dem bösen Einfluß der Nachtluft zu trotzen . So kommen sie an die Brücke , die jetzt ausgebessert wird , und nur eine schmale Ueberfahrt gestattet . Wagen , die einander begegnen , müssen dann anhalten , und sich über das Recht des Vorfahrens vereinen . Des Amtmanns Calesche , von zwei Pferden gezogen , bleibt billig bei der Annäherung einer großen , sechsspännigen Reisekutsche zurück . Diese rollt nun über die Brücke . Neugierig biegt sich ein Kinderköpfchen zum Schlage heraus . » Mama ! Mama ! da ist sie ja ! « ruft eine herzzerschneidende Stimme . Und gleich darauf : » O bitte , liebe Mama , komm doch mit ! O bitte , bitte ! « Zerrissen , verwirrt , von wilden Empfindungen um Bewußtsein und Fassung gebracht , stürzt die unglückliche Mutter zum Wagen heraus , dem rasch Vorüberfahrenden nachschreiend , händeringend sinkt sie in die Kniee , dicke Staubwirbel , und Georgs Klagen , ziehen vor ihr her , sonst ist es Nacht um sie . Sie sieht nichts mehr ! - In diesem Zustande trifft sie der Graf , welcher auf Ihr Geheiß , mein Fräulein ! nach der Stadt eilte . Sie erkannte ihn nicht . Seine Verzweiflung , wie mir der Amtmann sagte , war unbeschreiblich . Er trug die Ohnmächtige in den Wagen , und während seine Leute mich zu holen eilten , begleitete er jene nach dem Amthof . Ich kam in der Nacht hier an . Ich fand bedenkliche Anzeichen , und darf es nicht verschweigen , daß die Natur wohl einen harten Kampf vorbereitet . Der Graf sitzt stumm an dem Bette der Kranken . Er fragt nicht , er äußert nicht Angst noch Sorge . Doch wird die Falte zwischen seinen Augen immer tiefer , sein Blick immer finsterer , das Gesicht starrer , der Schmerz hat all das Fürchterliche bei ihm , was Diejenigen ihm geben , die ihn auf Kosten ihrer Existenz in sich erdrücken , und Gewalt gegen Gewalt anrücken lassen . Hier im Hause herrscht die größte Bestürzung . Der Umstand , daß die Symptome der Krankheit sich ungefähr wie bei der verstorbenen Amtmannsfrau äußern , ruft alle schmerzliche Erinnerungen in die Herzen der Umstehenden zurück . Man giebt in der Regel der einmal gemachten Erfahrung bei ähnlicher Veranlassung unumschränkte Gewalt über die Gefühle . Niemand glaubt deshalb an Rettung , Alle beweinen die Kranke schon wie eine Todte , man hat dies kein Hehl , und selbst die ruhige , gelassene Madame Lindhof , durch so viele widrige Ereignisse nicht gleich so furchtsam , kann sich dennoch zu keiner Hoffnung erheben . Diese lähmende Trostlosigkeit ist indeß für Pflege und Aufsicht nachtheilig . Ich wage daher , Sie , mein Fräulein ! hieherzurufen , und hoffe um so mehr auf Sie , als ich nur kluger Umsicht und gefaßtem Gemüth fernere Verhaltungsregeln anvertrauen kann , von deren Beobachtung während meiner unaufschieblichen Rückkehr nach der Stadt , sehr viel abhängt . Unheimlich ist es , und ich leugne nicht , auch für Stärkere möchte es peinlich sein , daß die Fremde , welche hier eingezogen ist , und die bei den Leuten unter dem Namen : das graue Nönnchen , ( der Farbe ihrer Kleidung wegen ) bekannt ist , gerade bei der Ankunft der Kranken ihren nächtlichen Umgang hielt , und bei dem Wagen stehen blieb , als dieser vor dem Hofe einen Augenblick hielt , bis die Thorflügel geöffnet waren . Selbst der Graf soll zusammengezuckt und ängstlich gestöhnt haben . Einige wollen deshalb gar nicht zugeben , daß es die Fremde gewesen sei ; sie halten die Gestalt für den Geist der verstorbenen Amtmännin , und vermehren dadurch nur die dumpfe Bestürzung . Alles dies , mein bestes Fräulein ! möge Ihre Ankunft beschleunigen . Ich erwarte Sie in wenigen Stunden . Der Geistliche an Leontin Das Vertrauen eines Menschen ist ein unschätzbares Gut . Er giebt sich uns in diesem überströmenden Augenblicke selbst . Das will viel sagen . Solch Geschenk kann nicht bescheiden , nicht berücksichtigend genug angenommen werden . Aus diesem Grunde allein , mein würdiger und verehrter Herr Baron ! ließ ich Ihren schönen , rührenden Brief bis heute unbeantwortet . Wäre ich unmittelbar meinem Herzen gefolgt , ich hätte Ihnen gleich gesagt , was dieses durch und durch erschütterte . Wäre ich späterhin meinem Kopfe gefolgt , ich hätte mehr und anderes gesagt , und doch wohl nicht das Rechte . Heute will ich nun nichts , als Ihnen danken , Sie um Vergebung bitten , und mich bei Ihnen entschuldigen , daß ich lieber schweigen , als zur unrechten Zeit reden mochte . Der Grund meiner größern Zaghaftigkeit lag wohl hauptsächlich darin , daß ich vor nicht allzu geraumer Zeit erst von der Nutzlosigkeit warnender Worte eine traurige Erfahrung machen mußte . Wo das Gefühl vorwaltet , verletzt jeder Laut , der diesem Gefühl Einhalt thut . Es ist gewiß nichts schwerer , als hier den rechten Ton zu treffen . Eine Aeußerung Ihres geehrten Schreibens getraue ich mir gleichwohl aufzunehmen , und was ich darüber denke , frei auszusprechen . Es betrifft die Selbstwahl der Buße , und den Loskauf der Sünde durch Opfer . Sie bestätigen Ihre Ueberzeugung , mein Herr Baron ! durch den Entschluß , der Welt , wie dem äußern Wirken in dieser , entsagen , auf jedes Vorrecht größerer Freiheit , auf häusliches Glück , auf Familienfreude verzichten zu wollen . Sie entwerfen den Plan einer heiligen Stiftung , Sie denken sich der kleinern , enger erwählten Gemeine anzuschließen , und im Verborgenen das heilige Licht der Verklärung ruhiger und reiner wirken zu lassen . Es soll gewiß Punkte auf den vielbewegten Planeten geben , die dem aufwärtssteigenden Strahl des Gedankens Schutz , der Zusammenziehung der Lichtstoffe Stille , ihrer Rückwirkung auf die Erde Raum sichern . Es liegt jedem ob , diesen Punkt nach dem Maße seines Dafürhaltens zu suchen . Niemand möchte dem Andern füglich