! Und sei gscheit , Lieserl , tu dich ordentlich niederlegen . Es kommt der Tag schon bald , und a paar Stünderln Ruh mußt haben , sonst kann dir ' s morgen jeder Mensch vom Gsichterl ablesen , daß was passiert is ! Geh , sei gscheit ! Ich hol dir dem Vater seine Kopfpolstern ummi . Der braucht s ' heut nacht sowieso net . « Sie verschwand und erschien wieder , unter jedem Arm ein bauschiges Kissen . Mit umständlicher Sorgfalt machte sie das Bett zurecht und entkleidete das feine Lieserl , das stumm und willenlos alles mit sich geschehen ließ . » So , du arms Hascherl ! Jetzt tu dich einihuscheln in d ' Federn ! Und ' s Lichtl laß ich brennen . Daß dich net fürchten tust . « Zärtlich streichelte die Zaunerin das blasse Gesicht ihres Kindes , zerdrückte mit der Faust eine schimmernde Mutterträne und humpelte seufzend aus der Stube . Schaudernd schmiegte sich Lieserl in die Kissen und zog das Deckbett über die Ohren . Die Stunden versickerten , und vor den Fenstern des Stübchens begann der erwachende Tag zu glänzen . Mutter Zaunerin erschien mit nasser Schürze und mit Händen , die von der Kälte des Wassers gerötet waren . Der süße Trost , den in allem Leid die Arbeit bietet , schien sich auch ihr erwiesen zu haben . Sie war gefaßt . » So , Lieserl ! A traurigs Gschäftl hab ich ghabt . Aber drunt is wieder alles in Ordnung . Jetzt kann ins Haus kommen , wer mag . Keiner wird merken , daß da was gschehen is . Vor die Leut heißt ' s Obacht geben ! Wir zwei unter uns können reden drüber , was für a Glück uns zugstanden wär , wenn ' s mögen hätt ! « Mit diesen Reden » unter uns « machte die Zaunerin gleich den Anfang und erörterte unter Seufzern jede Hoffnung , die das » arge Unglück « so jäh vernichtet hatte . » Schau , liebs Kindl , ich will dir gwiß kein Fürwurf machen . Aber hättst Vertrauen zu deiner Mutter ghabt , wer weiß , wie ' s gangen wär ? Und red doch endlich amal a Wörtl ! Es könnt mich trösten , wenn ich wüßt , wie alles kommen is . « Lieserl schüttelte heftig den Kopf und vergrub das Gesicht in die Kissen . Aber die schmerzvolle Neugier der Zaunerin gab keine Ruhe mehr , bis sie gestillt wurde . Lieserl mußte erzählen , ob sie wollte oder nicht . Es wuchs der Tag vor den Fenstern . Und wie das Licht da draußen in alle Winkel des Tales drang , so schlich sich auch ein verklärender Strahl in Lieserls dunkle Liebesgeschichte . Sie schien es selbst nicht zu merken , daß sie beim Erzählen mehr als bedenklich von der Wahrheit abirrte . die Verstörtheit ihres hübschen Grübchengesichtes begann sich zu mildern , und während ihre dunklen Kirschenaugen in schwärmerischem Kummer blickten , verwandelte Lieserl sich vor der Mutter in die makellose , des tiefsten Mitleids würdige Heldin eines sentimentalen Romans , der die Zaunerin zu Tränen rührte . Im Verlaufe des vorletzten Kapitels , das im abendlichen Walde spielte und eines Kniefalls mit heißen Liebesschwüren des unglücklichen Helden Erwähnung tat , ließ sich Lieserl ihr Röckl reichen und holte aus der Tasche ein zusammengeknüpftes Tüchl hervor . Über der Bettdecke löste sie den Knoten und hielt der Mutter auf flacher Hand den funkelnden Rubin entgegen . » Da schau , Mutter ! Den kostbaren Edelstein hat er mir gschenkt ! Soviel is unser Haus und Garten net wert ! « Das war eine poetische Übertreibung , aber sie fand den sprachlos staunenden Glauben der Zaunerin . » Und gschworen hat er mir , daß er mich lieber hätt als alles auf der Welt ! « Tränen erstickten ihre Stimme . » Der gute , liebe , süße Mensch ! « Vor Rührung , Schmerz und freudiger Überraschung einem Weinkrampf nahe , warf die Zaunerin sich an die Brust ihres Kindes . » Lieserl , Lieserl ! Dös kostbare Blutströpfl mußt in Ehren halten und am Halserl tragen wie an Ammalett , zum ewigen Andenken bis zu deiner seligen Todesstund ! « Tod ! Das üble Wort jagte einen Schauer über Lieserls Nacken . » Ich bitt dich , red net allweil vom Sterben ! « greinte sie und wand sich aus den Armen der Mutter . Die Zaunerin klagte weiter : » Du mein arms , unschuldigs Kindl du ! Der hätt dich gheirat , Lieserl ! Du , Frau Gräfin ! Und ich als Gräfin-Mutter ! Und jetzt is alles aus ! Und wer kann wissen , ob ' s Unglück schon an End hat ? Völlig grausen tut ' s mir , wenn ich dran denk , was da für Sachen aussiwachsen können ! Und wer muß leiden drunter ? Du , Lieserl ! Allweil der Unschuldig ! Dös is die Grechtigkeit auf der Welt ! Gott behüt uns vor so was ! « Die Zaunerin schlug ein Kreuz . Dazu hatte sie den rechten Augenblick gewählt , denn das Morgengeläut der Kirchenglocke begrüßte den neugeborenen Tag . Lieserl schien von der Angst der Mutter angesteckt . » Was soll mir denn gschehen können ? « » D ' Leut , Lieserl ! Die schlechten Leut ! Wär alles gut nausgangen , ' s ganze Dorf wär zersprungen vor lauter Neid . Aber jetzt ! Weil alles schief gangen is ! Wann der Vater die Gschicht net gut vermankelt , rucken d ' Leut mit ' m Gspött und mit der boshaften Gaudi über uns her , daß man sich in Erdboden verschliefen möcht ! Verschandeln werden dich d ' Leut , kein guts Haar mehr lassen s ' an deiner Ehr ! Und hängen bleibt ' s an dir ! Dein Leben lang ! Herrichten werden dich d ' Leut , daß dich keiner mehr anschaut