seinem Schutz und wollte sie noch diesen Abend zu seiner Mutter bringen . Würde er sie wohl dazu überreden können ? Das war die Frage , die ihn in atemlose Spannung versetzte . Ernestine war keines Wortes für ihre Empfindungen fähig . Sie vermochte kein Auge zu ihrem Beschützer zu erheben — Scham , tiefe glühende Scham lag über ihrer Seele — sie hatte sich so recht als Weib und ihn als Mann erkannt — sie bewunderte ihn , schämte sich ihrer selbst . — Welch ein Gefühl war das ? — Ja , es war dieselbe Zerknirschung , die sie einst empfunden — unter jener Eiche , da sie wie heute verfolgt von Spott und Haß mit dem Jüngling zusammentraf , dem edlen Jüngling , der ihr das prophetische Buch geschenkt . Aber wann sollte die Weissagung des Märchens in Erfüllung gehen ? Wann sollte sie aufhören , verlacht , verachtet , mißhandelt zu werden ? Wann sollte er endlich das Gefieder auf ruhiger klarer Welle in sonnigem Frieden entfalten — der einsame , verfolgte , todesmatte Schwan ? Und sie schlug auf einmal von Schmerz überwältigt die Hände vor das Gesicht und brach in Tränen aus . Sie sank auf den Hügel nieder und schluchzte wie ein Kind . Johannes stand schweigend vor ihr . Derselbe Gedanke , dieselbe Erinnerung war es ja , die seine Brust erfüllte , und wie eine Antwort auf ihr stummes Selbstgespräch entglitten seinen Lippen mit schmelzend weicher Innigkeit die Worte : „ Armer Schwan ! “ Da zog Ernestine die Hände vom Gesicht und starrte ihn mit weitgeöffneten Augen an ; sie sprang auf , eine dunkle Röte ergoß sich über ihr bleiches Antlitz , ihren ganzen Körper überflog ein Zittern , — sie schaute ihn an und je länger sie schaute , desto mächtiger ward ihre Bewegung . „ Das — das kann nur ein Mensch auf Erden wissen , “ stammelte sie . „ Was ? “ fragte Johannes mit klopfendem Herzen . „ Das — was ich jetzt dachte — das mit dem Schwan ! “ brachte sie mühsam hervor , denn die Stimme versagte ihr . Johannes , der etwas tiefer stand als Ernestine , blickte erwartungsvoll zu ihr auf . „ Und wer ist dieser Eine ? “ fragte er leise . Ernestine konnte nicht mehr antworten , von nie gekannten Schauern durchbebt harrte sie des Wunders , das dieser Augenblick über sie bringen sollte . „ Ernestine , können Sie sich des Jünglings noch entsinnen , der Sie als ein wildes , scheues Kind einst aus Lebensgefahr errettete ? “ Sie neigte das Haupt : „ Ja ! “ „ Ernestine , haben Sie seiner wohl jemals , wenn auch nur einen Augenblick , in Ihrem kindlichen Herzen mit Liebe gedacht ? “ Sie schlug die Augen zu dem dämmernden Abendhimmel auf und schwieg eine Weile , dann aber hauchte sie wieder ein kaum hörbares : „ Ja . “ Eine weiße , leichte Wolke schwebte über ihrem Haupte hin — war es die Seejungfrau , die für den Geliebten gestorben und in Schaum zerflossen von den Töchtern der Luft emporgetragen ward zur ewigen Freude ? 62 Kehrte er wieder , jener fast vergessene schöne Liebestraum ihrer Kindheit , der einzige , den sie je geträumt ? Und sie sah der dahin eilenden Wolke nach , wie sie licht und lichter ward , bis sie sich allmählich im Äther auflöste und mild strahlend der Abendstern aufging , wo sie verschwand . „ Ernestine erkennst Du mich ? “ rief Johannes . „ Sieh , Gott hat mich Dir zum zweiten Mal zur Seite gestellt , um Dich zu schützen in einer selbstbereiteten Gefahr , und wie damals , als ich Dich vom brechenden Zweige herabholte , so breite ich Dir jetzt meine Arme entgegen und rufe Dir zu : Hier hinein flüchte , hier bist Du sicher ! O kleine Oryade , 63 Du bist dieselbe geblieben , wie groß und schön Du auch geworden ! Es sind noch die rätselhaften dunkeln Augen , es ist noch derselbe eigenartige einsame Geist , der in dem zarten Leibe gefangen um seine titanische Abstammung klagt.64 Damals wußte ich schon , daß es nur ein solches Geschöpf auf Erden gäbe , und ich hätte Dich wieder erkannt unter Tausenden , wie ich Dich erkannte , da Du allein hier auf dem Hügel standest . O wunderbares märchenhaftes Wesen , zerfließest Du nicht vor der irdischen Berührung in Duft , so komme an dies Herz , — darf sich der Staubgeborene Dir mit irdischer Neigung nahen , so nimm mich auf als Deinen Freund und lerne endlich einen Menschen lieben ! Ja , Du hoher , ätherreiner Genius , dem die Erden noch immer nicht zur Heimat wurde — ich bin nur ein Mensch — aber ich darf es wohl sagen — ein ehrlicher , treuer , liebender Mensch . Willst Du es nicht einmal mit einem solchen versuchen ? “ Ernestine stand unbeweglich , sie hatte die gefalteten Hände an ihre Stirn gedrückt , wie wir es wohl tun , wenn etwas Unbegreifliches , Unfaßliches auf uns eindringt . „ Du schweigst — Du hast kein Wort für mich ? Ernestine , sieh mich an , erkennst Du ihn denn nicht mehr , um dessen Hals Du einmal so willig Deine zitternden Arme schlangst ? “ Da streckte sie endlich dem glühenden Sprecher mit einem Ausdruck grenzenloser Freude wie grüßend die Hände entgegen . „ Johannes , “ rief sie , und Träne um Träne perlte auf ihre jungfräuliche Brust nieder . „ Johannes Möllner — o , Freund meiner Kindheit , ich erkenne Dich wieder ! “ Jubelnd eilte er den Hügel hinan . Er breitete seine Arme aus , um sie an seine Brust zu ziehen , doch da trat sie bestürzt einen Schritt vor ihm zurück , und eine so tiefe Scham , eine fast kindliche Angst malte sich auf ihrem errötenden Anlitz , daß Johannes