, anzuziehen . So sitzt er denn wie ein altes Gespenst in seinem Zimmer , und ihm ist es selber ganz recht , wenn an diesem Tage Freund und Bekannter seine Nähe vermeidet . « Jetzt brach Lamprecht auf , um nach seinem kranken Freunde zu sehen ; Leonhard aber konnte es nicht müde werden , seine vielgeliebte Stadt zu durchwandern . Er mochte nicht aus dem Tore gehen , um die poetische Täuschung , in welcher er befangen war , nicht aufzulösen , weil er von ehemals wußte , daß die Natur und Gegend um Nürnberg her nichts Erfreuliches bieten . Er segnete eine Stadt , wie es freilich nur wenige gibt , deren Steine , Mauern und Türme den Wanderer so fesseln können , daß er keine Sehnsucht empfindet , die ihn hinaus in das Freie treibt . Leonhard hatte versprochen , am Abend , weil es Sonntag war , einer heiligen Versammlung beizuwohnen , welche zweimal in der Woche bei dem Brauer Lamprecht zu einer gottesdienstlichen Feier sich verband . Die Mitglieder dieser Gemeinschaft versäumten zwar die Kirchen nicht , um nicht aufzufallen und kein Ärgernis zu erregen ; sie hielten aber den öffentlichen Gottesdienst für etwas sehr Gleichgültiges , und sparten ihren Eifer und die wahre Andacht für diese fast heimlichen Zusammenkünfte . Leonhard bereute sein Versprechen , und begriff jetzt selbst nicht , wie er es zu geben sich hatte verleiten lassen ; indessen wollte er sein Wort nicht brechen und begab sich in das Zimmer , wo die übrigen schon versammelt waren . Er fand dort den Vorsteher , den Braueigner Lamprecht , und den eingebildeten Juden Franke , der mit verbundenem Kopfe , blaß und seufzend dasaß . Einige ältere und jüngere Männer waren noch zugegen , und Leonhard ließ sich denjenigen vom Vorsteher bezeichnen , welcher zuzeiten den feuerfarbenen Schlafrock anlege , um Freund und Feind zu schrecken . Er war offenbar der Älteste der Gesellschaft , ein blasser Greis , mit schlichtem weißem Haar , einer andächtigen , sanften Miene und mit dem Ausdruck stiller Frömmigkeit im Auge . » Unmöglich ! « sagte Leonhard , » dieser ist nicht fähig , auch nur ein Tier zu kränken , oder ihm wehe zu tun . « » Lieber Bruder « , sagte Lamprecht , » in uns allen liegt der Löwe nur an Ketten , und springt brüllend auf , sowie er sich frei fühlt . Ohne Gnade von oben und festen Willen von uns selbst , sind wir dem wilden Wahnwitz immerdar preisgegeben . Keiner halte sich für den Sichern , denn dieses Trotzen auf unsere Sicherheit ist eben unsere allergrößte Sünde . Wer sich bescheiden fürchtet und an seinen Kräften zweifelt , wird der Versuchung viel weniger unterliegen . « Man hörte die Glocke schlagen , und alsbald schwiegen alle und vereinigten sich zu einem stillen Gebet . Nun stand Lamprecht auf und hielt eine lange Rede , bei welcher Leonhard wohl einsah und fühlte , daß sie eigentlich zunächst auf seine Bekehrung abzwecke . Der junge Mann trug nicht ohne Beredsamkeit und Begeisterung den Gedanken vor , daß sich die Andacht jedes einzelnen , die oft den zerstreuten Weltmenschen sogar besuche , an dem Glauben und der Erhebung des zweiten Bruders stärken und kräftigen müsse . Nur so bewähre sich die Gnade und werde sichtbar , die sonst nur flüchtig , wie Sonnenglanz bei stürmischem Wetter , vorüberfahre und das Herz vielleicht nur leerer und dürrer ausschöpfe , als es sich vorher gefühlt habe . So sei das Bedürfnis der Gemeine früh empfunden worden , und darauf habe sich die Kirche begründet . In solcher Gemeinsamkeit wehe gleichsam ein Geist in allen Gliedern , und jeder sei zugleich Laie und Priester . Priester im schönsten Sinn des Wortes sei jeder , dessen Seele sich vom Anhauche Gottes erregt fühle , so sei es im Anbeginn der Christenheit gewesen , und dieses Vorrecht der Erleuchtung habe die Reformation auch wieder reklamiert . Nur habe sich leider , schon sehr früh , die Priesterherrschaft in anderer Gestaltung wieder eingeführt , welche ein Monopol mit Gnade und Glauben treiben wolle . Dies zwinge begeisterte Gemüter zu einer engern , aber stillen Verbindung , die sich der Öffentlichkeit entziehe , und nur in der Verborgenheit stark und segensreich bleiben könne . Dieses freie Christentum , vom Staate nicht sanktioniert , durch keine erteilte Priesterwürde gerechtfertigt , sei eben dadurch das wahre , ursprüngliche , welches die Apostel gegründet hätten , und welches auch alsbald seine Weihe und Wahrheit verloren , sowie ihm öffentliche Anerkennung und ein Privilegium geworden sei . In diesen Gemeinen aber , die nur das bewegte Herz und das Bedürfnis des Glaubens zusammenführe , sei nach der Verheißung der Heiland wahrhaft gegenwärtig ; er segne sie durch seine unmittelbare Liebe , die sich allen mitteile ; und in diesem Überschwung der Liebe , in dieser Einverleibtheit mit ihm sei die Vergebung aller Sünden und der Genuß der Gnade , sowie seiner persönlichen Gegenwart , und die Begeisterten bedürften also keines Symbols oder einer körperlichen , sichtbaren Überzeugung . Es war nicht zu verkennen , daß der Redner eine Erschütterung Leonhards erwartet hatte , die mit dem Bekenntnis und Entschluß endigen würde , daß er ein Mitglied dieser Sekte werden wolle . Als diese Entwickelung nicht erfolgte , war Lamprecht erst etwas verlegen ; dann entschloß man sich , gewöhlichere Gespräche zu führen , die das alltägliche Leben betrafen . Nach und nach entfernter sich die übrigen Mitglieder , und nur Leonhard , Lamprecht und jener stille Greis , welcher sich Alfert nannte , blieben beisammen , um bei vertraulichen Gesprächen ein leichtes Abendessen einzunehmen . Leonhard erzählte von sich und seinem Haushalt daheim , seiner Frau und seinem Pflegesohn , wie sich sein Geschäft ausgebreitet habe , und wie er als junger Gesell vor etwa zehn Jahren Franken , Schwaben , die Rheinländer und noch andere Gegenden durchstreift habe . Da jetzt nicht mehr von religiösen Gegenständen die Rede