Und so ging es treppauf , treppab , stundenlang . Alles , was an lebende Blumen das Haus schmückte , wurde in die Treibhäuser gesteckt ; man hörte einen Zimmerschlüssel nach dem andern im Schlosse kreischen , und die noch offene Fensterladen vorlegen -- es war schauerlich , wie sich so nach und nach , hinter den Vollstreckern des Gesetzes her , die Dunkelheit und das Schweigen in den verlassenen Ecken niederhockte . Zwischen das Treiben hinein schimpfte und fluchte die Dienerschaft nunmehr ganz offen und jammerte um den rückständigen Lohn , aber jedes schnürte sein Bündel , um das Haus zu verlassen , dessen Komfort hinter Schloß und Riegel lag , dessen Fleischtöpfe nicht mehr brodelten . Nur der Gärtner blieb und wurde in der Domestikenstube einquartiert . Und inmitten dieser Verwirrung hob die Mädchenseele droben in der Bel-Etage die Flügel , um nach jahrelangem , heldenhaftem Kampfe den kranken Leib leise und klaglos abzustreifen . Henriettens Zimmer blieben unberührt von dem Geräusche der Beschlagnahme – was die Sterbende umgab , war ihr Eigentum . Man bemühte sich auch , in der Bell-Etage jeden Lärm , selbst den der lauter Fußtritte , zu vermeiden , und so drang nichts zu der scheidender Seele , was sie noch einmal aufschrecken und in die irdische Misere zurückblicken machen konnte . Sie sah nur vor sich , durch das offene Fenster , in einen wahren Rosenhimmel hinein ; sie sah die Schwalben mit ihren weißen Brust- unnd Flügelfeder wie silberne Kreuze unter den hochziehenden , rotglänzenden Abendwolken hinschießen , hastig , von dem erwachten Wandertrieb in der Brust beunruhigt . Noch gestern waren feine Rauchstreifen von der Ruine her vorübergezogen , und fernes Geräusch hatte die Gedanken des kranken Mädchens immer wieder auf sich gelenkt und schmerzbewegt um die Unglücksstätte kreisen lassen , wo die berstenden Mauern zusammeungestürzt waren über “ dem Unvorsichtigen ” , an welchem sie , bei allen seinen Schwächen , doch mit schwesterlicher Zuneigung gehangen hatte . In die jetzige feierliche Abendstunde aber , in das sticke Hingehen des Tages und eines kurzen Mädchenlebens mischten sich keine Anzeichen jener Schrecknisse mehr . Der Doktor saß an Henriettens Bett . Er sah , wie der Tod dieses Antlitz von Geist und Bewußtsein mit rapider Schnelligkeit , Strich um Strich , schärfte und markierten an die Fingerspitzen der Kranken klopfte der entfliehende Lebensstrom in so vereinzelten Pulsschlägen , als kehre von fern her hie und da eine Welle zurück und spüle noch einmal an das verlassene Ufer . “ Flora ! ” flüsterte Henriette und sah ihn mit einem sprechenden Blicke an . “ Soll sie kommen ? ” fragte er , sofort bereit nach ihr zu gehen . Henriette schüttelte schwach den Kopf . “ Du wirst mir nicht böse sein , wenn ich mit Dir und Käthe allein bleiben möchte , bis – ” Sie vollendete nicht und pflückte mit halbversagenden Fingern an dem welken , roten Weinlaub auf der Bettdecke . “ Ich will es ihr ersparen , und sie wird es mir Dank wissen ; ” -- noch einmal schwebte der Anfang eines sarkastischen Lächelns schattenhaft um ihren Mund -- “ sie kann Rührszenen nicht leiden . . . . Du sollst ihr nur einen Gruß bringen , Leo . ” Der Doktor schwieg und neigte das Haupt . In seiner nächsten Nähe stand Käthe . Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen - -die Sterbende stützte sich ahnungslos auf Beziehnungen , die nicht mehr existierten ; erfuhr sie noch die Wahrheit ? Ein angstvoller Seitenblick streifte das Gesicht des Doktors . es blieb vollkommen ernst und gefaßt ; die Scheidende durfte durch eine unerwartet hereinbrechende Nachricht aus der schon halb und halb verlassenen Welt herüber nicht mehr aufgeschreckt werden , und zu einer Vorbereitung blieb -- keine Zeit . Henriettes Augen schweiften über den Himmel hin . “ Wie köstlich klar und rosig ! Ein Hineintanchen der befreiten Seele muß himmlisch sein , ” flüsterte sie innig . “ Ob es ein Zurückblicken gibt ? Ich will ja nur Eines sehen . . . ” sie wandte mühsam den Kopf in den Kissen und sah voll , zum ersten Male mit dem ganzen , unverhehlten Ausdruck unaussprechlicher Liebe zu Bruck auf -- “ ob Du glücklich wirst , Leo . Dann mag es mich fort , in Sonnenfernen tragen . ” -- Zu sagen “ ich muß das wissen , um selig werden zu können , weil ich dich geliebt habe mit allen Kräften , mit jeder Faser meines Herzens , ” das konnte die scheu verschlossene Mädchenseele selbst in der Todesstunde nicht über sich gewinnen . Es war , als überfliege ein verklärender Schein die gesenkte Stirn des Doktors . “ Es hat sich noch Alles glücklich für mich gewendet , Henriette , ” sagte er bewegt . “ Ich wage zu hoffen , daß ich nicht mehr einsam und verbittert durchs Leben gehen werde , oder besser ; ich weiß , daß sich in der zwölften Stunde noch mein Traum von wahrer Lebensbeglückung erfüllen wird -- genügt Dir das , meine Schwester ? ” Er zog die schmale , erkaltete Hand , die er noch in der feinen hielt , an die Lippen . “ Ich danke Dir , ” setzte er innig hinzu . Ein Erröthen , sanft rosig wie das Abendlicht draußen , kam und schwand in jähem Wechsel aus den Wangen der Sterbenden ; mit einem Ausdruck von scheuem Glück streiften ihre Augen unwillkürlich die Schwester , welche , die Rechte auf Brucks Armstuhl gelegt , sichtlich bemüht war , ihren Schmerz , aber auch eine unverkennbare Bestürzung zu bemeistern . Bei diesem Anblick schmolz Henriettens Herz in Weh und Mitleid . “ Sieh meine Käthe an , Bruck ! sagte sie bittend , aber mit erlöschender Stimme und unaufhörlich von Athemnoth unterbrochen “ Lasse mich ' s noch anssprechen , was mich immer bedrückt und tief geschmerzt hat ! Du bist immer so kalt gegen sie gewesen -- einmal sogar