Genie zu innigerem Bunde mit der holden Psyche der Thusnelda Wechsler vereinigt hatte - » ich schwärme für das Abnorme , « rechtfertigte Thusnelda ihre neue Neigung - zog sich der Vielbegehrte zurück . Seine Besuche wurden seltener , dann hörten sie ganz auf . Und jetzt haderte - Frau Leopoldine mit sich selbst , daß sie ihm bei dieser zufälligen Begegnung noch Rede gestanden , statt sich auf eine förmliche und flüchtige Erwiderung seines Grußes zu beschränken . Ja , sie hatte ihn nunmehr im Verdacht , daß er vielleicht dem in Hexametern verfaßten anonymen Spottgedicht nicht ganz ferne stehe , das sie vor wenigen Tagen erhalten und worin in ziemlich schmutziger Geistreichelei auf das angebliche Verhältnis Drillingers mit einer kleinen Gesangskünstlerin angespielt war : nachdem er sich lange gemüht , mit markigem Strich der hochgereckten Baßgeige wonniges Getön zu entlocken , presse ein zierliches Violoncell er jetzt zwischen die ermüdeten Kniee - Leopoldine erinnerte sich der gekünstelten Wortfolge nur noch ganz lückenhaft und undeutlich , denn sie hatte das boshafte Pasquill im ersten Zorn sofort verbrannt . » Mama , gehst Du noch weit ? Du gehst so schnell ! « stieß der kleine Eugen hervor mit Thränen in der Stimme . » Armer Kerl , Dir geht ' s heute auch schlimm . Nein , wir gehen nicht mehr weiter . Nur noch ein paar Schritte . Wir fahren dann ein großes Stück mit der Trambahn zurück . « Sie beugte sich zu ihm nieder und streichelte ihm tröstend die Wangen und küßte ihn . Am äußersten Ende der Auenstraße lag hinter dem großen , eingeplankten Platze , der im Sommer als Nennplatz für die Radfahrer , im Winter als Eisbahn für die Schlittschuhläufer diente , eine Reihe von uralten , einstöckigen Hänschen , umgeben von Gärten , Gemüsefeldern und Schuttablagerungen . Die Bauart war die denkbar einfachste , ländlichste . Die Wände waren wettergrau , die Thüren und Fenster ohne Symmetrie , die Ziegeldächer saßen windschief . Aber es sprach etwas Trauliches , Anheimelndes aus diesen anspruchslosen Gebäuden . Das eins hatte eine gedeckte Treppe gegen den Garten , mit wildem Wein oder Epheu umrankt , das andere eine Art von Veranda , wo Rosmarin , Goldlack und rote Nelken in Töpfen blühten , das dritte eine Holzaltane , - wo seit Generationen die treue Hausschwalbe ihr Sommernest bezog - kurz , jedes hatte etwas , was die Freude seiner Bewohner an dieser stillen ländlichen Natureinsiedelei im Rücken der Stadt und fünfzig Schritte von der Isar , die zwischen hohen Bäumen und Büschen eilig dahinrauschte , zur Lust am Romantischen im stimmungsvollen Kleinleben der Armut erhöhen konnte . Meist wohnten hier Leute , die eine lange , billige Miete genießend , ein Stückchen Feld dazu gepachtet hatten und eine bescheidene Gemüsegärtnerei trieben , oder Schiffbrüchige des kleinen Gewerbestandes , die sich hieher wie auf ein Wrak gerettet hatten , oder solche , die in der Zurückgezogenheit ihr Leben fristen und die Wunden vernarben lassen wollten , welche ihnen der Kampf um ein eigenwillig , von der gewöhnlichen Ordnung abweichend gestaltetes Dasein geschlagen hatte . Zur letzten Gattung gehörten die Bewohner des abseits vom Landwege liegenden , nur auf einem schmalen , holperigen Pfade zu erreichenden Gartenhäuschens , über dessen vermorschte , ausgetretene Holzschwelle jetzt die Frau Kommerzienrat Raßler mit ihrem Söhnchen schritt . » Elisa v. Hutzler singt , « sagte sie und blieb einen Augenblick im dunklen Flur stehen , tief Atem holend und den seufzerartig anschwellenden und verwehenden Tönen der Sängerin lauschend . Es war eine kranke , müde Stimme , die sich an einem wenig bekannten pietistischen Liede aus dem vorigen Jahrhundert abmühte . Auf einem ausgespielten Harmonium wurden weinerliche Akkorde dazu angeschlagen . Der Text , soweit ihn Frau Raßler verstehen konnte , war sonderbar genug , rührte sie aber in seiner frommen Naivetät fast zu Thränen . Sie ließ sich auf die Treppe nieder und zog das Kind auf ihren Schoß . Draußen waren die Lichter des Sonnenuntergangs verglommen . Die Nacht sank dunkelnd hernieder ... Der seufzerartige Gesang , klang wie aus einer andern Welt ... An einzelnen Stellen fiel eine tiefe , zitterige Männerstimme mit ein , ganz geisterhaft ... Wo ist mein Schäflein , das ich liebe , Das sich so weit von mir verirrt , Und selbst aus eigener Schuld verwirrt , Darum ich mich so sehr betrübe ? Wißt ihr ' s , ihr Auen und ihr Hecken , So sagt mir ' s , eurem Schöpfer an : Ich will seh ' n , ob ich ' s kann erwecken Und retten von der Irrebahn . » Mama , wer singt so ? Mama , Du weinst ? « Und ängstlich umschlang das Kind den Hals seiner Stiefmutter . » Mama , müssen wir lange da bleiben ? Erwartest Du jemand , Mama ? « Sie preßte den kleinen , scheuen Frager an die leidenschaftlich wogende Brust . Von oben klang der Gesang fort : Ich will dir keine Ruhe lassen , Ich will dich locken bis du hörst Und dich von Herzen zu mir kehrst ; Ach , wie will ich dich dann erfassen Und an mein Herz ganz sanfte drücken , An Liebesseilen sollst du gehn , Dann wird kein Feind dich mehr berücken , In meinen Hürden sollst du stehn . » Mama , ist eine Kirche da droben ? Das klingt wie eine Orgel . « » Das ist mehr als Kirche und Orgel , mein Kind . Das ist ein frommes Herz in einem frommen Haus ... Komm jetzt ! « Das Stübchen lag im Dunkeln . Der Abendgruß Leopoldinens wurde zunächst mit dem Anzünden einer Stearinkerze beantwortet . Elisa v. Hutzler leuchtete dem späten Gaste ins Gesicht . » Ach Sie ! « » Ja , ich und hier mein Eugen . « Von der Ecke hinterm Ofen her eine zitterige Stimme : » Danken Sie Gott für Ihr Kind . Wo ist das meinige ? Räuber und Mörder