« » Bin nicht kauflustig , « sagte Joggeli , » was sollte ich damit machen ? « Mit Uli stund es bedenklich , er war tagelang verirret , wie man zu sagen pflegt und was auf dem Lande gewöhnlich als ein sicheres Zeichen eines hoffnungslosen Zustandes angesehen wird . Er lag bewußtlos in Fiebern und sprach gar seltsame Sachen , daß denen , welche es hörten , ganz bange war , denn besonders viel hatte er mit dem Teufel zu tun und den Züchtigungen , welche er ihm antat . Wenn nun Vreneli den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war , sich fast allgegenwärtig gemacht hatte , daß oft ein Knechtlein oder eine Magd sagte : » Die Donners Frau , ist die schon wieder da ! Wenn die nicht schon eine Hexe ist , so wird sie eine , zählt darauf ! « , so saß es des Nachts an Ulis Bett und wachte . Das sind schwere , bedeutsame Stunden , welche ein Weib am Bette ihres Gatten , der zwischen Leben und Tod in der Schwebe liegt , durchwacht . Das Geräusch des Tages ist verstummt , das Ab , und Zugehen hat aufgehört , das Schaffen und Befehlen hat ein Ende ; das wachende Weib ist ungestört und alleine beim kranken Manne , über ihnen ist Gott , wohl ihnen , wenn er auch zwischen ihnen ist . Ist der Mann seiner Lage sich bewußt , so werden es Stunden der Heiligung , sie gleichen den Stunden in den Tagen der ersten Liebe ; was das Herz bewegt , geht über die Zunge , man freut sich in weicher Rührung der schönen vergangenen Tage , dankt sich für Liebe und Treue , Geduld und Sanftmut , bespricht die gegenwärtige Lage , und wenn das Weib jammert um die Zukunft , das Schicksal der Witwen und Waisen , die Not einer Mutter mit Kindern ohne Vater , so tröstet der Mann , gibt weise Räte und stärkt des Weibes Gemüte , indem er sie dem Allmächtigen empfiehlt , dem Vater der Witwen und Waisen . Wenn sie betet um sein Leben und daß dieser Kelch an ihr vorübergehen möchte , so sagt er Amen dazu , » doch nicht unser , sondern dein Wille geschehe . « Das sind heilige Nächte , wie auf Engelsflügeln schweben sie vorüber . Aber anders ists , wenn im Irrsinn der Mann liegt , das Weib alleine ist , seine Gedanken ihm niemand abnimmt als Gott . Auch vor sein Auge stellt sich sein ganzes Leben , das vergangene , das gegenwärtige , das zukünftige , und klarer jede Nacht ; immer mehr schwinden die Schatten , es wird ein großes lebendiges Lebensbild . Süße Wehmut , schöne Träume , bitteres Weinen , geduldiges Ergeben , mutvolles Erheben wechseln in des einsamen Weibes Seele . Die Bilder , welche erst regellos durcheinanderfluteten , gestalten sich in immer festeren Zügen und bestimmter Ordnung , immer klarer bildet sich aus der Gegenwatt die Zukunft . Auch dieses Weib fleht : » Ists möglich , so gehe der Kelch an mir vorüber , doch nicht mein , sondern dein Wille geschehe ! « Aber weil des Herrn Wille ihm nicht offenbar ist , bildet sich vor seinem innern Auge die Zukunft in doppelter Weise . Es sieht sich Hand in Hand mit dem Manne durchs Leben gehen , es trägt in den nächsten Tagen ihn zum Grabe , steht alleine mit den Waisen , muß alleine sie führen ins Leben , sie stärken zum Leben . Wie dunkle , schwere Gewitterwolken wälzen sich diese Bilder anfänglich an seinem Auge vorüber ; aber allmählich klären sie sich ab , gestalten bestimmter sich , gleichförmiger , nur aber schöner jede Nacht , gestalten zu bestimmten Entschlüssen sich , zu einem Leben , den Gedanken eines Malers ähnlich , in denen er ein Bild feststellt , in großen Umrissen zuerst und allmählich von Gestalt zu Gestalt bis zur Ausprägung der einzelnen Züge , an dessen Ausführung er Jahre , ja sein Leben setzt . Man hat oft bewundert , mit welcher klaren Umsicht und großen Energie Witwen die Zügel großer Haushaltungen faßten und führten , wie ernst und fest sie ihre Kinder erzogen , wie mächtig sie dem Schmerze geboten , der doch sichtlich ihren Körper schüttelte . Wer dabeigewesen wäre in jenen stillen , langen Nächten , gesehen hätte , wie sie mit ihrem Schmerze , wir möchten fast sagen , mit Gott gerungen hätten , bis sie zu der Kraft und Klarheit gekommen , welche sie üben bis zum Grabe , durch welche sie hineinglänzen in das An , denken der Ihren wie Sterne in die Nacht , der würde sich nicht wundern , woher ihnen das Wesen gekommen , welches niemand in ihnen ahnte , welches so segensvoll wirkte . Doch auch in einer andern Richtung bildet die Seele , schafft eigentliche Lebensbilder : sie denkt in Wehmut , wenn Gott den Geliebten ihr wieder schenke , wie sie Beide ein neues Leben führen wollten in mildem Frieden , teuer Liebe , wie alle Schatten fort müßten aus dem Leben , alles Trübe , alles Zagen , alles Kümmern um Kleines , wie sie schaffen wollten in aller Freudigkeit ihr Tagewerk , absonderlich aber trachten nach dem Einen , das not tut . Heitere Bilder folgen einander in längerer Reihe , glänzen immer heller , je mehr die Krankheit weicht , das Leben aus der Krankheit wieder emporblüht , werden trüber und trüber , wenn die Krankheit steigt ; wenn der Tod kommt , erblassen sie , werden begraben im Gemüte , der wahren Familiengruft , in welcher die geliebten Toten geistig weilen bis zum Wiedersehen . Manche solche stille , lange Nacht wachte Vreneli an Ulis Bette , war versunken in tiefe Gedanken oder horchte mit blutendem Herzen auf die Irreden des Mannes . Mehr als eine Woche kam es nicht aus den Kleidern , wollte trotz des Doktors Befehl niemanden