er dem Buben eine Handvoll ins Gesicht , den Rest goß er sich über Kopf und Nacken hinunter . Und wieder hinauf in den Sattel . Nun tranken die Gäule . Gierig schlürften sie von dem Grabenwasser , in dem sich der gelbe Himmel spiegelte . » Los ! Jetzt allweil hinter mir ! « Die zwei dunklen Reitergestalten jagten über die feuchten , fein dampfenden Wiesen hin . Im Uferinger Moor , das sie umreiten mußten , sangen die Frösche den wundervollen Abend an . Bei diesem Lied der Dämmerstunde wurde Jul von einer quälenden Erinnerung befallen . Die nassen Tropfen , die von seinem vorgebeugten Gesicht über den Hals des Falben rollten - das waren nicht nur die Tropfen des Reiterschweißes . Nun eine gute Straße . Sanft wogende Ährenfelder in der letzten Farbe des Lichtes . Einzelne Hütten , kleine , friedsame Dörfer . Manchmal ein zärtliches Paar , das sich hinter Stauden verlor . Und vor den Haustüren heiterschwatzende Menschen , die stumm wurden , wenn die Reiter kamen . Der Himmel hatte noch milde Helle . Über der Erde lag schon ein stilles Grau , als die beiden den See von Waging gleich einem großen , weißen Schneefleck in der Dämmerung liegen sahen . Es kam ein dunkler Wald , in den der Straßenboden wie ein mattgrauer Strich hineinlief . » Bub ! Voraus ! « Malimmes hatte eine so heisere Stimme wie der Jungherr Someiner . » Und nimm das Eisen ! « Stumm gehorchte Jul . Und als er den Falben voraustrieb , blieb der Ingolstädter für einige Sprünge an seiner Seite . Die von Erregung gewürgte Stimme des Söldners raunte : » Vergiß nit , was du gelobt hast ! Wenn ich Fürwärts ! schrei , so schau dich nimmer um . Da reit , reit , reit ! Allweil der guten Straß nach . Und kommst du nach Burghausen , so mußt du dem Herzog melden - « Jetzt wollte Malimmes die Wahrheit sagen , die ganze . Aber da reichte die Zeit nimmer . In der Finsternis des Waldes war ' s lebendig geworden . Von beiden Seiten rasselten die schwarzen Klumpen der Chiemseer gegen die Straße her . Wie ein Irrsinniger fing Malimmes zu brüllen an : » Bub , fürwärts ! Fürwärts ! Fürwärts ! « Er riß den Ingolstädter herum und versetzte dem Falben noch einen wütenden Fußtritt . Schnaubend raste der schlanke Gaul des Buben davon . Und Malimmes sperrte mit dem kreisenden Bidenhänder die Straße . Geschrei und Flüche , das Stampfen und Keuchen der auf einen Haufen zusammengedrängten Gäule , klirrendes Eisen , das Gerassel der Platten und Schienen . In der Dunkelheit ein Funkensprühen wie vom Amboß eines Schmiedes . Ein schwarzer Eisenbrocken kollerte über den Wegrain - Malimmes hatte einen der Angreifer aus dem Sattel gestochen . Der reiterlos gewordene Gaul , der immer nach hinten ausschlug , raste durch die Finsternis davon . Und im Straßengraben gurgelte der schwer Verwundete mit junger Stimme : » Aschacher , hilf mir - Aschacher - Aschacher - « Da jagte Jul gegen diesen tobenden Knäuel her . Nicht nur die zerrenden Fäuste des Buben , der dem Malimmes beispringen wollte , hatten den Gaul gewendet . Der Falbe war selber umgekehrt , weil er als guter Kamerad den Ingolstädter suchte . In Gaul und Reiter war der gleiche Wille . Die Stimme des Buben schrillte : » Gesell , ich komm ! « Er hörte noch den wütenden Schrei des Malimmes , dieses zornig keuchende » Fürwärts ! Fürwärts ! « Aber da schlug er schon mit dem Eisen drein , zum erstenmal erfüllt von einem Wunsch , der töten mußte , weil er helfen wollte . Ein gellender Laut - ein stürzender Mensch , ein Roß , das sich überschlug - dann war es dem Buben , als fiele plötzlich etwas Fürchterliches über seinen Kopf , so schwer wie ein Berg . Unter dem Schwinden seiner Sinne fühlte er noch , daß er den Sattel verlor und im Sturz von einer starken Faust hinübergerissen wurde auf einen anderen Gaul . Dann war vor seinen Augen eine farbige Nacht . Und jene schmerzvolle Stimme , die im Straßengraben stöhnte : » Aschacher , hilf mir , Aschacher , Aschacher ! « - diese Stimme blieb in dunkler Ferne zurück und erlosch wie ein starkes Kinderwimmern in der Finsternis . Verfolgt von schreienden Reitern , an seiner Brust den ohnmächtigen Buben umklammernd , jagte Malimmes auf keuchendem Roß in den schütteren Wald hinein , dem matten Schimmer entgegen , mit dem der Waginger See hinter schwarzen Bäumen blinkte . 3 Im schmerzenden Gehirn des Jul ein zusammenhangloses Gewirr von grau umschleierten Bildern . Dazu ein Gerüttel , das beim Jagen des Gaules zu schaukelndem Fliegen wird ; ein quälendes Anprallen der Arme und Beine gegen schwarze Baumstämme ; zärtliche Laute des Malimmes und grimmige Flüche ; Geklirr von Waffen und der Todesschrei eines Erschlagenen ; ein Niedersausen durch dämmernde Luft ; der Sturz in den kalten See ; ein würgendes Wasserschlucken ; jetzt ein Auftauchen , ein peinvolles Erwachen ; ein Rauschen und Plätschern ; schwarz und triefend beugt sich ein Gesicht unter heißem Geflüster über den stöhnenden Buben her ; die Hufschläge klirren über festes Land ; immer keucht und hämmert ein Roß ; und noch ein zweiter Gaul ist da , der in Kreisen läuft und so schmetternd wiehert , als wär ' s der Falbe ! Alles schwere Eisen löst sich vom gerüttelten Leib - Malimmes reißt dem Buben die Wehrstücke herunter und schleudert sie in die Nacht hinaus - die gequälte Brust kann leichter atmen , nur diese eiserne Pein um die Stirn herum ist immer da und ist wie ein Schmerz , an dem man sterben muß . Ist das der Tod ? Dieses müde , auch unter Qual noch wohlige Dämmern ? Und träumen die Toten ? Träumen sie von glühenden Küssen auf Wangen und Augen ? Hat der