in der Frühe guter Laune , noch ein paar Stunden , und ich sollte frei sein von allem geistigen Zwange , frei wie der Vogel in der Luft ! Ich fühlte mich daher mild und versöhnlich gesinnt und ging zur Kirche , wie man zum letzten Mal in eine Gesellschaft geht , mit welcher man nichts gemein hat , daher der Abschied aufgeweckt und höflich ist . In der Kirche angekommen , durften wir uns unter die älteren Leute mischen und jeder seinen Platz nehmen , wo ihm beliebte . Ich nahm zum ersten und letzten Male in dem Männerstuhle Platz , welcher zu unserm Hause gehörte und dessen Nummer mir die Mutter in ihrem häuslichen Sinne sorglich eingeprägt hatte . Er war seit dem Tode des Vaters , also viele Jahre , leer geblieben , oder vielmehr hatte sich ein armes Männchen , das sich keines Grundbesitzes erfreute , darin angesiedelt . Als er herankam und mich an dem Orte vorfand , ersuchte er mich mit kirchlicher Freundlichkeit , » seinen Ort « räumen zu wollen , und fügte belehrend hinzu , in diesem Reviere seien alles eigentümliche Orte . Ich hätte als ein grüner Junge füglich dem bejahrten Männchen Platz machen und mir eine andere Stelle suchen können ; allein dieser Geist des Eigentums und des Wegdrängens mitten im Herzen christlicher Kirche reizte meine kritische Laune ; zweitens wollte ich den frommen Kirchgänger für seine gemütliche Anmaßung bestrafen , und drittens tat ich dieses nur in dem Bewußtsein , daß der Abgewiesene alsobald wieder und für immer seinen gewohnten Platz einnehmen könne , und dieser Gedanke machte mir das größte Vergnügen . Als ich ihn meinerseits auch belehrt und ihn ganz verblüfft und traurig eine entfernte Stelle unter den unstet herumwandernden Besitzlosen aufsuchen sah , nahm ich mir vor , ihm am andern