klar . Richard , sprach sie , zuerst mit unsichrer , bebender Stimme , dann immer gefaßter , je länger sie sprach : Richard , seit das Unglück über uns hereinbrach , ach seit jenem sonnenhellen Morgen in meinem Oratorium , weißt Du es noch wohl ? seitdem sehen wir uns zum erstenmal wieder . Ich habe so viel Dir zu sagen , und so wenig Zeit , so wenig Athem , so wenig Besinnung , habe Geduld , und höre mich an . Damals wußte ich nicht was aus Dir geworden sei , jetzt weiß ich es wohl , Du wurdest festgehalten , damit mein Vater nicht selbst nach Tangarog - doch das ist vorbei , und gehört nicht mehr hierher . Ach , mein Freund , ich gab Dich damals verloren , verloren für Alles , nur nicht für mich , nicht für meine Liebe , wenn es Gott nur gefiele , das Leben Dir zu fristen . Sprich nicht , rege Dich nicht , höre mich bis an ' s Ende : bat sie als Richard sie unterbrechen wollte . Ich wähnte als Verschworner Dich angeklagt , verhaftet , verurtheilt , die Leute um mich her sagten es so , ich glaubte ihnen . O Richard , Geliebter , Einziger , welch ein Traum schmerzlicher und reinster Seligkeit tröstete , erfüllte damals mich ganz und hielt mich aufrecht , mich allein , während alles um mich her in Trauer versank ! Du warst verurtheilt , nach Sibirien verbannt , die Kibitka , so glaubte ich es , die Wache , die Dich fortführen sollte , alles war bereit , aber auch ich war es . Vor aller Welt , vor meinem Vater , meiner Mutter , vor all ' meinen stolzen Anverwandten bekannte ich mich als Dein , als die unzertrennliche Gefährtin Deines Geschicks . Ich begleitete Dich , ich diente Dir , ich pflegte Dich , sorgte für Dich , und theilte mit Dir jede Entbehrung , Mangel und Noth . Ich wäre ja nicht das erste Fürstenkind ; hat Mentzikoffs stolze schöne Tochter , sie , einst als kaiserliche Braut dem Throne so nah , nicht Gleiches für ihren Vater erduldet und vollbracht ? Nichts sollte mich hindern meinen festen Vorsatz auszuführen , nicht das Urtheil der Welt , auch nicht das Gebot meines Vaters . Bis zu meinem letzten Athemzuge hätte ich der Gewalt widerstanden , hätte Mittel gefunden Dir zu folgen , wenn man mich hinderte Dich zu begleiten . Dein Unglück gab meiner Liebe den Freibrief alles zu thun , alles zu wagen für Dich ! Welch ein Bild rollst Du vor meinen Augen auf , wie weiß Deine Liebe selbst das Fürchterliche mit unnennbarem Liebreiz auszuschmücken , o wäre es , wie Du es malst ! seufzte Richard . Es ist anders , ganz anders gekommen . Ich weiß Du fühlst wie ich , ein mit Schande beflecktes , von der öffentlichen Meinung gebrandmarktes Glück - wer trüge das ? Von Tausenden gehaßt , verachtet , des Meineids angeklagt , Tausende die unser Glück auf den Trümmern des ihrigen erbaut wähnen - - Du trügst es so wenig als ich ! Dein Traum zerrinnt , meiner ist längst zerronnen ! Richard hatte keine Antwort ! jedes Hoffen auf die Zukunft , jedes glückliche Gefühl in seiner Brust erstarb vor der ihn überwältigenden Wahrheit , die furchtbar , gleich dem jedes warme Leben versteinernden Haupte der Medusa , ihm entgegen starrte . Fahre wohl ! fahre wohl ! o fahre wohl : seufzte Helena , immer leiser und leiser , das Wort erstarb auf ihren Lippen , entgeistert hing sie in Richards Armen , über sie hingebeugt unterstützte er sie , starr , bleich , regungslos wie ein Todter . Von ihm unbemerkt war Helenas Vater hinter ihn getreten ; sie zuckte schmerzlich , aber still , indem er sanft und mit höchster Vorsicht aus Richards Umarmung sie löste . Gott tröste Dich , und gebe Dir Muth , mein Sohn : sprach der Fürst sehr mild , und eine Thräne glänzte in seinem Auge , indem er die leichte , geliebte Last auf seinen Armen in sein Zimmer trug . Wunden wie die , welche das Leben dem armen Richard geschlagen , heilt erst nach dem Verlaufe vieler langen Jahre die Zeit ; wenn unser Haar bleicht , das Blut in unsern Adern langsamer pulsirt , und unser Wünschen und Hoffen über diese Erde hinweg in andern höheren Regionen sicheren Ankergrund suchet und findet . Einige Monate reichen bei weitem nicht hin , ein solches Wunder zu bewirken , aber sie beschwichtigen wenigstens den Schmerz durch den Zauber der Gewöhnung . Wenn uns alles Hoffen verläßt , wenn uns jeder Tag fester überzeugt , daß nun und nimmermehr eine Änderung unsres Zustandes eintreten kann , dann hören die Wunden auf zu bluten , die Klage verstummt , in verschwiegner Einsamkeit wird der Schmerz unser stiller Begleiter , den wir mit einer Art peinlicher Wollust pflegen , und der Zerstörung gelassen zusehen , die unser irdisches Dasein untergräbt . Doch dahin war Richard noch bei weitem nicht gelangt , obgleich es dem Laufe der Zeit gemäß wohl der Fall hätte sein können . Mehrere Monate hatte er seit jener Trennung von dem Leben seines Lebens still und trübe hingebracht , und immer noch erneuerten unter seinen Augen sich die Folgen seiner That , und frischten Erinnerungen in ihm auf , die seine Ruhe untergruben . Kaiser Alexanders stets zur Milde und Nachsicht sich neigendes Gemüth fühlte durch das frevelhafte Unternehmen seiner Unterthanen sich sehr tief und schmerzlich verletzt . Mehr betrübt als entrüstet , schämte sein hoher edler Sinn sich gewissermaßen des schwarzen Undanks , der , wo er es am wenigsten erwartet hatte , in so gräßlicher Gestalt ihm entgegen trat , und wünschte nichts sehnlicher , als diese traurige Erfahrung der ganzen übrigen Welt verbergen zu können . Er mußte leider strafen ; der damals schon körperlich leidende Monarch that